+
Gabriel Matzneff, hier 2014.

Literatur und Pädophilie

Gabriel Matzneff: Der zerrissene Schleier

  • schließen

Jahrzehntelang schrieb der französische Schriftsteller Gabriel Matzneff pädophile Bücher. Und jahrzehntelang feierte ihn die Pariser Literaturszene dafür. Jetzt klagt ihn ein Opfer an.

Auf Amazon ist das Buch nur noch als Occasions-Exemplar für 350 Euro erhältlich. Es muss etwas für Liebhaber sein. Liebhaber von Minderjährigen, um genau zu sein. „Les moins de 16 ans“, zu Deutsch: „Unter 16“, ist nur eines von mehreren Büchern, in dem Gabriel Matzneff seine sexuellen Vorlieben in aller Offenheit schildert. „Wenn Sie einen Jungen von 13 Jahren oder ein Mädchen von 15 Jahren in den Armen gehalten, geküsst, liebkost, besessen haben, kommt ihnen alles andere fad, schwer, langweilig vor“, liest man und würde es gerne nie gelesen haben.

Vanessa Springora war 14, als sie Matzneff in die Fänge kam und seine „Geliebte“ wurde. Die Depressionen und Alpträume kamen erst später. Jetzt hat die Leiterin des Pariser Verlages Julliard selber zur Feder gegriffen und einen aufwühlenden Bericht über die psychischen Folgeschäden pädophilen Missbrauchs verfasst.

„Matzneff war kein guter Mensch“, schreibt Springora in der Vergangenheitsform, während der Autor in einer – von einem Politikerfreund zur Verfügung gestellten – Pariser Sozialwohnung lebt. „Er war das, wovor wir uns Kinder fürchten sollten: ein Oger, ein Menschenfresser .“

Springoras Buch „Le consentement“ („Einwilligung“) ist an Neujahr erschienen und bereits ein Bestseller. Es zerreißt den Schleier, den die Pariser Literaturszene seit den achtziger Jahren über einen der ihren gehalten hatte. „Warum hat man über all diese Jahre nichts gesagt?“, fragt die heute 47-jährige Autorin. Matzneff habe doch stets zu seiner Neigung für Minderjährige und seinen Sexreisen nach Asien gestanden.

Springoras „Warum?“ hallt wie ein lauter Schrei durch Paris. Die Erklärung für die „kollektive Blindheit“, wie sie die Verlegerin nennt, ist wohl eine doppelte. Sie beruht auf einer sonderbaren, paradoxalen und sehr französischen Mixtur aus uralten höfischen Sitten und dem Geist von Mai 68. Wie einst am Königshof von Versailles lebten Teile der Pariser Eliten bis zu den MeToo-Zeiten selbstherrlich eine sexuelle Libertinage aus.

Ideologisch bestätigt sah sich diese selbstgefällige sexuelle Aristokratie 1968 durch das philosophische Gebot, es sei „verboten zu verbieten“. Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir oder Roland Barthes unterzeichneten eine Petition für drei angeklagte Pädophile. In der Zeitung „Libération“ erschienen Kleinanzeigen zum „Kinderschmusen“; und „Le Monde“ offerierte Matzneff, gedeckt von der Literaturpäpstin Josyane Savigneau, sogar eine monatliche Chronik von 1977 bis 1982. „Le Monde“-Kritiker lobten den „ungezogenen Herrn“ Matzneff als „mutig“.

Als der pädophile Autor 1990 in die TV-Literatursendung „Apostrophes“ eingeladen wurde, amüsierten sich die anwesenden Autoren wie auch Sendeleiter Bernard Pivot über die beschriebenen Szenen mit „Schulmädchen“. Nur die kanadische Schriftstellerin Denise Bombardier, die nicht mit den freien Sitten des Pariser Literaturbetriebes aufgewachsen war, widersprach. Regisseur Claude Lanzmann fand daraufhin, Matzneff hätte sie während der Sendung ohrfeigen sollen.

Der russischstämmige Autor erhielt noch 2013 den angesehenen Literaturpreis Renaudot und 2015 den „Preis des unkorrekten Buches“. Dann änderten sich die Dinge aber auch in Paris. Libé-Chefredaktor Laurent Joffrin räumt heute mit einer gewissen Beschönigung ein, sein Blatt habe „eine gewisse Zeit gebraucht“, um pädophile Schriften zu verurteilen.Ex-Minister Bernard Kouchner sagt, die von ihm mitunterzeichnete Pro-Pädophilen-Petition von 1977 sei rückblickend „schwer zu erklären“: „Die Ideologien überschwemmten uns.“

Matzneffs Verlag Gallimard, einer der angesehensten im frankophonen Raum, hat den Verkauf des Matzneff-Oeuvres eingestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, nachdem sie Springoras Werk nach eigener Darstellung „analysiert“ habe. Matzneffs Tagebücher – deren Inhalt vom französischen Strafrecht schon vor dreißig Jahren verboten war – hatte sie offenbar nie gelesen.

Noch hat der Autor Fürsprecher. So twitterte Savigneau, die heute nicht mehr bei „Le Monde“ tätig ist: „Ich ändere meine Meinung zu Matzneff nicht, nur weil die Hexenjagd begonnen hat.“ Damit meinte sie wohl den Paradigmenwechsel im Zuge der MeToo-Debatte. Am Dienstag wurde in Paris auch der Filmregisseur Christophe Ruggia (55) verhaftet, nachdem ihn die Schauspielerin Adèle Haenel sexueller Übergriffe gegen sie bezichtigt hatte – zu einer Zeit, da sie zwischen zwölf und 15 Jahren alt war.

Unbehelligt und vom Pariser Kulturbetrieb weiterhin verteidigt bleibt in Frankreich der Regisseur Roman Polanski (86). Die frühere Schauspielerin Valentine Monnier behauptete im November detailliert, sie sei von Polanski als 18-jährige vergewaltigt worden. Frankreich hatte erst vor zwei Jahren ein Schutzalter von 15 Jahren eingeführt. Voraussetzung ist, dass der Täter „moralischen Druck oder Überraschung“ anwendet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion