+
Alexanderplatz.

Israel

Gedenken an Auschwitz: Haifa, Alexanderplatz

  • schließen

Bis zum Besuch in Israel dachte ich, wenigstens in punkto Antifaschismus auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

Im Sommer 1993 war ich zum ersten Mal in Israel. Meine Reise führte über Rom, wo ich mich auf dem Flughafen mit den anderen Passagieren in einen Bus pferchen ließ, der uns zu der auf dem Vorfeld geparkten Maschine brachte. Es war eng, es war heiß, es war stickig. Nicht auszuhalten, wie man so sagt.

Da die paar Plätze sofort besetzt waren, mussten die meisten Leute stehen. Auch der ältere Mann mit seiner Frau, für die keiner aufstand. Sie hatten vor mir in der Schlange am Check-in gewartet und nun warteten wir, dass es endlich losging. Als der Bus anruckte, griffen unsere Hände reflexartig zu den Haltestangen. Und da sah ich auf ihren Unterarmen die Tätowierung. Ein paar Ziffern, tintenblau, blass, verwischt. Der Mann trug ein Hemd mit kurzen Ärmeln, die Frauen ein Sommerkleid. Ich weiß nicht, woher sie kamen, wohin sie gingen, ich weiß nicht, was sie in ihrem Leben schon hatten aushalten müssen. Ich kenne ihre Geschichte nicht, obwohl ich die Geschichte von Auschwitz zu kennen glaubte. Ich hatte Bücher gelesen, Filme gesehen, Zeitzeugen gehört und ein paar Jahre zuvor während des Studiums in Krakow die Lager in Auschwitz und Birkenau besichtigt. Aber hier, in diesem überfüllten Flughafenbus zwischen den lauten jungen Israelis und dem alten Ehepaar, wurde mir auf einmal bewusst, dass ich überhaupt nichts wusste. Ich hatte die Vergangenheit bewältigt, wie das gern verlangt wurde, und dabei nicht bemerkt, dass sie nicht vergangen war. Sie war gegenwärtig. Noch nie hatte ich mich so blond gefühlt, so schrecklich deutsch.

Nach Israel bin ich vor allem aus historischem Interesse gereist. Ich wollte Jerusalem sehen, Jerichow, das Jordanland, das Tote Meer, den See Genezareth, den Golan. Auf dem Flughafen „Ben Gurion“ in Tel Aviv blätterte der Sicherheitsbeamte sehr nachdenklich in meinem Pass, bevor er mich in einen Nebenraum bat. Besser gesagt: befahl. Ich hatte bei der Einreise den blauen Pass der DDR vorgelegt, der zu dieser Zeit noch gültig war. Das Dokument war den Beamten suspekt.

In Bussen nicht mit Gepäck

Bis dahin dachte ich, wenigstens in punkto Antifaschismus auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Meine politische Naivität reichte so weit, dass ich annahm, als Ostdeutscher in Israel herzlich willkommen zu sein. Was ein Trugschluss war, wie mir später ein israelischer Bekannter zu erklären versuchte. Es ging um Jassir Arafat, der zu dieser Zeit noch lebte, um die Palästinenser, die von der DDR unterstützt wurden. Auch von mir, wenn ich ehrlich bin. Und wie ich dachte, aus gutem Grund.

Es ist ein Dilemma. Seit dem Abend in Jerusalem misstraue ich in dieser Sache klaren Standpunkten. Vor allem meinen eigenen.

Zu Füßen des Karmelgebirges am Mittelmeer liegt die Hafenstadt Haifa. Dort sind nach dem Krieg Abertausende Juden aus den deutschen Lagern angekommen. Haifa war für sie die erste Station in einem Land, das ihnen eine neue Heimat bieten sollte. Ein Ort zum Leben. Als ich bei meiner Tour durch Israel nach Haifa kam, wollte ich eigentlich nur einen Tag bleiben. Ein Rundgang durch die Stadt, dann Besuch des Karmeliterklosters und dann noch in die wundervollen Gärten der Bahei. Als ich am Busbahnhof meinen Rucksack abgeben wollte, haben sie mich müde ausgelacht. Good Joke.

Gepäckaufbewahrung? Es gebe hier nicht mal Papierkörbe. In der ganzen Stadt nicht. Sie machten sich dann noch die Mühe, mich über die Terrorgefahr aufzuklären. Ziel der Selbstmordattentäter waren immer wieder Busse. Sie haben mich nicht mitgenommen, nicht mit Gepäck.

Also habe ich meinen Rucksack geschultert und bin zu Fuß den Berg hinauf, so gut es eben ging. Irgendwo auf halber Strecke habe ich in einem Bushäuschen Rast gemacht. Die Sonne knallte vom Himmel, ich war durchgeschwitzt, kaputt und sauer. Das muss einem älteren Herrn aufgefallen sein, der mich freundlich auf Englisch ansprach, um mir mitzuteilen, das der nächste Bus erst in zirka einer Stunde komme. Ich bedankte mich bei ihm für die Auskunft und ehe ich erklären konnte, dass er mich sowieso nicht mitnehmen würde, sagte er: „Sie sind deutsch?“

Genau genommen war das keine Frage. Er wusste es. Der Mann war Mitte siebzig, würde ich sagen. Er hatte einen weißen Haarkranz und ein sonnengebräuntes Gesicht. Wenn ich mich richtig erinnere, trug er auch so ein kurzärmeliges Sommerhemd, wie in Israel damals fast alle Männer dieser Generation. Wir kamen ins Gespräch – ein Gespräch, das ich bis heute führe, obwohl es schon fast dreißig Jahre her ist und der Mann wahrscheinlich längst nicht mehr lebt. „Woher kommen Sie?“, fragte er. Berlin, sagte ich. „Ah, Berlin. Wo genau?“, wollte er wissen. Friedrichshain, direkt am Volkspark. „Welche Seite?“ Zur Landsberger hin, falls Ihnen das was sagt. Es sagte ihm etwas. Auf meine Frage, wo er denn gewohnt habe, erzählte der Mann, dass seine Familie im Viertel um den Büschingplatz zu Hause gewesen sei. Was nun allerdings mir nichts sagte. Es ging ein bisschen hin und her und bald wurde mir klar, dass wir von zwei verschiedenen Städten sprachen. Sein Berlin gibt es nicht mehr, es lebt nur noch in der Erinnerung. Der Büschingplatz lag südlich vom Park Friedrichshain, etwa dort, wo heute die Mollstraße auf den Platz der Vereinten Nationen trifft. Wir unterhielten uns über den Märchenbrunnen und kamen auf den Alexanderplatz, der ihm so vor Augen gestanden haben muss, wie er ihn aus den Dreißigerjahren kannte. Mit der Berolina, dem Warenhaus Tietz und dem Rondell der großen Straßenbahnkreuzung.

Der Mann an der Bushaltestelle hatte Berlin 1937 mit seinen Eltern verlassen, noch vor den Pogromen und Deportationen. Sie waren nach Israel ausgewandert und keiner von ihnen ist jemals wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Es mag seltsam klingen, aber ich hatte die Abwesenheit all dieser Menschen, die von den Nazis aus meiner Stadt vertrieben wurden, bis zu diesem Tag nie wirklich bemerkt. Wie auch. Sie waren verschwunden. Der freundliche Mann aus Haifa hätte Anfang der Neunziger, als in Friedrichshain noch alte Leute lebten, mein Nachbar sein können, ja, sein müssen. Ich habe ihn damals nicht nach seinem Namen gefragt. Aber ich werde ihn nicht vergessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion