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Farid Rakun von Ruangrupa: „Überzeugungen sind nicht schnell zu ändern“

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Von: Lisa Berins

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Das Gerüst, an dem das umstrittene Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi hing.
Das Gerüst, an dem das umstrittene Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi hing. © Uwe Zucchi/dpa

Farid Rakun von Ruangrupa über nötige Toleranz bei der Arbeit im Kollektiv und das Gefühl, ständig übergangen zu werden.

Farid Rakun, was war Ihre Vision für Kassel?

Als wir eingeladen wurden, haben wir eine Gegeneinladung ausgesprochen: Will die Documenta Teil unserer Reise sein? Die Projekte der Künstlerinnen und Künstler haben alle schon eine lange Zeit vor der Eröffnung angefangen, die Documenta hat uns allen aber auch neue Möglichkeiten gegeben. Es ist ein offener Prozess des Arbeitens und Lernens, der nicht mit dem Ausstellungsende terminiert ist. Momentan denken wir darüber nach, wie es nach der Ausstellung weitergeht. Dafür wollen wir Räume schaffen, um zu reflektieren, was wir gelernt haben und überlegen, wie die Projekte fortgesetzt werden können.

Lassen Sie uns über das Prinzip des Kollektivs sprechen. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Kraft des Gemeinschaftlichen?

Ruangrupa hat sich als Kollektiv gegründet, um sich selbst einen Weg zu ebnen. Teil unserer Arbeit ist es, für unsere Interessen eine Infrastruktur aufzubauen. Wir wollten etwas erschaffen, für das es zur damaligen Zeit in Indonesien noch keinen Platz gab: Musik, Kunst, Aktivismus. Wir waren Studierende, wir waren jung, wir brauchten den Rückhalt in einer Gemeinschaft, um Mut und Kraft zu schöpfen. Gemeinsam haben wir uns einen Zugang zu neuen Möglichkeiten verschafft. Eine Menge der Kollektive startete damals so, nach 1998. Viele gibt es mittlerweile nicht mehr. Und auch wir fragen uns immer wieder: Wollen wir weitermachen oder nicht? Bisher haben wir das immer positiv beantwortet. Wir haben mittlerweile ein großes Netzwerk, viele Ressourcen, die wir teilen können, und von denen auch jüngere Kollektive profitieren. Zusammen mit anderen in Jakarta ansässigen Kollektiven haben wir Gudskul gegründet, unsere eigene Bildungsplattform, die wir ständig verändern.

Viele Gesellschaften, auch die deutsche, sind sehr individualistisch ausgerichtet, und das Kollektive wird – auch aufgrund von Erfahrungen mit kollektivistischen Gesellschaftsformen wie Kommunismus, Sozialismus, Nationalismus – durchaus kritisch gesehen. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich. Aus unserer Perspektive ist das Kollektiv aber hauptsächlich positiv konnotiert. In den gesellschaftlichen Umbrüchen in Indonesien lernten wir, dass es gut ist, im Kollektiv zu arbeiten. Zum einen, weil wir so schwerer zu kontrollieren waren; wenn wir eine Arbeit gemacht haben, dann stand nicht der Einzelne, sondern das Kollektiv dafür gerade. Das Individuum fand Schutz in der Gemeinschaft. Die Regierung konnte nicht eine einzelne Person dafür verantwortlich machen und einsperren oder anders bestrafen. Das ist ein weiterer Grund, warum es in Indonesien auf einmal so viele Kollektive gab. Unter der Diktatur von Suharto war außerdem lange Zeit der Kommunismus verboten gewesen, und die Regierung hatte sogar Versammlungen von mehr als fünf Personen zerschlagen können. Die Kollektive nach Suhartos Sturz waren eine Art Gegenentwurf dazu. Nicht nur in der Kunst, in der ganzen Gesellschaft wurde das Kollektive, das Gemeinschaftliche, das Versammeln und das Teilen als Freiheit gefeiert. Für Künstlerinnen und Künstler ist es in Indonesien noch immer normal, zu einem Kunstkollektiv zu gehören.

Dem Individuum wird im Kollektiv eine ganze Menge Toleranz abverlangt. Auch innerhalb von Ruangrupa gibt es, wie Sie schon in anderen Interviews erwähnten, verschiedene Auffassungen über die BDS-Bewegung. Wie wird das gehandelt? Wo hört die Toleranz auf?

