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In der Wohnung der Hesselbachs wird modernisiert. Es spielten (v. l.) Dieter Henkel, Wolf Schmidt, Liesel Christ, Otto Knur. 

„Die Hesselbachs“ und wir

Familie Hesselbach: Vom Heim- und vom Fernweh

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Papa Hesselbach wusste mit liberalen Monologen zu verblüffen, aber ihm war ein winziger Bewegungsradius genug. Derzeit verengt sich der Blick. Das ist gefährlich.

Wir Menschen mögen beides: Wir kreisen gerne um unseren eigenen Nabel, betrachten unser Spiegelbild, beschreiben begeistert, wie gut oder – das wohl eher noch lieber – wie schlecht es uns geht. Wir sind gerne Opfer bestimmter böser Kreise oder aber ganz allgemein der Verhältnisse. Häufig entstehen daraus politische Bewegungen. Das Mitleid derer, die ein wenig mit dem Gang der Geschichte vertraut sind, wird sich in Grenzen halten. Denn nur zu oft werden sehr schnell aus den Verfolgten Verfolger.

Wir lieben aber auch, aufzubrechen ins Unbekannte, uns anzuschauen, was womöglich niemand jemals gesehen hat. Es gibt das Fernweh, wie es das Heimweh gibt. Es gibt Gesellschaften, die verbieten die Heirat mit Fremden, und es gibt – deutlich seltener – Gesellschaften, die gebieten sie. Es gibt Zeiten, in denen herrscht die eine Sicht, und es gibt solche, in denen hat die andere das Sagen.

In der Mediathek des Hessischen Fernsehens konnte man kürzlich wieder „Die Hesselbachs“ ansehen. 51 Sendungen von 1960 bis 1967. Ich habe mir etwa dreißig davon betrachtet. Ich hatte sie als engstes Provinztheater in Fernsehformat in Erinnerung. Tatsächlich spielen alle Filme in einer hessischen Kleinstadt, in einer Familie, in einem Betrieb. Der besteht aus einer Druckerei und einer Wochenzeitung.

Bei den Hesselbachs gibt es Papa und Mama, die heiratsfähigen Kinder, die Angestellten, einige Honoratioren, ein paar ab und zu einmal hineinschneiende Verwandte. Es gibt keine Türken, keine Araber, keine Schwarzen. Keine Juden. Der Höhepunkt des Exotismus ist ein schwäbischer Buchhalter. Es gibt nur Deutsche. Das von Adolf Hitler geschaffene Volk.

Die Hesselbachs sind ein Werk von Wolf Schmidt (1913– 1977). Er ist Papa Hesselbach, Autor und Regisseur. Schmidt war Journalist und Kabarettist gewesen, bevor er Hesselbach wurde. Von dem machte er übrigens auch Stuttgarter und Kölner Varianten. Es würde sich lohnen, ausführlicher über den ungeheuer begabten Mann zu sprechen, aber es geht jetzt um etwas anderes.

Die Enge des Milieus, der kleine Bewegungsradius bilden den Hintergrund, von dem sich die An- und Einsichten von Papa Hesselbach immer wieder – und immer wieder vergebens – freizumachen versuchen. Ich war überrascht über die Liberalität des Patriarchen, der in großen Monologen immer wieder für abweichende Meinungen, abweichendes Verhalten eintritt. Im Rahmen der Gesetze. Homosexualität zum Beispiel kommt in den Folgen, die ich sah, nicht vor.

Das Fernweh spielt keine Rolle. In einer Folge werden die Ferienreisen nach Italien verspottet und wird das eigene Bett mit der eigenen Gattin gepriesen. Ich bin Jahrgang 1946. Die Enge bei den Hesselbachs empfand ich als unerträglich. Mich zog „der Duft der großen weiten Welt“ an. So der Slogan einer seit 1959 überaus erfolgreichen Zigarettenwerbung. Schon ein Jahr später war die „Peter Stuyvesant“, die gerade erst auf den Markt gebracht worden war, auf Platz drei der meistverkauften Zigaretten. Die Tourismusbranche begann ihren kometenhaften Aufstieg. Fernweh war nicht mehr nur ein wehmütiges Gefühl. Hunderttausende der heute 70-jährigen Deutschen waren schon auf allen Kontinenten. Sie waren geschäftlich unterwegs und aus Neugierde. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wie es anderswo ist.

Das aber brauchte Papa Hesselbach nicht. Er wusste, dass die Menschen einander überall auf der Welt verblüffend ähnelten. Er wusste, dass Toleranz überall ein rares Gut, ein zartes Pflänzchen ist. In seiner Welt gab es keinen utopischen Ort, von dem Heil zu erwarten war. Die Sowjetunion war es nicht, und die USA waren es auch nicht – nicht, weil sie abgelehnt wurden, sondern weil sie nicht vorkamen.

