Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Friedrich Ebert (1871-1925) an seinem Schreibtisch, 1922.
+
Friedrich Ebert (1871-1925) an seinem Schreibtisch, 1922.

Weimarer Republik

Friedrich Ebert zum 150. Geburtstag: „Nun wollen sie mich auch moralisch morden“

  • vonWilhelm v. Sternburg
    schließen

Der verhasste Demokrat: Vor 150 Jahren wurde der Sozialdemokrat und Reichspräsident Friedrich Ebert.

Am Ende haben sie ihn zu Tode gehetzt. In einer Boulevardzeitung wird Reichspräsident Friedrich Ebert wegen seiner Beteiligung am Munitionsstreik im Januar 1918 als „Landesverräter“ abgestempelt. Der tief getroffene Sozialdemokrat klagt, und im Dezember 1924 verurteilt ein Magdeburger Gericht den Autor des Artikels zu zwei Monaten Gefängnis. In der richterlichen Begründung heißt es jedoch ausdrücklich, dass aus strafrechtlicher Sicht Landesverrat vorliege. Ein von nationalistischer Blindheit getragenes Schandurteil. „Sie haben mich politisch umgebracht, nun wollen sie mich auch moralisch morden“, erklärt Ebert resigniert. „Das überlebe ich nicht.“

Er behält recht: Der lange Überlebenskampf der Republik und die innerparteilichen Auseinandersetzungen haben ihn gezeichnet. Ebert verschiebt während des Berufungsverfahrens einen erforderlichen Krankenhausaufenthalt. Eine Blinddarmentzündung wird zu spät behandelt, der Reichspräsident überlebt die Operation nicht und stirbt am 28. Februar 1925. Gustav Noske hat den Freund und politischen Weggefährten noch wenige Tage vorher beschworen, das Krankenhaus aufzusuchen. Eberts Antwort: „Es geht nicht, ich muss um meine Ehre kämpfen, oder nein – um die Ehre des Staatsoberhauptes.“

Persönliche Endzeitszenen sind das, die schlaglichtartig Haltung und Persönlichkeit eines Politikers beleuchten, dessen „wirkliche Rehabilitierung (…) für die Nation im Grunde nie stattgefunden hat“ – dieses Urteil des Politologen Waldemar Besson von 1963 gilt letztlich bis heute. Das Bild des Menschen und Politikers Friedrich Ebert, der am heutigen Donnerstag vor 150 Jahren in Heidelberg geboren wurde, ist in der deutschen Erinnerungswelt seltsam blass geblieben. Straßen tragen seinen Namen, der auch an republikanischen Gedenktagen immer einmal wieder fällt. Hie und da findet sich ein Denkmal (etwa an der Außenfassade der Frankfurter Paulskirche), in seiner Heimatstadt gibt es ein ertragreiches Ebert-Forschungszentrum, und sein Name ziert auch die heutige SPD-Parteistiftung.

Aber denkt man etwa an die Flut der Bismarck-, Stresemann- oder Adenauer-Biografien, dann bleibt in der Tat die Verwunderung darüber, warum der in einem der dramatischsten Zeitfenster der deutschen Geschichte (1918 bis 1924) agierende wichtigste deutsche Politiker nach seinem Tod auf so wenig Interesse und so viel Skepsis gestoßen ist. Wohl auch deswegen, weil Friedrich Ebert – der Mann der Mitte, der unbedingte Demokrat, der große Patriot – zwischen alle Stühle seiner Zeit und ihrer späteren Deutungen geraten ist.

Die Antidemokraten von links sahen und sehen in ihm den Verhinderer einer Revolution, die die „Diktatur des Proletariats“ errichten sollte. Sie wollen bis heute nicht wahrhaben, dass die Umsturzversuche der Spartakusleute um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg „von den Massen nicht unterstützt wurden“ (Hans Mommsen), sie einem „revolutionären Illusionismus“ (Hans-Ulrich Wehler) erlegen waren.

