Ein kleiner Java-Langur im Zoo.
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Ein kleiner Java-Langur im Zoo.

Unter Tieren

Das ganze Leben absitzen

  • vonHilal Sezgin
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Tiere, die immer im Lockdown, nämlich im Zoo sind. Hilal Sezgins Kolumne „Unter Tieren“.

Bereits früher hatte ich an dieser Stelle von den vielfältigen, grausamen und oft auch absurden Tierversuchen erzählt, mit denen Menschen rund um den Globus einer Pandemie Herr zu werden versuchen, die überhaupt erst durch Verschleppung von Tieren durch den Menschen begann. Die letzten Spitzenleistungen auf diesem Sektor sind Hamsterversuche in China, bei denen einige Tierchen infiziert und ihre Käfige mit Vlies abgedeckt wurden: Überraschung! Die derart vor Tröpfchen und Aerosolen geschützten Hamster im Nachbarkäfig sind nur zu einem geringen Prozentsatz erkrankt.

Von geradezu bemerkenswerter Geschmacklosigkeit wiederum zeugt in meinen Augen die Eilfertigkeit, mit der ein veterinärmedizinisches Team in den Niederlanden Hilfe bei der Corona-Forschung angeboten hat, und zwar in einer Nerzfarm. In mindestens drei niederländischen Nerzfarmen ist ja inzwischen unter den Tieren Corona ausgebrochen; bei der Gelegenheit war zu erfahren, dass die Niederlande nach China und Dänemark der weltweit drittgrößte Nerzpelzproduzent sind. In den Niederlanden gibt es 140 dieser grausamen Anlagen, in denen die normalerweise im und am Wasser lebenden Tiere auf dem Trockenen sitzen; wo die Einzelgänger mit ihren Artgenossen dicht an dicht in Käfigen festsitzen; und wo sie nicht einmal richtigen Boden unter den Füßen haben, sondern zumeist nur ein Gitter, durch das der Kot auf den Boden fällt. In solchen Farmen also wollen Veterinäre die Ausbreitung von Covid-19 untersuchen und den bisherigen Martern der Tiere noch weitere hinzufügen, die jeder gängige Tierversuch mit sich bringt: Angst und Stress durch Kontakt mit und Fixierung durch den Menschen, durch Untersuchungen, Injektionen und dergleichen.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Seit wenigen Tagen lässt sich ihr Roman „Feuerfieber“ bestellen – nur für begrenzte Zeit und per Crowdfunding, nicht im regulären Buchhandel. www.startnext.com/weisse-schnuten

Dies sind einige der zusätzlichen Qualen, die diese Pandemie für die nicht-menschliche Tierwelt mit sich bringt; wie bei so vielen Katastrophen trifft es die Schwächsten am Stärksten. Mich persönlich allerdings lässt eine weitere Entwicklung mal wieder an meiner Mit-Menschheit zweifeln, die keine Steigerung des bisherigen Wahnsinns im Mensch-Tier-Verhältnis bedeutet, sondern eine frohgemute Rückkehr zu „business as usual“. Und zwar vor allem die Unbekümmertheit, mit der zahlreiche Lokalzeitungen kürzlich die gute Nachricht vermeldeten, die Zoos und Tierparks würden wieder öffnen.

Zur Erinnerung: Während des Shutdowns hatten mehrere deutsche Zoos berichtet, wie schwer sie die Einkommensausfälle ankämen. Teilweise äußerten sie, sie wüssten nicht mal mehr, wie sie das Futter für die Tiere bezahlen sollten. Bereits nach wenigen Wochen ohne Besucher*innen war anscheinend dermaßen Ebbe in den Kassen, dass einige Zoos ankündigten, sie „müssten“ einige Tiere einschläfern lassen, denn sie wüssten sie auf Dauer nicht zu ernähren.

Ich habe gezögert, ob das Wort „ankündigen“ hier wirklich angemessen ist, oder ob die Zoos mit der Tötung dieser Tiere nicht vielmehr drohten. Mir persönlich kam es ein wenig so vor, als verwendeten sie ihre Tiere als Geiseln. Denn es gibt zwar zahllose Privatpersonen und Tierheime, die hart darum kämpfen, Monat für Monate die laufenden Kosten zu zahlen. Aber das sind eben wohltätige Einrichtungen, die sich um Notfälle kümmern und Tiere versorgen, die ansonsten keine Chance hätten!

Zoos hingegen nehmen aus völlig freien Stücken Tiere auf, züchten sie, tauschen sie, kaufen sie oder lassen sie in der Wildnis fangen, um mit ihnen Besucher anzulocken und Geld zu verdienen. Wer solche Geschäfte macht, muss Rücklagen haben, um die zu versorgen, die er in seine Gewalt gebracht hat. Wem da das Futtergeld ausgeht, der ist nicht arm dran, sondern verantwortungslos.

Ebenso wenig Verständnis habe ich für die Zoo-Besucherinnen und -besucher. Einige Wochen lang waren sie auf die eigene Wohnung, den Gang zum Supermarkt, das Joggen im Park beschränkt; hatten digitalen Kontakt zur ganzen Welt, Nahrungs- und Freizeitgestaltung nach eigener Wahl. Ja, das waren keine schönen Wochen. Aber wer nach solch kurzem, recht komfortablen, lockeren Hausarrest mit erleichtertem Aufatmen den Wiedergewinn seiner Freiheit begrüßt, müsste der nicht ganz neue Anteilnahme zeigen für die im Zoo Gefangenen? Sie sitzen unendlich beengter, dürfen niemals tun, wozu die Evolution ihren Körper und ihren Geist befähigt hat, sitzen sinnlos ihre Zeit ab – und zwar ein Leben lang.

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