„Die große weite Welt“ war dem Herrn Hesselbach nicht nur keine Verheißung. Sie war abgeschafft und mir ihr der Traum von einem möglichen anderen Leben. Das war vielleicht das eigentlich Unerträgliche daran: Dieses Einverstanden-Sein mit sich und seiner Identität brachte uns damals auf. Dazu kam die Selbstgewissheit, mit der uns vorgeführt wurde, dass die Weltgeschichte nach der Einäscherung ganzer Landstriche und der Vernichtung ganzer Bevölkerungen hier endlich im Wirtschaftswunder der Bundesrepublik ihr Gleichgewicht gefunden habe. Im Mittelmaß, im juste milieu der Hesselbachs war die Geschichte an ihr Ende gekommen. Hier versteinerte sie.

Es war keine schlechte Welt. Aber sie verströmte nicht – ein anderer Slogan aus der Zigarettenwerbung – den „Geschmack von Freiheit und Abenteuer“. Der sollte weltweit die nächsten Jahre bestimmen. Wer damals lebte, als es zum Beispiel die Pille schon, Aids aber noch nicht gab, dem schien sich die Aussicht auf ein angstfreies Sexualleben zu eröffnen. Das war sicher der Kern von „Freiheit und Abenteuer“. Dieser Traum ist wie viele andere – auch der vom „herrschaftsfreien Diskurs“ – zerschellt. Nicht, weil er widerlegt worden wäre, sondern weil jeder Versuch, ihn zu realisieren, scheiterte. Die Utopien gingen zugrunde, sobald man ihnen einen Ort gab.

Das Pendel schlug wieder in die andere Richtung aus. Identität war jetzt nicht mehr das, wonach man strebte, sondern man hatte sie, und man hatte sie zu verteidigen gegen die, denen sie nicht genug war. Die älter gewordenen Befürworter von „Freiheit und Abenteuer“ waren dazu physisch nicht mehr in der Lage oder politisch auf die Gegenseite gerutscht. Die Jungen sahen, dass die Welt, die ihnen die Verteidiger von „Freiheit und Abenteuer“ überlassen hatten, eine zerstörte war: zerstört die Natur, zerstört die Familien. Sie wollten wieder Balance, Sicherheit.

Das ist allerdings bloß ein grober Holzschnitt. Schon die Chronologie ist fraglich. Es handelt sich wohl mehr um sich verschiebende Gemengelagen. Es wird niemals eine Welt geben, in der es nicht die Sehnsucht gibt nach Sicherheit und Beständigkeit und es wird auch niemals eine Welt geben ohne die Lust auf Freiheit und Abenteuer. Es werden sich immer Fern- und Heimweh mischen, die Lust aufs Fremde und die Angst vor ihm. Die Angstlust nicht zu vergessen!

Die Vorstellung, wir könnten uns zurückziehen auf das, was wir haben, wird nicht nur scheitern an den anderen, die zu uns wollen. Sie wird auch scheitern an uns, die wir hinaus wollen. Vielleicht hat die Mauer das Leben der DDR verlängert. Am Ende wurde sie von innen aufgebrochen. Wir haben gerade wieder vorgeführt bekommen, wie eng und wie schnell alles miteinander zusammenhängt. Es ist gleich, ob unser Sars-Virus auf einem Wildtiermarkt in Wuhan auf den Menschen übersprang oder ob er es woanders tat. Er war im Laufe weniger Wochen überall auf der Welt.

Ohne die Globalisierung wäre uns das nicht passiert? Es hätte vielleicht Jahre gebraucht. Ohne die Globalisierung, ohne die WHO aber hätte es keine Weltaufmerksamkeit für den Markt in Wuhan gegeben und das Virus hätte uns unvorbereitet – noch unvorbereiteter – erreicht.

Es wird noch lange dauern bis wir begreifen, dass unsere Geschichte nicht unsere Geschichte ist. Wir glauben immer noch, die nationale Perspektive reiche aus, unsere Lage zu erklären. Aber schon der Siebenjährige Krieg, der zu meiner Schulzeit als eine Auseinandersetzung zwischen Preußen und dem Reich der Habsburger oder gar zwischen Friedrich dem Großen und Maria Theresia, als ein Abschnitt in der Auseinandersetzung um die Frage „Was ist des Deutschen Vaterland?“ angesehen wurde, war in Wahrheit ein Weltkrieg: Er wurde in Mitteleuropa, Portugal, Nordamerika, Indien, der Karibik und auf den Weltmeeren ausgefochten.

Ausschweifung und Versenkung sind unterschiedliche Lebensformen, aber sie sind beide nötig. Erst der Blick von außen lässt uns uns besser erkennen. Alles hängt von unserer Bereitschaft zum Perspektivwechsel, von unserer Fähigkeit dazu, von unserer Begabung dafür ab. Nicht jeder Einzelne muss Ausschweifung und Versenkung beherrschen. Er muss nur die Gewissheit haben, dass die Gesellschaft auf beides angewiesen ist.

Die Konzentration auf uns tut uns gut. Aber wir müssen wissen: Je wohler wir uns dabei fühlen, desto dümmer macht sie uns.

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