Ebert sah dagegen realistisch, dass das Vorgehen der von einem russischen November in Deutschland träumenden Barrikadenkämpfer in Berlin, später an der Ruhr und in Sachsen die Republik in ein Chaos stürzen musste. Denn das militärisch geschlagene Land stand vor ungeheuren Herausforderungen: Die meisten Deutschen erlebten die für sie unerwartete Niederlage als Schock. Es drohte eine Hungersnot größten Ausmaßes. Millionen Soldaten mussten in ihre Heimat zurückgeführt werden. Die Versailler Friedensbedingungen entsetzten und empörten die Bevölkerung. Die Alliierten drohten bei Nichterfüllung und Unruhen mit einem Einmarsch. Bald kam es zu Streiks und Kämpfen an der Ruhr und in Mitteldeutschland. Separatisten bekämpften die wankende Republik in Bayern und am Rhein. In diesen Bürgerkriegsjahren war es Ebert, der durch seine konsequente demokratische Haltung und sein Standhalten gegen Putschisten und Demokratiegegner entscheidend dazu beitrug, den endgültigen Untergang des Bismarck-Reiches zu verhindern.

Es mag sein, dass er in dieser so dramatischen Zeit die Kraft der deutschen Kommunisten überschätzte. Aber heute wissen wir, dass auch der Weg Russlands in die Gulags und Folterkammern der Geheimdienste mit dem Aufstand einer kleinen Gruppe begonnen hatte. Sie konnte ihre Diktatur errichten, weil die russischen Konservativen und Liberalen zu schwach waren, das Land zu schützen. Eberts Misstrauen gegenüber der radikalen Linken erwies sich zudem rasch als berechtigt: Strategie und praktisches Vorgehen der deutschen Kommunisten wurden bald nicht mehr in Berlin, sondern in Moskau bestimmt.

Für Ebert konnte es keine Demokratie ohne Freiheit geben. Die Durchsetzung einer neuen Verfassung, der Weg zu freien Wahlen und die Konstituierung der Nationalversammlung sind für ihn die entscheidenden Ziele seines politischen Handelns. Verziehen hat ihm die Linke das eigentlich nie. Noch 1969 schreibt der damals linke Publizist Sebastian Haffner in seinem Buch über die Revolution von 1918 Sätze, wie sie Eberts Gegner schon zu seinen Lebzeiten verbreiteten, um seine politische Leistung zu diskreditieren: „Er war ein kleiner Dicker, kurzbeinig und kurzhalsig, mit einem birnenförmigen Kopf auf einem birnenförmigen Körper. Er war auch kein mitreißender Redner. Er sprach mit kehliger Stimme, und er las seine Reden ab. Er war kein Intellektueller und ebenso wenig ein Proletarier.“

Die Extremisten von rechts wiederum erkannten in seinem Einsatz für die parlamentarische Demokratie eine Mauer, die für ihre Putschpläne zu hoch war. Deswegen hassten sie ihn. Als Ebert und die SPD mit der Schaffung eines Volksheers scheiterten, ging er als Mitglied des „Rates der Volksbeauftragten“ ein Bündnis mit den alten militärischen Kräften des Wilhelminismus ein und ließ die Reichswehr und ihre Freicorps die Aufstände niederschlagen. Eine Entscheidung, die seinen Ruf damals und heute tief beschädigt hat. Aber die Alternative wäre wohl mit Sicherheit der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung gewesen, was die Existenz eines einheitlichen und sich selbst regierenden Deutschlands nahezu unmöglich gemacht hätte.

Ebert, der eine konstitutionelle Monarchie nicht abgelehnt hätte und dem bewusst war, dass eine wirkliche Demokratie nicht ohne bürgerliche Bündnispartner möglich sein würde, scheint von seiner politisch-moralischen Grundhaltung her nicht fähig gewesen zu sein, die Infamie und Unehrlichkeit des deutschen Konservatismus in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen. Man kann ihm dies vorwerfen. Aber Gewalt ging zunächst nicht von der Regierung, sondern von den linken und rechten Putschisten aus.

Das gemäßigte Bürgertum begleitete die Arbeit und soziale Grundhaltung Eberts in der Regel mit Häme. Seine biederen öffentlichen Auftritte ließen Witzblätter und rechtsbürgerliche Zeitungen zu Hochform auflaufen. Der Reichspräsident in Badehose oder im zu eng sitzenden Jackett – in ihrer Beschränktheit meinten die Republikgegner, hier spiegele sich das unheroische Bild der verachteten Republik. Hinzu kam, dass die Angehörigen des Adels, des Militärs und des Großbürgertums einfach nicht akzeptieren wollten, wer nun der erste Mann im Staate war: der Sohn aus einer kleinbürgerlichen, kinderreichen Handwerkerfamilie, der seine Sattlerlehre abgebrochen, als Wandergeselle das Land durchreist und in Bremen eine Gastwirtschaft gepachtet hatte. Und Mitglied der kürzlich noch als „Vaterlandverräter“ diffamierten Sozialdemokraten war. Die „First Lady“: eine ehemalige Arbeiterin.

