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Der Adler als Symbol des Deutschen Kaisers über den Wappen der Bundesstaaten des Reichs.
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Der Adler als Symbol des Deutschen Kaisers über den Wappen der Bundesstaaten des Reichs.

FR-Serie zur Reichsgründung

Der Geschichtsbruch

Vielstaatliches Reich und föderativer Nationalstaat: Wie Vergangenheit bis heute Zukunft gestaltet.

Das 1871 gegründete Kaiserreich wirkt bis heute wie ein Magnet, der die deutsche Vergangenheit auf das eine große Ziel ausrichtet – den Nationalstaat. Viele sahen in ihm die Erfüllung der Geschichte, doch seine Gründung war ein Geschichtsbruch, mit ihm änderte die deutsche Geschichte ihre Richtung. Die Vielstaatlichkeit, ein Hauptmerkmal deutscher Geschichte seit ihren mittelalterlichen Anfängen, endete nun. An ihre Stelle trat der föderative Nationalstaat. Ihn als legitimen Erben des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation auszuweisen, versöhnte die vielen, die ihn nicht gewollt hatten. Oder nicht in dieser Gestalt. Er war ihnen zu preußisch, zu protestantisch und auch zu klein, denn Österreich, die alte deutsche Kaisermacht, gehörte ihm nicht an.

Das neue Reich war etwas völlig anderes als das alte. Doch es gab Kontinuitätslinien. Zu den auffälligsten gehörten Namen. Der neue Staat nannte sich Reich, sein preußisches Oberhaupt erhielt den geschichtsträchtigen Titel Kaiser. Die wohl wirksamste Brücke zur Vergangenheit bildete der Föderalismus des neuen Staates. Die Vielstaatlichkeit war vorbei, doch diejenigen deutschen Staaten, die das Ende des Alten Reichs und dann seines Nachfolgers Deutscher Bund überstanden hatten, überlebten als föderale Glieder des Nationalstaates. Die Menschen behielten ihre gewohnte Umwelt mit all ihren Landesinstitutionen – Monarch, Parlament und Regierung, Kirchen und vieles mehr. Sie blieben Württemberger, Sachsen, Bayern, Mecklenburger, Hamburger, Preußen … Ihre angestammten Loyalitäten mussten sie nicht aufgeben, als zum zweiten Mal in der deutschen Geschichte ein Nationalstaat geschaffen wurde.

Der erste von 1848/49 hatte seine revolutionäre Gründungsphase nicht überdauert. Auch er wollte die deutschen Staaten föderal vereinen, allerdings mit erheblich stärkerem Gewicht auf dem nationalen Parlament; auch er ohne Österreich, dessen späteren Beitritt die Reichsverfassung von 1849 als Möglichkeit jedoch vorgesehen hatte. Die Nationalversammlung wählte den Föderalismus als sanften Weg, die Vielstaatlichkeit in einen gemeinsamen Staat zu überführen. Italien ging einen härteren Weg. Auf ihm verschlang der Nationalstaat alle Throne und mit ihnen die einzelnen Staaten.

Der neue Nationalstaat von 1871 erschuf nicht die deutsche Nation, er veränderte sie. Erstmals in der langen Geschichte der Deutschen konnte sich nun eine deutsche Staatsnation herausbilden: ein Staat – eine Nation. Die Vorstellung, einer gemeinsamen Nation anzugehören, war bereits im Alten Reich entstanden. Dessen Vielstaatlichkeit hatte, vergleichbar zur Schweiz, eine besondere Form von Nation entstehen lassen – die Föderativnation. Sie richtete die Zukunftserwartungen nicht auf einen gemeinsamen Nationalstaat aus. Dies blieb so, als das Alte Reich sich auflöste und 1815 der Deutsche Bund entstand.

Im Rückblick haben viele das Ende des Alten Reichs als eine verpasste Chance zum deutschen Nationalstaat gesehen. Sie gab es nicht. Die Kriege gegen ein französisch beherrschtes Europa, das Napoleon zu erzwingen schien, erregten zwar nationale Emotionen, doch ein Europa der Nationalstaaten stand damals nicht auf der Tagesordnung der Geschichte. Die europäischen Fürsten nutzten mit oder gegen Napoleon die Kriege, um ihre Staaten auf Kosten anderer zur vergrößern. Es war eine Zeit der feindlichen Übernahmen unter Monarchen, abgeschlossen und völkerrechtlich legitimiert durch den Wiener Kongress, kein Aufbruch in eine nationalstaatliche Zukunft.

Der Deutsche Bund war ein Ergebnis dieser Ära der staatlichen Neuordnung Kontinentaleuropas. Das neue Europa entstand als ein Gemeinschaftswerk von Staaten, nicht als Tat von Nationen. Das untergegangene Heilige Römische Reich Deutscher Nation hinterließ ein Erbe, von dem das neue Deutschland zutiefst geprägt wurde. Es blieb vielstaatlich mit einem staatenbündischen Dach und einigen gemeinsamen Institutionen, und es blieb ein europäisches Gebilde. Es umfasste Gebiete, in denen Deutsche in der Minderheit waren, und ihm gehörten auch nichtdeutsche Monarchen an: der britische als Oberhaupt des Königreichs Hannover, der niederländische als Großherzog von Luxemburg und Herzog von Limburg, der dänische als Herzog von Holstein und von Lauenburg.

