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Festival LiteraTurm: Verdrängtes Geschehen

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Von: Andrea Pollmeier

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Weitblicke sind gewünscht bei LiteraTurm. Foto: Archiv
Weitblicke sind gewünscht bei LiteraTurm. Foto: Archiv © Alexander Paul Englert / Frankfurt am Main / Tel.: 069 - 29 42 55 / Konto Nr. 605809022 BLZ 503 201 91 HypoVereinsbank Frankfurt

Beim LiteraTurm-Festival wird über unterschiedliche gesellschaftliche Risse diskutiert

Können wir historische Ereignisse vergleichen?“ Die Frage ist nach vierzig Jahren unter dem Stichwort „Historikerstreit 2.0“ wieder aufgelebt und provoziert noch immer. Sie ist Teil der aktuellen Debatte um die Documenta, beeinflusste 2019 den BDS-Beschluss im Deutschen Bundestag und trägt zu einer Existenzen gefährdenden „cancel culture“ bei. René Aguigah, Leitender Redakteur im DLF Kultur, stellte die Frage an den Anfang des von ihm beim Frankfurter LiteraTurm-Festival moderierten Gesprächs. „Die Frage ist nicht besonders schlau“, antwortet Norbert Frei, der an der Universität Jena Geschichte lehrt und zum Sammelband „Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust“ beigetragen hat. Vergleiche seien schließlich das zentrale Werkzeug der Geschichtswissenschaft.

Warum können dann aber Genozid-Vergleiche die gesellschaftliche Debatte so tiefgreifend spalten? Wozu dient die Pappmaché-Diskussion, fragt Dana von Suffrin, Historikerin an der LMU München. Verwiesen wird auf den Beitrag des in Chapel Hill, USA, lehrenden Genozid-Forschers A. Dirk Moses „Der Katechismus der Deutschen“, der davor warnt, dass Deutschland im internationalen Diskurs über diese Fragen zunehmend isoliert werde.

„Wer Singularität konstatiert, hat immer schon verglichen,“ antwortet Per Leo, der den Leitfaden „Mit Rechten reden“ (Klett-Cotta) mitverfasst hat. Die Frage sei nicht, ob man vergleichen dürfe, sondern, ob das, was man durch den Vergleich bekommt, Singularität sei. „Ich würde sagen, aus wissenschaftlicher Sicht nein“, sagt Leo. Man bekomme vielmehr „Spezifik“. Denn, „wer vergleicht, bekommt immer Ähnliches und Gleiches zusammen. Das ist der Preis, den man methodisch bezahlen muss“. In der emphatischen Rede werde „Singularität“ jedoch als ein rhetorischer Topos benutzt, dann müsse man im Einzelfall hinschauen, wer spricht und klären, was genau gesagt und gemeint sei.

Um den „Einzelfall“ des Philosophen Martin Heidegger ging es im Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und Peter Trawny, dem Herausgeber der Schwarzen Hefte von Martin Heidegger. Doch auf die Frage Trawnys, wie Sloterdijk die heftige Diskussion nach der Publikation der zwischen 1931 und 1970 handschriftlich verfassten Notizen wahrgenommen habe, antwortet dieser ausweichend, spricht vom diskursiven Slapstick, den Heidegger für die Philosophie erfunden habe. Die Vorwürfe des Antisemitismus seien nicht neu gewesen, schon in den 60er Jahren habe man gegen Heidegger einen Bann ausgesprochen, der seine weltweite Rezeption jedoch nicht verhindert habe.

Genaues Hinschauen forderten Natalie Amiri und Nahid Shahalimi. Den Blick richten die im Iran geborene Journalistin und die afghanische Filmemacherin und Aktivistin auf die Lage der Frauen in Afghanistan. In ihren Schilderungen und in eindrucksvollen Kurzfilmbeiträgen machen sie das zunehmend vom Krieg in der Ukraine verdrängte Geschehen in Afghanistan präsent. Natalie Amiri erinnert an den Moment, als gefährdete Frauen mit einer Einreisegenehmigung am Tor des Flughafens in Kabul standen und kein Verantwortlicher in Deutschland ihren Zutritt autorisierte. Das Flugzeug flog leer in die Bundesrepublik zurück. Erst Monate später gelang einigen Frauen die Ausreise.

„Wenn du gejagt wirst, ist jeder Tag Psychoterror“, sagt Amiri im Gespräch mit Moderatorin Isabel Schayani, die für ihre Berichte aus dem Flüchtlingscamp Moria 2021 mit dem Grimme-Preis Spezial ausgezeichnet worden ist. Bis heute hat niemand für das Versagen in der damaligen Lage Verantwortung übernehmen müssen.

In zahlreichen Podien des Festivals, das unter dem Begriff „Risse“ Konflikten in der Gesellschaft nachspürt, geht es um Themen von aktueller Brisanz. Nach dem 24. Februar wurden Themen, die den Krieg betreffen, integriert. In einem Gespräch mit Nicole Deitelhoff, Leiterin des Leibniz-Instituts der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, war beispielsweise der bulgarische Politologe Ivan Krastev von Wien aus zugeschaltet. Krastev erklärt, dass bis zur Okkupation der Krim 2014 die ukrainische Identität nie in Opposition zu Russland definiert worden sei, dies habe sich nun radikal geändert. Putin sei Opfer seiner eigenen Propaganda geworden, indem er mit seinem Angriff wesentlich zur Geburt eines ukrainischen Nationalbewusstseins beigetragen habe.

LiteraTurm, Frankfurt: noch bis 3. Juli. literaturm.de

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