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Die Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, Eva Kor, reicht dem ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning die Hand zur Versöhnung.

Vergebung

Gedenken an Auschwitz: Heil werden

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Erinnerung an eine Begegnung mit Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor traf ich vor rund drei Jahren. Sie war nach Berlin gekommen, um ihr Buch vorzustellen, „Die Macht des Vergebens“. Und ich muss zugeben, dass ich mich fragte, wie jemand, der in Auschwitz war, zu einem solchen Thema kommt.

Damals war Eva Mozes Kor 83, sie war auf einen Rollator angewiesen, machte aber nichtsdestotrotz einen resoluten Eindruck. Ich hatte bis zu dem Tag noch nie jemanden mit einer Auschwitz-Tätowierung auf dem Arm gesehen. Eva Mozes Kor versteckte sie nicht. Sie trug an diesem Wintertag eine leuchtend blaue Bluse, die gut zu ihren blauen Augen passte. Die Ärmel hatte sie hochgekrempelt. In ihrem Buch hatte sie erklärt, die Nummer sei deshalb so unscharf geraten, weil sie gezuckt hätte, als die heiße Nadel sie berührte. Ich versuchte, nicht auf ihren nackten Unterarm zu starren, und fragte mich später, was der Grund dafür war. Schließlich ist eine solche Nummer kein Makel.

Die 1934 in Rumänien geborene Eva Mozes Kor war zehn Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in einem Viehwaggon in Auschwitz ankam. Die Eltern wurden ermordet, sie und ihre Schwester waren noch am Leben, als die Rote Armee das Konzentrationslager am 27. Januar 1945 befreite. Die beiden sind auf mehreren Schwarz-Weiß-Bildern zu sehen. Zwei kleine Mädchen mit Wollmützen auf dem Kopf, die ihnen zu große gestreifte Anzüge tragen. Die beiden hatten zu den Kindern gehört, die Josef Mengele für seine Versuche benutzte. Er hat ihr und ihrer Schwester Keime injiziert, an denen sie schwer erkrankten.

Vergeben also. Im Jahr 2015 machte ein anderes Foto von Eva Mozes Kor Schlagzeilen. Es zeigt sie, wie sie in einem Lüneburger Gerichtssaal dem einstigen SS-Wachmann Oskar Gröning die Hand reicht. Der 95-Jährige war wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagt, Eva Mozes Kor war als Nebenklägerin nach Lüneburg gekommen. Sie erzählte, dass Gröning an der Rampe in Auschwitz gestanden und sortiert habe, als sie mit ihrer Familie im Jahr 1944 das Konzentrationslager erreichte, wie sie getrennt wurden. Dann gab sie Gröning nicht nur die Hand, sondern sagte, sie vergebe ihm. Die beiden Aufnahmen aus Auschwitz und Lüneburg scheinen einander zu widersprechen, einander auszuschließen. Sie zeigen etwas Ungeheuerliches.

Eva Mozes Kor schlug Unverständnis und Empörung entgegen. Die anderen Nebenkläger in dem Prozess gegen Gröning distanzierten sich mit einer öffentlichen Erklärung von ihr. Sie warfen ihr vor, sie habe den „Buchhalter von Auschwitz“ öffentlich rehabilitiert. Manche kritisierten, sie ziehe eine Show ab, manche versuchten, die Idee der Vergebung nicht ernst zu nehmen, sie ignorierten sie.

Die Empörung beruhte auf einem Missverständnis. Eva Mozes Kor vergab Gröning, aber sie hatte nicht die Absicht, sich mit ihm zu versöhnen, wie manche vermuteten, sie wollte das, was er getan hat, nicht entschuldigen, und keinesfalls vergessen oder einen Schlussstrich ziehen. Zuhause in Indiana hatte sie längst ein Holocaust-Museum aufgebaut, sie machte andere Zwillinge ausfindig, die von Mengele missbraucht worden waren, und bis kurz vor ihrem Tod im vergangenen Jahr – sie starb mit 84 Jahren ausgerechnet während ihrer jährlichen Reise mit Jugendlichen nach Auschwitz – war sie Zeitzeugin, hielt Vorträge, trat bei Konferenzen auf, gab Interviews.

Einen Täter berühren

An diesem Dezembertag in Berlin erzählte sie, wie es zu dem Handschlag kam, zu ihrer Haltung. Sie habe Auschwitz in einem geschäftigen Leben verdrängt, habe erst in Israel gelebt, sei später mit ihrem Mann in die USA gezogen, habe als Immobilienmaklerin gearbeitet und versucht, die antisemitischen Beschimpfungen zu ignorieren, mit denen ihre Kinder konfrontiert waren. Das funktionierte einigermaßen gut, bis sie im Jahr 1984 Auschwitz besuchte. Eva Mozes Kor erzählte, wie sie schon auf dem Flug mit Lufthansa nach Wien in Panik geriet, als die Stewardessen Deutsch sprachen. In Österreich habe sie dann zum ersten Mal ihre Auschwitz-Tätowierung versteckt. Sie war wieder Opfer. „Ich will das nicht, habe ich gedacht.“ Zu vergeben war ihr Ausweg.

Sie schlug diesen Ausweg mit der Entschlossenheit und Willenskraft ein, die vielleicht auch zu ihrem Überleben im Konzentrationslager beigetragen haben. Es muss sie ungeheure Anstrengung gekostet haben, Oskar Gröning zu berühren, diese Worte auszusprechen, gegen den Wunsch nach Rache anzukämpfen, gegen den Hass und die Wut, gegen all die negativen Gefühle, die sie empfunden haben muss. Sie hat es für sich getan. Zu vergeben war ein Akt der Selbstermächtigung. Eva Mozes Kor hat sich damit von der Rolle befreit, die ihr die Nazis zugedacht haben. Sie war kein Opfer mehr.

Am Ende unseres Treffens bat ich sie um eine Widmung in ihr Buch. „Forgive and heal“ schrieb sie in großen Buchstaben, vergebe und werde heil. Heil zu werden – Eva Mozes Kor ist das möglicherweise gelungen.

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