1871 – Eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten. Nach 1945 galten die Umstände als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles im Gedächtnis geblieben sind. Zum Auftakt erschien am 31.12. 2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs. Es folgten ein Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn sowie Texte über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung, über Bismarck, die Reaktionen im Ausland, den Antisemitismus, die Arbeiter- und Frauenbewegung. Es folgt ein Beitrag über die Zeitkritik im Werk Wilhelm Raabes. Lesen Sie alle Beiträge im Dossier.

Im Deutschen Bund vollzog sich das, was man Nationsbildung nennt. Die wirtschaftlichen Verflechtungen wurden enger, die Verkehrsverbindungen ebenfalls, handelspolitisch trat man nach außen gemeinsam auf, Vereine und Interessenverbände übergriffen die einzelnen Staaten, ein nationaler Kommunikationsraum entstand. Nicht alle Gebiete des Bundes wurden in diese nationale Verdichtung einbezogen. Auch deshalb war er nicht auf dem Wege zu einem gemeinsamen Staat. Er wirkte vielmehr trotz der nationalpolitischen Integration, die er ermöglichte, als Schutzschild gegen alle Versuche, die einzelnen deutschen Staaten in einen deutschen Gesamtstaat einzuschmelzen. Wer den Nationalstaat wollte, musste den Deutschen Bund zerstören. Das unternahm 1848 die Revolution und dann 1866 Preußen im deutschen „Bruderkrieg“, wie die Zeitgenossen den Krieg nannten, der Österreich ausschloss und Preußen durch Annexionen vergrößerte.

Preußen ging damals ein Stück weit den italienischen Weg der Zentralisierung durch Staatszerstörung – der Nationalstaat als innerer Eroberungsstaat. Dieser Weg verlief entschieden antiföderalistisch. Er hätte nur mit einem weiteren innerdeutschen Krieg fortgesetzt werden können. Der Krieg nach außen führte hingegen in einen föderalistischen Nationalstaat. Möglich wurde er nur, weil die deutschen Staaten südlich der Mainlinie, die das kriegerische Ende des Bundes überstanden hatten, 1870 im preußisch-französischen Krieg an die Seite Preußens traten und ihn damit zu einem Nationalkrieg zwischen Deutschland und Frankreich machten. Die emotionale Kraft, die der gemeinsame Krieg freisetzte, überwältigte alle Hindernisse, die sich einer nationalstaatlichen Zentralisierung widersetzt hatten. Für viele war es eine Art Resignation in den Nationalstaat. Die föderative Nation sperrte sich nicht mehr gegen den gemeinsamen Nationalstaat, sie bekräftigte nun seine föderative Ordnung.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und der Deutsche Bund standen lange im Geschichtsschatten des Kaiserreichs. Das lag nicht nur daran, dass die Idee Föderativnation rasch in Vergessenheit geriet oder als illusionär abgewertet wurde, als der Nationalstaat geschaffen war. Auf ihn richtete sich nun das deutsche Geschichtsbild aus. Es gab immer auch Widerspruch, aber das dominante Bild bestimmten die Sieger. Sie tauchten die Tradition der Vielstaatlichkeit in ein Dunkel, vor dem der Nationalstaat fortschrittshell leuchten sollte. Im Rückblick lässt sich ein Bild zeichnen, das Hell und Dunkel fairer verteilt.

Wie lassen sich die Wirkungen des Reichs bis in die Gegenwart bestimmen? Seine Vielstaatlichkeit bedeutete machtpolitische Schwäche. Im Unterschied zu Zentralstaaten wie Frankreich trat es außenpolitisch nicht aggressiv auf. Den deutschen Nationalstaat zu fordern, hieß stets auch, für einen starken Staat zu werben. Nationalstaaten entstanden in Kriegen, sie waren Machtmaschinen. Das Reich führte keine Angriffskriege nach außen, der Deutsche Bund ebenfalls nicht. Sie waren bestenfalls zur gemeinsamen Verteidigung fähig. Erst als in Mittel- und Südeuropa mit Deutschland und Italien Zonen der Vielstaatlichkeit nationalstaatlich geeint wurden, entstanden dort Machtstaaten. Sie wurden rasch zu imperialistischen Global Players im europäischen Wettlauf um Kolonien.

Diese aggressive Seite des Nationalstaats wird ausgeblendet, wenn man Deutschland eine verspätete Nation mit einem verspätet gegründeten Nationalstaat nennt und darauf Demokratiedefizite zurückführt. Es stimmt, der Nationalstaat wirkte als Demokratieversprechen, doch zugleich versprach er Macht. Beides galt für das Alte Reich und seinen Nachfolger nicht. Noch in der Zeit des Deutschen Bunds konnte sich staatsbürgerliche Mitwirkung nur in den einzelnen Staaten entwickeln, nicht aber auf Bundesebene. Das war ein wichtiger Grund, warum der Nationalstaat auch bei denen, die keinen Zentralstaat wollten, an Zustimmung gewann. Nicht fähig zur Parlamentarisierung erschien der Deutsche Bund als ein Relikt der Vergangenheit. Doch seine Vielstaatlichkeit gehört zum historischen Erbe, das als Föderalismus bis heute die deutsche Geschichte prägt. (Dieter Langewiesche)

Der Autor, Jg. 1943, ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte. Der hier abgedruckte Text basiert auf zwei Büchern des Autors: „Vom vielstaatlichen Reich zum föderativen Bundesstaat“ (Kröner Verlag 2020) sowie „Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne“ (C.H. Beck Verlag 2019).

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