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Frantz Fanon (1925-1961).
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Frantz Fanon (1925-1961).

Literatur

Frantz Fanon: „Die Verdammten dieser Erde“ - gegen Kolonialisierung von Land und Seele

Vor 60 Jahren erschien Frantz Fanons antikolonialistisches Manifest „Die Verdammten dieser Erde“. Von Malte Osterloh

Ob es vor der Kolonialisierung durch Frankreich überhaupt eine algerische Nation gegeben habe, hat Emmanuel Macron vor kurzem gefragt. Die Behauptung, die in der Frage des französischen Präsidenten mitschwang, dass der Kolonisator nicht Ausbeutung, sondern vor allem Nation Building betrieben habe, löste in Algerien Empörung aus. Algier rief seinen Botschafter aus Paris zurück und sperrte seinen Luftraum für französische Kampfflugzeuge.

Dass Algerien gerade wegen der Kolonialisierung keine Nation sei, ist eine der Schlüsselthesen von Frantz Fanons berühmtestem Buch, „Die Verdammten dieser Erde“, das vor 60 Jahren erschien. Fanon war eine der bedeutendsten Figuren des algerischen Freiheitskampfes. Geboren 1925 in Martinique, im Zweiten Weltkrieg Soldat in der Armee de Gaulles, ausgebildet zum Arzt und Psychiater in Frankreich, ging er 1953 nach Algerien, wo er am Krankenhaus in Blida praktizierte. Mit dem Beginn des Algerienkrieges schloss er sich der FLN an, der Nationalen Befreiungsfront, deren Ziel die Beendigung der französischen Kolonialherrschaft war. Am 6. Dezember 1961 starb Fanon mit 37 Jahren in einem Krankenhaus im amerikanischen Maryland an Leukämie. Drei Tage zuvor war „Die Verdammten dieser Erde“ erschienen, das in Frankreich sofort verboten wurde.

Frantz Fanon: Gewalt nicht als Mittel der Wahl

Berühmt, ja berüchtigt wurde „Die Verdammten dieser Erde“ aufgrund seines ersten Kapitels „Von der Gewalt“, und oft wurde es darauf reduziert: „Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt“, heißt es dort in der deutschen Übersetzung. Allerdings stellt Fanon diese Gewalt nicht als ein Mittel der Wahl dar; sie ist vielmehr das einzig mögliche Mittel, denn der Kolonialismus „ist die Gewalt im Naturzustand und kann sich nur einer noch größeren Gewalt beugen“.

Fanon geht es aber nicht nur um die gewaltsame Vertreibung der Kolonialherren. Die Dekolonialisierung ist der Beginn einer psychischen Gesundung: Der vom Kolonialherren seiner Identität beraubte, zum Ding herabgestufte Kolonialisierte „wird Mensch gerade in dem Prozess, durch den er sich befreit“. Dieser „neue Mensch“ ist die Voraussetzung der neuen Nation, die neue kulturelle, politische und wirtschaftliche Institutionen und Formen schaffen müsse. Eindringlich und hellsichtig, wie man hinzufügen muss, warnt Fanon davor, dass die kolonial bedingten Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen am Leben gehalten werden könnten von einer heimischen Machtelite, die bereits unter der Kolonialherrschaft profitiert habe. Er plädiert für eine Teilhabe der „Massen“ – ein vielleicht etwas zu naiv verwendeter Begriff – an der politischen Macht. Diese „Massen“ müssten dazu freilich von der „revolutionären Führung“ erzogen werden; wie viele Befreiungsmanifeste hat auch „Die Verdammten dieser Erde“ mit dem Widerspruch zu kämpfen, dass es paternalistische Seiten hat.

Frantz Fanon: Die Traumata werden nie vollständig verschwinden

Dass die koloniale Gewalt tiefe Spuren im algerischen Volk hinterlassen hat, zieht sich als Thema durch das ganze Buch bis zur Schilderung konkreter Fälle aus Fanons psychiatrischer Praxis. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung eines „neuen Menschen“, der aus dem antikolonialistischen Kampf hervorgehen soll, illusorisch.

Der Psychiater Fanon musste wissen, dass der menschlichen Seele keine komplette Entleerung möglich ist, dass die psychischen Läsionen, die Traumata nie vollständig verschwinden. Es ist die tragische Situation der Kolonialisierten: Man kann das Land befreien, einen neuen Staat gründen, die Machteliten ab- und ersetzen, das Wirtschaftssystem umstürzen, die eigene Kultur fördern; von der Geschichte, von dem, was die Menschen erlebt und erlitten haben, wird man sie niemals gänzlich erlösen können.

Dass „Die Verdammten dieser Erde“ vor allem als Aufruf zur Gewalt gelesen wurde, hat viel mit dem Vorwort und dessen berühmtem Verfasser zu tun. Fanon hatte sich gewünscht, dass der von ihm bewunderte Jean-Paul Sartre es schreibe. Dem Buch hat das wahrscheinlich zu einer größeren Bekanntheit verholfen, ob es zu einer Verbreitung von dessen Ideen geführt hat, darf man bezweifeln: „Einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.“ So die Sätze Sartres, die Jahrzehnte die Interpretation bestimmt haben. Es ist eine bittere Ironie, dass ein Buch, das zur Befreiung von der französischen Kolonialisierung aufruft, durch das Vorwort eines französischen Autors gleichsam semantisch kolonialisiert worden ist.

Der gern gepflegte Mythos von der kolonialen Vergangenheit Frankreichs

Fanon ist trotz der prominenten Fürsprache in Frankreich nicht besonders bekannt. Das liegt auch an dem nur langsam wachsenden Interesse an der Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte. Macron bezeichnete während des Präsidentschaftswahlkampfes 2017 den Kolonialismus als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und hat als Präsident mehrere Initiativen zur historischen Aufarbeitung angestoßen. Aber inzwischen hat sich seine Rhetorik gewandelt, es ist wieder Wahlkampf, und Macron zielt auf Stimmen von rechts. Wenige Wochen bevor Macron fragte, ob es vor der französischen Kolonialisierung eine algerische Nation gegeben habe, hatte der rechtsradikale Publizist Eric Zemmour, der neuerdings auch Präsidentschaftskandidat ist und von enormer medialer Aufmerksamkeit begleitet wird, ziemlich genau das Gleiche gesagt, es nur nicht als Frage formuliert. Die große koloniale Vergangenheit Frankreichs, die zivilisatorische Mission der Grande Nation – sie ist nach wie vor ein in vielen Kreisen gern gepflegter Mythos.

Die Erinnerungskultur ist in Frankreich von großer Bedeutung, der Gedenktage gibt es viele. Der 60. Todestag wäre ein später, aber guter Zeitpunkt, um Frantz Fanon und seinem wichtigen Werk einen gebührenden Platz in dieser Erinnerungskultur zu gewähren. (Malte Osterloh)

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