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Mitglieder der Künstlergewerkschaft demonstrieren vom Balkon des Pariser Odeon-Theaters. Martin Bureau/afp
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Mitglieder der Künstlergewerkschaft demonstrieren vom Balkon des Pariser Odeon-Theaters. Martin Bureau/afp

Theater-Besetzungen

Frankreich: Aufstand gegen das weiße Jahr

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Frankreichs Kulturschaffende wollen endlich wieder arbeiten. In ihrer Verzweiflung besetzen sie Theaterbühnen im ganzen Land.

Am Théâtre de l’Odeon ist noch das grüne Plakat mit dem Programm 2021 zwischen zwei dorischen Säulen aufgespannt. Shakespeares „Antoine et Cléopâtre“ figuriert darauf, oder Marie Ndiayes „Berlin mon garçon.“ Würdige Namen für ein legendäres Theater, an dessen Säulenfassade so einige Geschichtsereignisse vorbeigezogen sind.

Im Odéon begann vor mehr als 150 Jahren die Schauspielerin Sarah Bernhardt. 1870, als Paris von den Preußen besetzt war, richtete sie dort eigenhändig ein Feldlazarett ein. Ein Jahr später spielte sich dort die bürgerkriegsähnliche Episode der Pariser Commune ab. Und im Mai 1968 wurde das Odéon-Theater ein Schauplatz der Revolte, als der Regisseur Jean-Louis Barrault den Studierenden Zugang zum Theater verschaffte (und später von Kulturminister André Malraux gefeuert wurde).

Jetzt ist wieder so ein Geschichtsereignis, und das Odéon wieder besetzt. „Gib uns die Kunst zurück, Jean“, wendet sich ein Transparent an Premierminister Jean Castex, der die Kulturstätten im Land geschlossen hält. „Was das Volk erhalten hat, hat es sich genommen“, deklamiert ein anderer Spruch, flankiert von einer roten Fahne mit dem Signet der einst kommunistischen Gewerkschaft CGT.

Im Inneren des Odéon schlafen 40 Menschen seit anfangs März auf Luftmatratzen. Tagsüber stellen sie Videos von einer Jamsession ins Netz. Oder einem Mann, der auf dem Theaterdach Shakespeare-Sonette in den Pariser Himmel rezitiert. Und das Echo trägt weit: Nach dem Odéon werden nach und nach Theaterhäuser in Marseille, Straßburg, Rennes, Toulouse oder Bordeaux besetzt. Mittlerweile sind es 60.

Was die Besetzerinnen und Besetzer wollen? Jean-Paul, Schlagzeuger und Musikproduzent, zählt auf: „Wir verlangen, dass die Theater wieder aufgemacht werden. Bis dahin müssen die Überbrückungshilfe für Kulturvermittler über diesen August hinaus verlängert werden. Wir verlangen zudem eine korrekte Krankenversicherung und den Verzicht auf Macrons Reform der Arbeitslosenversicherung.“

Jetzt muss Jean-Paul Luft holen hinter dem Gittertor, das ihn von den Außenstehenden trennt. Er und die anderen sind nämlich im Theater eingeschlossen. Mit den Medien können sie nur durch ein Seitentor mit daumendicken Gitterstäben sprechen. „Und wir wollen auch“, bricht es dann aus dem Musiker hervor, „dass diese verdammte Scheiße endlich aufhört!“ Angesprochen fühlen darf sich die Pandemie selbst.

Filmemacherin Valérie übernimmt: Das „weiße Jahr“ mit geschlossenen Kinos, Theater und Opern stürze den ganzen Kultursektor ins Elend. „Psychisches Elend“, präzisiert sie. Betroffen sind ihr zufolge vor allem die „intermittents du spectacle“, zu Deutsch: Freischaffende des Schauspiels, in der Technik, in den Kostümschneidereien, natürlich die Darstellerinnen und Darsteller. Nur die großen Kulturhäuser unterhalten in Frankreich feste Ensembles. Daher sind die meisten, die für die Bühne arbeiten, freischaffend. Wenn sie 507 Arbeitsstunden im Jahr ausweisen können, erhalten sie eine – durchaus korrekte – staatliche Versicherung. In der Covid-Zeit zahlt sie die Regierung bis August fort. „Und dann?“ fragt Valérie durch die Gitterstäbe und antwortet sich gleich selbst. „Dann ist Schluss.“

Jetzt ruft eine Stimme aus dem Haus: „Val, die Direktion will uns sprechen!“ Die Filmemacherin erzählt, dass das Verhältnis zu den Odéon-Leuten angespannt sei. Diese beteiligten sich nicht an der Besetzung. „Die Covid-Krise hat auch den Graben zwischen den gutgestellten Ensembles und uns Freischaffenden vertieft“, meint Valérie und verabschiedet sich mit den Worten: „Das ist eine Art kultureller Klassenkampf.“

Sehr politisch tönt es auch auf dem halbrunden Platz vor dem Theater. Es ist 14 Uhr, Zeit für die tägliche „Agora“, die Versammlung der Besetzungssympathisanten. Heute ist eine vierköpfige Delegation von „Gelbwesten“ aus dem Vorort Montreuil gekommen. Rentnerin Monique ruft zum Schulterschluss aller „Prekären“ auf: Schauspieler und Studierende, Kellnerinnen und Krankenschwestern. Sie seien von der Covid-Krise und Macrons neoliberaler Politik härter getroffen als andere. „Wir kleinen Leute müssen aufstehen wie die Kommunarden 1871“, sagt Monique, auf deren Neonweste hinten in großen Lettern „Je suis Louise Michel“ steht: die Volksheldin der Pariser Commune, deren 150. Jahrestag in Frankreich gerade gefeiert wird.

Unter der Hundertschaft Applaudierender ist Brice, Tubaspieler und „intermittent“. Der junge Mann mit den schwarz lackierten Fingernägeln sagt, er verliere monatlich zwischen „bis zu 50 Prozent“ an Einkommen. Andere seien viel schlimmer dran. Sogar in den großen Kulturstätten. Das Odéon-Ensemble probe weiter, obwohl niemand wisse, wann das Theater jemals wieder seine Pforten öffnen könne.

Der Direktor ist vorsichtig

Odeon-Direktor Stéphane Braunschweig hält in einem Communique ebenfalls fest, die Kultur-Freelancer seien „längst nicht die einzigen Leidtragenden der Krise.“ Im Bemühen, das Gleichgewicht zwischen Solidarität und Abgrenzung zu wahren, appelliert er, die Kultur-Freelancer „nicht am Straßenrand zurückzulassen“. Zuvor hatte Braunschweig – der sich öffentlich nicht zur Besetzungsaktion äußert – das lang erwartete Stück „Ciel de Nantes“ von Christophe Honoré auf eine spätere Spielzeit verschoben; die Marivaux-Komödie „La Double Inconstance“ setzte er ganz ab.

Ähnlich getroffen ist der gesamte Kultursektor Frankreichs. Und die Aussichten bleiben düster. Statt einer wirtschaftlichen und kulturellen Öffnung hat die Regierung in Paris am vergangenen Freitag einen weiteren Lockdown für „mindestens einen Monat“ verfügt. Das schreckliche „weiße Jahr“ der französischen Kultur geht damit nahtlos in das zweite Jahr über.

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