Eberts Partei wiederum verwirrte mit ihren revolutionären Theorien in den Bürgerkriegsjahren der frühen Weimarer Republik die eigene Anhängerschaft und brachte sie in Teilen gegen den eigenen Parteivorsitzenden, kurzfristigen „Reichskanzler“ und Reichspräsidenten auf. Seit dem Erfurter Programm von 1891 lebte die Sozialdemokratie (im Grunde bis zum Godesberger Programm von 1959) in dem Zwiespalt, mit marxistischer Theorie zu argumentieren, aber im Alltagsgeschäft pragmatisch zu entscheiden. Eine Politik, die den innerparteilichen Streit immer wieder aufs Neue entfachte.

Friedrich Ebert, seit 1905 hauptamtlicher Sekretär des SPD-Vorstands und seit 1913 als Nachfolger August Bebels Parteivorsitzender, zielte mit seiner Politik auf Reformen. Sein Ziel war es, größtmögliche Fortschritte für die soziale und gesellschaftliche Lage der Arbeiterschaft zu erreichen. Das war ihm wichtiger als der Streit um marxistische Wahrheiten. Er war kein großer Selbstdarsteller, aber ein glänzender Organisator. Kaum zum Parteisekretär ernannte, forderte er von der verständnislos lächelnden alten Führungsgarde Schreibmaschinen und Telefone für das Berliner Büro. Er hatte längst erkannt, dass die SPD eine Massenpartei geworden war und entsprechend geführt werden musste. Auch das irritierte viele Genossen: Als er Reichspräsident wird, erklärt er in seiner Dankesrede, er werde nun der Präsident für alle sein, ohne seine sozialdemokratische Herkunft zu verleugnen.

Am Ende war die Entfremdung zwischen Ebert und seiner Partei nicht mehr zu übersehen. Seine energischen Aufrufe, Regierungsbündnisse mit den bürgerlichen Parteien nicht leichtfertig zu verlassen, wurden immer weniger gehört. Nach der schweren Niederlage bei den Maiwahlen 1924 gab es auf dem Berliner Parteitag heftige Auseinandersetzungen über die Koalitionspolitik der Partei. Der linke Flügel verurteilte die von der Reichsregierung – an der auch die SPD beteiligt war – durchgesetzte Absetzung der rot-roten Regierungen in Thüringen und Sachsen. Auch Ebert, Förderer der von Gustav Stresemann geführten großen Koalition, wurde scharf angegriffen. Ein – dann abgelehnter – Antrag fordert gar den Parteiausschluss des ehemaligen Vorsitzenden.

In der Geschichte des 20. Jahrhunderts hat es die SPD noch immer verstanden, sich so lange zu zerfleischen, bis sie die Macht verlor. Davon wussten nicht nur Friedrich Ebert, sondern auch die bundesdeutschen Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt ein garstig’ Lied zu singen. Im Zuge der damaligen Debatten um den Reichspräsidenten warf übrigens der Sattlerverband sein berühmtestes Mitglied nach 35 Jahren Zugehörigkeit aus seinen Reihen.

„In der Revolution bahnte der sozialdemokratische Reformpolitiker Ebert den Weg zur Republik“, schreibt sein aktuellster Biograf Walter Mühlhausen (seine Lebensbeschreibung erschien 2006), „und hielt konsequent am Vorrang der demokratisch-parlamentarischen Ordnung fest.“ Ebert war nicht selten ein sturer, auch streitbarer Funktionär. Er konnte jähzornig werden, und seine Politik war nicht frei von Irrtümern. Er litt unter seiner mangelhaften schulischen Ausbildung. Zwei seiner vier Söhne fielen 1917 an der Westfront. Aber er blieb in seinen Zielen unbeirrbar und war ein äußerst mutiger Mann, ein Politiker mit Weitblick.

Seine Landsleute sprechen gerne von den Chancen, die er angeblich hat liegen lassen, und nicht sehr häufig von seinen Entscheidungen, die das Land vor Chaos und Ruin bewahrten. Weimar ging nicht an Eberts Politik zugrunde, sondern an der seiner unbelehrbaren Gegner. Er war einer der wenigen Großen, die Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an der Spitze sah.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare