Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Gedenken an die Reichspogrom-Nacht auf dem Grundriss der ehemaligen Synagoge Bornplatz in Hamburg.
+
Gedenken an die Reichspogrom-Nacht auf dem Grundriss der ehemaligen Synagoge Bornplatz in Hamburg.

Plädoyer

Gedenken am 9. November – Mahnung für die Zukunft

  • VonShimon Stein
    schließen
  • Moshe Zimmermann
    schließen

Wie man der Gedenk-Konkurrenz um den 9. November entkommen könnte. Ein Plädoyer.

Ein „mehrfach überschriebenes Datum“ nennt Aleida Assmann (FR vom 18.11.2021) den 9. November, den Tag, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede „den deutschen Tag schlechthin“ nannte. Kulturwissenschaftlerin Assmann stimmt der Empfehlung des Bundespräsidenten zu, diesen Tag „als Tag zum Nachdenken über unser Land“ in all seiner Vielfältigkeit im Gedächtniskalender der Republik zu verankern. Demgegenüber besteht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, darauf, aus dem Erinnerungspaket 9. November einzig und allein „nur eines herauszuholen: den 9. November 1938“.

Diese am 9. November 2021 veröffentlichte Forderung des Zentralrats wurde mit dem Argument begründet: Man stünde „Forderungen skeptisch gegenüber, am 9. November mehrerer historischer Ereignisse gleichzeitig zu gedenken. Der 9. November sollte ein nationaler Gedenktag für die Opfer der Schoah werden“. Somit wurde eine Kategorie eingeführt, die man eigentlich „Gedenkwettbewerb“ nennen könnte, eine Kategorie, die mit Blick auf die Zukunft erinnerungspolitisch fraglich ist, umso mehr wenn man sich in Deutschland um die Erinnerung an das Schicksal der deutschen Juden in der NS-Zeit bemüht.

Wie schädlich Konkurrenzkämpfe bei der Gestaltung des kollektiven Gedächtnisses werden können, wie man erwünschte Ziele der Erinnerungsarbeit verfehlen kann, ist mittlerweile allgemein bekannt. Die aktuelle Debatte um Kolonialismus und Holocaust als genozidale Ausbrüche ist hierzu ein Paradebeispiel. So auch die Debatte um die Anwendung des Begriffs Holocaust für Massenmorde jenseits der „Endlösung der Judenfrage“, oder – im israelischen Kontext – der Versuch, Holocaust und Nakba (die Katastrophe der Palästinenser zur Zeit der Gründung Israels) gegeneinander aufzuwiegen.

In Deutschland entflammte spätestens mit der Debatte um die Gestaltung der Neuen Wache in Berlin vor drei Jahrzehnten die Konkurrenz der Opfergruppen des Nationalsozialismus – Juden, „Zigeuner“, Homosexuelle etc. Soll nun der Versuch unternommen werden, einen „Konkurrenzkampf“ um den Status eines Datums, um den 9. November nicht allein zu entfesseln, sondern zugunsten einer Alternative (nämlich die Reichspogromnacht) im Voraus zu entscheiden? Dieser Versuch, so wird sich sehr bald herausstellen, wäre kontraproduktiv, schießt am Ziel selbst des Zentralrats vorbei. Die Debatte um diesen Vorschlag wird von der Sache, vom Wissen über das Schicksal der deutschen Juden im Nationalsozialismus, eher ablenken. Das in einer Zeit des Wandels, wo die Generation der Zeitzeugen aus dem Leben ausscheidet und eine neue Generation mit diesem Abschnitt der kollektiven Erinnerung zu ringen beginnt.

Zum einen scheint der Vorschlag des Zentralrats redundant zu sein: In der Bundesrepublik gibt es sechs protokollarisch festgelegte Gedenktage bzw. Gedenkstunden. Einer davon ist der 27. Januar „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, der laut der UN-Resolution von 2005 als „International Holocaust Remembrance Day“ gedacht ist. Noch wichtiger: Bundespräsident Steinmeier hat recht – der 9. November ist ein „deutscher Tag“, denn es ging zunächst im November 1938 um den Umgang der deutschen Nichtjuden mit den deutschen Juden, nicht um die später von Deutschen gegen alle Juden praktizierte Schoah bzw. „Endlösung“.

Der Kern des Gedenkens am 9. November ist also ein anderer als der des 27. Januar. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Gewalt – Mord, Massenverhaftung und Zerstörung, die das Unrechtsregime verübte –, sondern die radikalste Form von Exklusion und Ausgrenzung einer Menschengruppe aus der „Volksgemeinschaft“, aus der Zivilgesellschaft, genau das, wogegen eine demokratische Gesinnung ankämpft.

Der Kontrast zwischen dem 9. November 1918 oder auch dem 9. November 1989 einerseits und dem 9. November 1938 andererseits trägt also mehr dazu bei, die Bedeutung der „Judenaktion“ von 1938 zu akzentuieren als die Ausklammerung der gleich datierten Ereignisse, egal ob im Jahr 1918, 1923 (Hitlerputsch), 1939 (Attentat Elsers auf Hitler) oder 1989. Die Tatsache, dass am 9. November mehrerer Ereignisse nebeneinander gedacht werden können, ist erinnerungs- und erziehungspolitisch ein Vorteil, kein Nachteil.

Ein offizieller Gedenktag, dazu noch unter Ausschluss von „konkurrierenden Anwärtern“ (die den Tag zum Erinnern an den Kampf um Demokratie oder an den Widerstand gegen Diktatur benutzen) wäre auch den Zielen des Zentralrats nicht dienlich. Eher umgekehrt. Denkt man an das Schicksal der deutschen Juden als Mahnung für die Zukunft, so bieten sich weitere Daten an, um effektive Erinnerungsarbeit anzuregen: z. B. der 15. September. 1935 wurden an diesem Tag die „Nürnberger Gesetze“ verkündet, die den rassistischen Antisemitismus in Gesetze verwandelten; und im Jahr 1941 der „Judenstern“ für die deutschen Juden eingeführt. Um vor Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus zu warnen, ist also der 15. September gut geeignet.

Oder anders: Wenn man der Gedenkkonkurrenz des 9. November entkommen will (wie es übrigens mit dem Tag der Deutschen Einheit geschah), wieso nicht den 12. November 1938 als Erinnerungskoordinate verwenden? An diesem Tag war, nach dem Pogrom, in einer dreistündigen Sitzung die Entscheidung der deutschen Regierung über die „Lösung der Judenfrage in Deutschland“ gefallen. Der 9. November sollte also ein Tag des Nachdenkens bleiben, im Sinne des Vorschlags des Bundespräsidenten, an dem man sich an die „Kristallnacht“ wie auch an die anderen an diesem Tag stattgefundenen Ereignisse erinnert: Untermauert wird die Erinnerung an das Schicksal der deutschen Juden im „Dritten Reich“ durch die Referenz zu den zusätzlich hier genannten Kalendertagen.

Will man aber Erinnerungsarbeit leisten – darauf macht uns auch Aleida Assmann aufmerksam –, müssen nicht nur Gedenktage sein, sondern eher andere Instrumente, wie z. B. lokale oder zentrale Gedenkorte, die sich „vor jeder deutschen Haustür“ befinden. Dafür gibt es viele gelungene Beispiele – Centrum Judaicum oder Gleis 17 in Berlin, Gedenkstätte Friedhof Battonstraße in Frankfurt oder das Bornplatzdenkmal in Hamburg. Mehr Orte hätten Gedenkorte werden können, wenn man sich mehr darum bemüht hätte: Der Sitz der Zionistischen Vereinigung in der Meineckestraße oder der Saal, in dem die bereits erwähnte Sitzung am 12. November 1938 stattfand. (Die Umbennenung des Saals – heute: Europa-Saal im Finanzministerium – nach einem der von den Nazis ermordeten jüdischen Mitglieder des Reichsvertretung der Juden in Deutschland wurde übrigens abgelehnt.)

Das Wissen um all das zu vermitteln, was um den 9. November 1938 herum den Juden in Deutschland angetan wurde, ist nicht allein die Aufgabe eines oktroyierten Gedenktages, sondern die kumulierte Aufgabe der Erziehungs- und Sozialisationsagenturen der Bundesrepublik, die somit dem bekannten Wunsch nach einem Schlussstrich entgegenwirken werden. Darum müssen sich die Wächter der kollektiven Erinnerung um das Schicksal der deutschen Juden bemühen, nicht um die Vereinnahmung und Aneignung eines „Tages des Nachdenkens“.

Shimon Stein war Israels Botschafter in Deutschland (2001–2007) und ist zur Zeit Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) an der Universität Tel Aviv.

Moshe Zimmermann ist Professor emeritus an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare