„Zeit ist organisiert und strukturiert durch Kalender, Terminpläne, durch die Uhr.“ Haargenaues Uhreinstellen in Manhattan, 1947.
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„Zeit ist organisiert und strukturiert durch Kalender, Terminpläne, durch die Uhr.“ Haargenaues Uhreinstellen in Manhattan, 1947.

Lockdown

„Für den Kapitalismus ist Zeit, in der ich spazieren gehe, nicht wertvoll“

  • vonSusanne Lenz
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Die Soziologin Lisa Suckert über Entschleunigung und Beschleunigung im Corona-Lockdown.

Liebe Frau Suckert, wie erschüttert Corona das kapitalistische Zeitsystem? Und was hat es mit diesem System auf sich?

Wie wir Zeit wahrnehmen, wie wir mit ihr umgehen, wie wir sie denken – das hat damit zu tun, wie Wirtschaft und Gesellschaft strukturiert sind. Die traditionelle Zeitordnung ist zyklisch: Jedes Jahr wird es Frühling und Sommer, es muss gesät und geerntet werden. Das ist ein Rhythmus, der immer wiederkehrt. In der modernen Gesellschaft herrscht eine eher lineare Vorstellung von Zeit. Man hat die Vergangenheit hinter sich und geht in eine Zukunft, die anders ist als das, was man hinter sich lässt, und auch als die Gegenwart. Dahinter steckt ein Fortschrittsgedanke. Auch dem Kapitalismus liegt diese moderne Zeitvorstellung zugrunde. Aber es gibt eine Besonderheit: Im Kapitalismus wird Zeit mit Geld aufgewogen. Zeit ist Ware, Zeit ist Geld. Wir verkaufen zum Beispiel einen Teil unserer Lebenszeit als Arbeitszeit und bekommen Geld dafür. Auch für die Zeit, die man Geld leiht, muss man bezahlen – in Form von Zinsen.

Wenn Zeit Geld ist, was folgt daraus?

Zeit darf nicht verschwendet, sondern sie muss rational genutzt werden. Sie muss im Sinne des Kapitalismus „produktiv“ eingesetzt werden, das heißt für Erwerbsarbeit oder Konsum. Zudem soll die dem Kapitalismus zur Verfügung stehende Zeit ausgedehnt werden, etwa durch die Verkürzung der Studienzeit, oder die Heraufsetzung des Rentenalters. Es kann auch Zeit verkauft werden, die vorher keine Ware war. Zeit, die zum Beispiel für Sorgearbeit aufgewendet wird oder für die Haushaltsführung. All das, was Frauen unbezahlt geleistet haben und oft immer noch leisten. Diese Arbeitszeit wird nun outgesourct und auf dem Markt gehandelt, etwa, indem man einen Babysitter anstellt oder eine Putzfrau. Die Menschen, die sich dadurch Zeit frei gekauft haben, können diese wiederum nutzen, um sie selbst auf dem Arbeitsmarkt zu investieren. Und schließlich gilt es im Kapitalismus, immer mehr in kürzerer Zeit zu schaffen, schneller zu arbeiten und zu konsumieren Die Beschleunigung ist ein zentrales Charakteristikum der kapitalistischen Zeitordnung.

Was macht das Virus mit diesem Zeitsystem?

Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erfordern einen anderen Umgang mit Zeit. Es geht plötzlich nicht mehr darum zu beschleunigen, sondern darum zu verlangsamen. Wir sollen, was die Kurve der Infizierten angeht, Wachstum bremsen, Dynamiken reduzieren.

Aber was die Wirtschaft angeht, war die Entschleunigung negativ

Die Weltwirtschaft und auch viele Unternehmen kämpfen damit, dass sich das Wachstum verringert, dass vieles langsamer geht. Das ist für die Wirtschaft ein Riesenproblem, beispielsweise, wenn ich just on time produziere, wenn Lieferketten zusammenbrechen. Aber auch für den einzelnen Menschen ist die Entschleunigung nicht unbedingt positiv. Viele haben nicht mehr genügend Arbeit, um ihre Zeit damit zu füllen. Man denke an die steigende Arbeitslosigkeit oder an die Probleme Kulturschaffender, an Restaurantbetreiber. Andere haben die Entschleunigung im Lockdown als angenehm empfunden, als Befreiung aus dem System, sie konnten endlich Dinge tun, für die sie sonst keine Zeit haben.

Ich wurde mir im Lockdown der Zeit erst wieder richtig bewusst?

Für diejenigen, die im Lockdown tatsächlich zu Hause saßen, wurde deutlich, wie sehr der Takt unseres Lebens durch Erwerbsarbeit und Konsum bestimmt ist. Zeit ist normalerweise etwas Abstraktes, sie ist organisiert und strukturiert durch Kalender, Terminpläne, durch die Uhr. Im Lockdown sind viele dieser strukturgebenden Mechanismen weggefallen. Man musste also einen neuen Umgang mit der Zeit lernen, sie neu einteilen, sie füllen. Das ist eine Freiheit, die man im Alltag sonst gar nicht hat. Aber diese Freiheit kann auch überfordern. Internet-Suchen, die das Wort „Langeweile“ enthalten, wurden im März und April 2020 vier Mal so oft getätigt wie in den fünf Jahren davor. Der Stillstand war und ist für viele auch eine Belastung.