Es gibt eine Menge dieser Diskussionen innerhalb unseres Kollektivs, jeden Tag, nicht nur wegen der Documenta. Wir haben ja keine feste Mitgliedschaft oder so etwas. Wenn Menschen eine Auszeit brauchen, dann können sie sie sich nehmen, und dann können sie zurückkommen oder nicht, das ist eine persönliche Entscheidung. Es gibt Grenzen des Kollektiven, und das ist uns allen bewusst. Wenn etwas in der Gemeinschaft auftaucht, das sehr belastend wird für das Kollektiv, dann ist eine Grenze überschritten. Aber Ruangrupa hat sich nicht auf der Basis von bestimmten Theorien oder politischen Ideologien gegründet. Wir haben verschiedene Ansichten, verschiedene Glauben, aber es gibt dennoch Wege, zusammenzuarbeiten. Wir sind eher ein Verbund aus Nachbarn. Die kann man sich auch nicht immer aussuchen, da stimmen die politischen Meinungen auch nicht immer überein. Wenn wir mit anderen Kollektiven kollaborieren, fragen wir nicht erst ihre Überzeugungen ab. Es ist wie eine Nachbarschaft. Einige Momente sind schön, andere nicht.

Wenn ich einen antisemitischen Nachbarn hätte, würde ich ihn wohl nicht zu einem Fest einladen … Was wäre für ein Kollektiv wie Ruangrupa die beste Methode, mit Antisemitismus umzugehen, mit Hass in der Ausstellung?

Das ist eine sehr komplexe Sache. In Südostasien, auch in Indonesien, um direkt auf unsere Realität Bezug zu nehmen, ist der Hass auf chinesische Minderheiten weit verbreitet. Oft muss man sich von der Vorstellung verabschieden, diese Überzeugung von einem Tag auf den anderen ändern zu können. Was wir tun können, ist, uns diesen Personen oder Gruppen zu widmen, mit ihnen zu reden, ihnen klarzumachen: Das ist unser Weg, wenn ihr da nicht mit einverstanden seid, dann geht bitte. Aber erst geben wir ihnen Zeit und eine Chance, zu der Einsicht zu kommen, wie schmerzhaft ihre Überzeugung für andere ist. Manchmal ist es hoffnungslos. Aber die meisten Fälle innerhalb unseres Kollektivs konnten wir nach einer Zeit klären. Um auf die Ausstellung zurückzukommen: Als Taring Padis „People’s Justice“ in den Fokus geriet, da hätten wir über die problematischen Motive diskutieren müssen. Wie kamen sie auf dieses Banner? Wir würden diese Diskussion sehr gerne noch immer führen, aber leider ist das im Rahmen der Documenta nicht mehr möglich.

Warum?

Die Atmosphäre ist vergiftet. Taring Padi hatte zugestimmt, das Banner „People’s Justice“ zu entfernen, wir kamen dem nach. Dann hörten die Angriffe nicht auf, nachdem wir uns entschuldigt hatten. Die Tatsache, dass das Banner demontiert wurde, schloss die Möglichkeit aus, daraus zu lernen. Aber abgesehen davon haben auch die Künstler das Gefühl, nicht mehr sicher zu sein.

Wegen der harten Kritik an der Ausstellung?

Zur Person:

Farid Rakun ist ein in Jakarta lebender Künstler, Architekt und Gastdozent für Architektur an der Universitas Indonesia. Er ist seit 2013 in verschiedenen Funktionen für die Jakarta Biennale tätig und fungiert dort als Interimsdirektor. Rakun ist Mitglied des indonesischen Kunstkollektivs Ruangrupa, das in diesem Jahr die künstlerische Leitung der documenta fifteen übernommen hat

Es gab ja am Anfang der Documenta diese Übergriffe, den Einbruch – das hat eine gewisse Grundstimmung erzeugt.

... aufgrund derer die Antisemitismus-Vorwürfe dann als Versuch gewertet wurden, die Arbeit der Kollektive zu sabotieren oder zu boykottieren?

Wir wurden gesilenced. Es gab so viele Dinge und Aspekte, die aufgrund dieser Wolke an Vorwürfen nicht gehört und gesehen wurden: Marginalisierung, Gewalt, Kolonisation. Über all das wurde nicht geredet.

Warum hat Ruangrupa nicht selbst eine Diskussion gestartet, da hätten doch auch diese Themen auf den Tisch kommen können.

Wir haben unsere Lektion gelernt, als wir die „We need to talk“-Reihe machen wollten. Das sollte im März über die Bühne gehen. Wir haben Experten zum Thema Antisemitismus eingeladen. Dann wurde alles gezwungenermaßen abgesagt, und da waren es nur noch zwei Monate bis zur Eröffnung. Wir hatten keine Ressourcen, keine Energie mehr, um noch einmal eine solche Gesprächsreihe vorzubereiten, wir waren mit der Eröffnung beschäftigt. Ich würde eine solche Diskussion nach wie vor gerne machen. In den nächsten Wochen werden wir sehen, ob es noch mal eine Möglichkeit dafür gibt. Dabei würde Ruangrupa aber selbst nicht viel zum Thema sagen können, wir verstehen uns nicht als die ultimativen Stimmen der documenta fifteen. Unsere Kollaborationspartnerinnen und -partner haben das Recht, mit ihren eigenen Stimmen zu sprechen.

Was erwarten Sie in einem gemeinsamen Lernprozess von Ihrem Gegenüber?

Als Taring Padi wegen dem Bild „All Mining is Dangerous“ der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde, da hätte man verschiedene Dinge beachten müssen. Unter anderem die Herkunft von Motiven aus dem Wayang, dem traditionellen indonesischen Puppenspiel. Ohne uns zu fragen, ohne mit uns zu sprechen, wurde aber der Vorwurf laut, in der Presse, in den Sozialen Medien. Es ging mehr um Clickbaiting, um Schlagzeilen, als um Klärung. Man hätte, bevor diese Anschuldigungen ausgesprochen werden, zuerst mal eine Gesprächsbasis finden müssen. Aber so kann es nur schiefgehen. Wenn man zuerst attackiert, muss man sich nicht wundern, dass die Attackierten sich attackiert fühlen. Dann wird es auf der Beziehungsebene schwierig.

Jetzt wurde ein Gremium eingesetzt, das sich um die Aufarbeitung von antisemitischen Vorfällen kümmern soll. Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit bevormundet? Ist es eine Einmischung in Ihr künstlerisches Konzept?

Es geht sogar tiefer als das. In Indonesien (und in anderen Kontexten, aus denen unsere Kollaborationspartnerinnen und -partner kommen) kennen wir diese Art der Überwachung. Es beginnt mit einer Bewertung und dann wird es gravierender. Das andere ist, dass uns wieder nicht kommuniziert wurde, dass dieses Gremium eingesetzt wird. Es war eine Entscheidung, mit der wir nichts zu tun hatten, wir wurden nicht gefragt, was wir darüber denken. Erst war es nur eine Überlegung, und während wir noch drüber berieten, wurde das Komitee einfach installiert. Das Dritte, was uns stört, ist die Bezeichnung, dass es sich um ein wissenschaftliches Komitee handelt. Wissenschaft als Begriff bringt die unvermeidliche Geschichte der Kolonialisierung mit sich. Wir verstehen, dass der Einsatz des Gremiums eine politische Entscheidung ist. Aber wir sehen nichts Gutes für uns darin. Für die Zukunft der Documenta ist es vielleicht wichtig, aber nicht für uns. Es ist keine Hilfe für uns. Wir wollen dieses Gremium nicht. Und das haben wir schon mehrere Male klargemacht.

Auf der anderen Seite wäre es schon gut, Resultate zu sehen, was offenbar in einem Entscheidungsprozess eines Kollektivs doch sehr lange braucht...

Wir wissen, dass es lange dauert, bis wir Entscheidungen treffen. Manchmal treffen wir auch gar keine Entscheidungen. Uns ist immer klar, dass unsere Art der Kollektivität nicht jedem aufgezwungen werden soll. Wir sagen auch nicht, dass wir die Zauberformel für die Lösung aller Probleme hätten. Wir haben immer unsere Limits gekannt, und sind in unserer Praxis bis an die Grenzen gegangen.

Interview: Lisa Berins

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