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Exilrussische Journalistin Natalja Sindejewa: „Aber wie lebt ihr, wie lebt eure Oma?“

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Von: Stefan Scholl

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„Anstelle des Westens würde ich die Grenze maximal öffnen“, sagt Natalja Sindejewa. Foto: TV Doschd
„Anstelle des Westens würde ich die Grenze maximal öffnen“, sagt Natalja Sindejewa. © TV Doschd

Natalja Sindejewa, Chefin des russischen Exilsenders TV Doschd, über die Bilder in russischen Köpfen, Putins weiterhin erfolgreiche Propaganda, die Mitverantwortung des Westens – und die Frage, was Europa konkret tun könnte.

Natalja Sindejewa, Sie sind wieder auf Sendung, diesmal als Diaspora-Kanal. Ihre Redaktion improvisiert ein Programm aus Riga, Amsterdam und Paris.

Tatsächlich war das eine mühsame Entscheidung. Ich musste ausreisen, wusste nicht, wie lange ich wo und wovon leben sollte. In so einer Ungewissheit ist es wichtig, eine Aufgabe zu haben. Außerdem sprach ich viel mit unserem früheren Publikum. Die Leute sagten, es gebe weiter genug unabhängige Informationsquellen. Aber TV Doschd fehle ihnen als Platz der Gemeinsamkeit, wo sie beim Zuschauen spüren, wie viele Gleichgesinnte es gibt. Und schließlich habe ich mich für die mehr als 200 Beschäftigten verantwortlich gefühlt, von denen über die Hälfte emigrierte und keine Arbeit hatte. Der Glaube, dass die Menschen TV Doschd brauchen, ist auch eine Art Optimismus.

Sie gelten als notorische Optimistin, tanzen in Amsterdam weiter Tango, suchen einen Partner, mit dem Sie Weltmeisterin werden können. Sie sind wohl dazu geboren, glücklich zu sein.

Offenbar, ich will glücklich sein, Glücklichsein ist mein Normalzustand. Auch jetzt, trotz aller Schwierigkeiten. Natürlich vermisse ich Moskau sehr. Ich vermisse meinen Vater, meine Verwandten, die Freunde, die fast alle in Russland geblieben sind. Aber ich lebe in einer schönen Stadt, habe Arbeit, tanze, mein Sohn ist bei mir, meine Tochter studiert in der Nähe von Salzburg. In Europa ist ja alles nah. Es wäre eine Sünde, mich zu beklagen.

Wie wirken die russischen Panzer in der Ukraine auf dieses Glück?

Davon habe ich mit Absicht nicht gesprochen, mein Bewusstsein spielt sich jetzt ständig vor dem Hintergrund ab, dass mein Land im Nachbarland Krieg führt, Menschen tötet. Auch über meinen glücklichen Momenten hängen Unruhe und Schrecken. Aber ehrlich gesagt, man kann nicht immer grübeln und leiden. Wenn du dir selbst verbietest, glücklich zu sein, kannst du nicht vorankommen, nicht weiterleben. Unser Sender tut jetzt alles, um möglichst vielen Menschen die Augen über diesen Krieg zu öffnen.

Wie wirkt sich das Exil auf die Arbeit von TV Doschd aus?

Es ist kein Problem, Informationen aus Russland zu beschaffen, es gibt weiter genügend Quellen. Mit den Gesprächspartnern unserer Reportagen reden wir über Zoom. Aber viele Russen haben jetzt Angst, sich filmen zu lassen. Unser Problem ist auch die Trennung von Russland. Wie können wir hier spüren, was dort in der Luft liegt, welche Stimmungen sich entwickeln?

Gibt es dort noch Reporter oder Reporterinnen, die es wagen, für TV Doschd auf die Straße zu gehen und Leute zu interviewen?

Leider haben wir keine eigenen Journalisten in Russland. Verschiedene Stringer und Freelancer liefern uns Material und Beiträge. Aber ohne ihr Gesicht zu zeigen, beim Fernsehen ist das ein großes Problem.

Sie haben kein Portal mehr, keine Abonnements, verdienen mit Ihrem russischen Publikum bei Youtube kein Geld mehr. Wie finanzieren Sie sich?

Die Youtube-Einnahmen aus dem Ausland wachsen langsam, wir arbeiten mit privaten Spenden, mit einigen niederländischen und schwedischen Stiftungen, die unabhängige Medien unterstützen, auch mit Firmen, etwa Google zahlt uns Fördermittel.

Und staatliche Hilfen?

Wir versuchen, einen Bogen um staatliche Stiftungen zu machen. Mir scheint, für Medien ist es sehr wichtig, möglichst unabhängig zu sein. Aber wir lernen, wie man hier Geld verdienen und reich werden kann (Natalja Sindejewa lächelt).

Wie viele Menschen sehen jetzt bei Ihnen zu?

Genau kennen wir nur die Youtube-Zahlen, dort sehen zehn Millionen Menschen pro Woche TV Doschd, 60 Prozent davon aus Russland, 40 Prozent im Ausland, davon zehn Prozent in der Ukraine. Über Kabel mögen noch einige Millionen dazu kommen.

Sie haben gesagt, Sie wollten so etwas wie ein russischsprachiges Al Dschasira werden.