Viele waren sogar stärker belastet, etwa weil sie sich keine Zeit mehr von der Putzfrau oder dem Babysitter kaufen konnten.

Es hat eine Umverteilung von Zeit gegeben. Es gibt rund zwölf Millionen Familien in Deutschland, die im ersten Lockdown keine Kinderbetreuung mehr hatten, obwohl vielleicht Vater und Mutter Vollzeit arbeiten. Da ist deutlich geworden, wie viel Lebenszeit in diesen Familien normalerweise als Erwerbsarbeitszeit verkauft wird, wie fragil das Zeitmanagement dieser Familien ist. Sie erlebten im Lockdown in der Tat eine Beschleunigung. Ähnliches gilt für Paketboten, Erntehelfer, Reinigungskräfte. Auch sie mussten mehr in kürzerer Zeit schaffen.

Zur Person:

Lisa Suckert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. In ihrer Forschung setzt sie sich mit den Themen Kapitalismus, Zukunftsvorstellungen, Konventionen und Diskurse sowie Nachhaltiges Wirtschaften auseinander.

Vielen Frauen ist bewusst geworden, dass ihre vermeintliche Gleichberechtigung in der Partnerschaft nur gekauft ist. Zum Beispiel, dass in dem Moment, in dem man die Kinder wieder selber betreuen musste, eher die Frauen dafür zuständig waren.

Die Umverteilung der Zeit erfolgte häufig entlang klassischer Hierarchiestrukturen, dazu gehört auch das Geschlechterverhältnis. Sorgearbeit wird nach wie vor eher von Frauen übernommen, und im Lockdown mussten viele diese Arbeit zusätzlich zur Erwerbsarbeit erbringen. Im Bereich der Wissenschaft ist zum Beispiel bei einigen Journalen die Einreichungsquote von Frauen zurückgegangen. Wissenschaftlerinnen hatten keine Zeit mehr, zu forschen und zu publizieren.

Was einem auch bewusst geworden ist, vor allem im ersten Lockdown, aber auch jetzt wieder: Wie viel Zeit in den Konsum geht.

Auch hier gab es eine Umverteilung. Leute haben angefangen, Sachen selber zu machen. Auf einmal waren Mehl und Hefe ausverkauft, weil die Leute selber Brot gebacken haben, statt andere Leute dafür zu bezahlen, dass sie das tun. Baumärkte waren überlaufen. Und die Parks, die Natur. Weil man nicht ins Fitnessstudio gehen kann, wo man für die Zeit bezahlt, die man dort verbringt, sondern man draußen spazieren geht, woran niemand etwas verdient. Aber für den Kapitalismus ist die Zeit, in der ich spazieren gehe, keine wertvoll verbrachte Zeit.

In dem jetzigen Lockdown bleiben Kitas und Schulen offen. Man bewertet das als positives Ergebnis der gesellschaftlichen Diskussion, die nach dem ersten Lockdown stattgefunden hat. Sehen Sie das auch so?

Die zeitliche Logik, was die Entwicklung von Kindern angeht, ist keine kapitalistische. Man kann die hier verlorene Zeit nicht einfach mit Geld kompensieren, wie das vielleicht bei einem Restaurant oder einem Kulturbetrieb eher möglich ist.

Wir sind ja auch, was die Zukunft angeht vollkommen aufgeschmissen, oder? Wir als Privatpersonen können nicht planen, aber auch die Wirtschaft nicht.

Der Kapitalismus ist tatsächlich ganz stark auf die Zukunft ausgerichtet. Man muss sich zum Beispiel vorstellen können, dass sich Investitionen positiv entwickeln. Dazu muss die Zukunft offen, aber beherrschbar erscheinen, man muss mit ihr „rechnen“ können. Aber derzeit kann man keine tragfähigen Voraussagen treffen. Wir sehen, dass die Zahl der Unternehmensgründungen eingebrochen ist. Der Konsum stockt. Große Konsumgüter schaffe ich nur an, wenn ich erwarte, dass ich die nächsten Monate ein Einkommen habe.

Die Zukunft ist andererseits immer unsicher.

Aber es gibt im Kapitalismus Mechanismen dafür, wie man mit dieser Unsicherheit umgeht: Versicherungen, Risikoanalysen, Prognosen. Derzeit werden Prognosen ständig wieder zurückgenommen und erneuert. Die Mechanismen, mit denen man sich im Kapitalismus die Zukunft gefügig macht, greifen nicht mehr.

Interview: Susanne Lenz

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