Zur Person

Natalja Sindejewa, 51, ist gelernte Grundschullehrerin und machte im frühkapitalistischen Moskau als Medienproducerin Karriere. Sie gründete 1995 das VIP-Radio „Silberregen“ und 2008 TV Doschd. Inzwischen lebt sie in Amsterdam im Exil.

TV Doschd, der eigentlich als Stadtsender gedachte „Optimistic Channel“, entwickelte sich zu Russlands einzigem Oppositionsfernsehen. 2014 wurde er aus dem Kabel-TV verbannt, 2021 zum Ausländischen Agenten erklärt, diesen März musste er wegen der neuen Kriegszensurgesetze schließen, viele Journalisten und Journalistinnen emigrierten. Im Juli wagte Sindejewa den Neustart im Exil.

In Europa unterdrückt und verbietet uns ja niemand, hier hängt alles von uns selbst ab, davon, wie interessant wir sind.

Sie haben eine Nachrichtenshow auf Englisch gestartet, planen weitere englischsprachige Programme, wollen den Menschen im Westen erklären, was in Russland passiert. Was haben die nicht begriffen?

Sehr viele Ausländer fragen mich, wie die Russen diesen Krieg unterstützen können, warum sie nicht dagegen auf die Straße gehen.

Das frage ich mich in Moskau auch.

Die Propaganda ist in die Köpfe eingedrungen. Die Russen glauben ehrlich, in der Ukraine brächten Bandera-Nazis russische Menschen um. Das sind nicht nur Worte, das fühlen sie. Mir scheint, es arbeiten ähnliche Mechanismen wie im Vorkriegsdeutschland. Wie damals bei den Deutschen berührt die Propaganda jetzt bei den Russen Gefühle, die schon in ihnen sind. Sie betrachten ihr Land als Großmacht und Imperium. Und wenn man ihnen viele Jahre erzählt, alle versuchten, dieses Land kaputt zu machen, empört sie das wie einst die Deutschen: Was, uns, das große Russland, will man einfach beseitigen?

Als Hitler 1939 mobil machte, flohen keine 700 000 Männer ins Ausland, wie jetzt aus Russland. Möchte nicht die Masse der Russen alles am liebsten vor dem Fernseher aussitzen?

Aber dort sehen sie, was gezeigt wird. Bei uns lief eine Reportage über einen jungen Mann, ein guter, kluger Kerl mit einer wunderbaren Frau und einer kleinen Tochter. Er sagte, er wolle nicht in diesen Krieg, er habe Angst. „Doch ich gehe, um das Vaterland zu verteidigen, weil in der Ukraine Russen, unsere Leute, umgebracht werden.“ Das Bild ist in seinem Kopf.

Nach der Teilmobilmachung hatte ich für einige Tage das Gefühl, die Leute fingen an nachzudenken.

Die Mobilmachung hat den Krieg in die Häuser gebracht. Söhne werden eingezogen, Todesmeldungen treffen ein. Familien erfahren, dass ihre Männer in der Armee nicht versorgt, nicht bewaffnet werden, das öffnet vielen die Augen, lässt sie andere Informationen suchen. In der ersten Woche der Mobilmachung verdreifachten sich unsere Zuschauerzahlen bei Youtube. Vorher lebten wir in verschiedenen Blasen, TV Doschd, andere unabhängige Medien, unser Publikum. Aber es gibt eine viel größere Blase, dort denken alle wie Putin, sehen dasselbe Fernsehen wie er. Wie offenbar er selbst glauben sie, das zeige die Wahrheit. Die beiden Blasen sind zusammengekommen, viele Leute haben begonnen, die Wahrheiten zu vergleichen.

Was sagen Sie Kriegsbefürwortern?

Zu diskutieren, sie vom Gegenteil ihrer Ansichten zu überzeugen, ist fast unmöglich. Aber man kann Fragen stellen: Wenn mir jemand sagt, man wolle unser großes Russland vernichten, frage ich, was Russland groß mache. Klar, Gebiet und Ressourcen sind riesig. Aber wie lebt ihr, wie lebt eure Oma? 100 Kilometer hinter Moskau gibt es in den Dörfern keine WCs mehr, kein Gas. Darum wäre es wichtig, wenn unsere Leute nach Europa könnten, um zu sehen, wie „kleine, gewöhnliche“ Länder leben. An Stelle des Westens würde ich die Grenze maximal öffnen, damit auch sie sehen, dass Europa kein Gayropa ist, und auch nicht verfault oder erfriert. Aber der Westen macht das Gegenteil.

Trägt der Westen Mitschuld?

Alle machen jetzt das russische Volk verantwortlich: Warum protestiert niemand gegen Putin, warum haben sie ihn gewählt? Aber wer dort auf die Straße ging, wurde verprügelt und eingesperrt, viele Oppositionelle sitzen im Gefängnis. Und tragen arme, ungebildete Russen die Verantwortung, dass Putin Geld hat für diesen Krieg? Oder der Westen, der sein Öl und Gas bis heute kauft?

Wann wird Russland frei sein?

(Sindejewa lacht) Sagen wir mal so, es wird frei sein. Ich bin sicher, dass wir wieder nach Russland zurückkehren und am Aufbau eines freien Russlands teilnehmen.

Interview: Stefan Scholl

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