Eva Menasse, hier als Hölderlinpreisträgerin in Bad Homburg, 2017. 
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Eva Menasse, hier als Hölderlinpreisträgerin in Bad Homburg, 2017. 

Corona

Eva Menasse zur Corona-Krise: „Ich empfinde überhaupt keine Entschleunigung“

  • vonShirin Sojitrawalla
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Schriftstellerin Eva Menasse über Alltag und Grundrechte in Corona-Zeiten – und über das eine unbedingt empfehlenswerte Buch, das sie jetzt auf keinen Fall lesen würde.

  • Schriftstellerin Eva Menasse spricht über den Alltag in Zeiten der Corona-Krise
  • Weshalb Eva Menasse zu Beginn der Corona-Pandemie wegen des deutschen Föderalismus fast irre wurde
  • Schriftstellerin glühender Fan von Christian Drosten

Schriftstellerin Eva Menasse ist in Wien geboren und lebt in Berlin. Mit der FR spricht sie über den Alltag und die Grundrechte in Zeiten von Corona, über den unterschiedlichen Umgang Deutschlands und Österreichs mit der Pandemie - und ein Buch, das sie jetzt auf keinen Fall lesen würde.

Wie geht es Ihnen, Frau Menasse?

Eigentlich ganz gut. Nachdem man sich an die Panik gewöhnt hat, ist mein Leben jetzt nicht so viel besonders anders als vorher, etwas unwirklicher vielleicht. Mein Sohn ist gerade bei seinem Vater, und ich sitze hier und schreibe.

Homeoffice ist für Sie Standard?

Na ja, normalerweise gehe ich zum Schreiben in die Bibliothek. Dadurch wird mein Tag besser strukturiert. In der Bibliothek arbeite ich, zu Hause beantworte ich E-Mails und mache Büroarbeit. Jetzt rinnt das alles ineinander, und es ist schwieriger, Berufliches vom Privatleben zu trennen.

Sie sprachen eingangs von Panik. Sind Sie panisch?

Nein, jetzt nicht mehr. Mir ging es nicht gut zu der Zeit, als ich dachte, ich habe etwas begriffen, was eine Mehrzahl noch nicht begriffen hat. Seit meine Vorsicht sich mit der allgemeinen Vorsicht deckt, geht’s mir besser.

Halten Sie sich an das Kontaktverbot?

Ja, absolut. Ich will das auf keinen Fall bekommen, schon gar nicht jetzt.

Eva Menasse in Zeiten von Corona: „Für mich ist das manchmal schon ziemlich merkwürdig“

Sie sehen niemanden außer Ihrer Familie?

Ja, ich sehe niemanden außer meinem Sohn und meinem Freund, gehe höchstens mal in gebührendem Abstand mit Freundinnen spazieren.

Was halten Sie denn von den Maßnahmen der deutschen Bundesregierung gerade auch im Vergleich zu Österreich?

Anfangs war ich plötzlich wieder Österreicherin. Ich verfolge ja immer auch die dortigen Nachrichten, und die Österreicher waren eben viel schneller mit den Ankündigungen und Maßnahmen. Ich wurde also zu Beginn der Krise geradezu wieder Österreicherin, die anfängliche Berliner Zögerlichkeit hat mich verstört. Und wie so oft, seit ich in Deutschland lebe, bin ich fast irre geworden am deutschen Föderalismus. Das ist für mich, die aus einem zentral regierten Land kommt, schon manchmal ziemlich merkwürdig.

Manches ist wirklich absurd. In Berlin durften die Buchhandlungen öffnen, in Frankfurt mussten sie wochenlang schließen.

Ja, das ist ja eben das, diese Uneinheitlichkeit der Regelungen. Das ist für die Leute sehr schwierig. Und ich halte das auch für falsch.

Wie gehen Sie mit dem Mundschutz um?

Eva Menasse,  1970 in Wien geboren, lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin und arbeitet als Essayistin und Schriftstellerin. 2005 erschien „Vienna“, ihr erster Roman, dem u.a. die Erzählungsbände „Lässliche Todsünden“ (2009) und „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) sowie der Roman „Quasikristalle“ (2013) folgten. 2019 erhielt Menasse in Frankfurt den Ludwig-Börne-Preis. 

Ich bin wie Millionen andere ein glühender Fan von Christian Drosten, dem Virologen der Charité. Diese ausgewogene Wissenschaftlichkeit hat etwas ungemein Beruhigendes. Man kann Ängste ja gut mit dem Verstand lindern, nicht alle, aber viele. So wie es mir geholfen hat, bei meiner Flugangst ein Seminar zu machen und zu lernen, wie ein Flugzeug eigentlich fliegt, ist es heute gut zu wissen, wie dieses Virus funktioniert: woher es kommt und was man schon darüber weiß. Und dann kommt Drosten immer wieder zu der Frage mit dem Mundschutz. Er sagt, jeder müsse wissen, dass es einen selbst nicht schützt, aber es sei ein Gebot der Höflichkeit den anderen gegenüber. Also ja, ich habe einen wunderschönen Mundschutz, den mir eine Freundin genäht hat und den ich seit einer Weile im Supermarkt trage.

Eva Menasse zur Corona-Krise: „Ich bin ängstlich und hoffe, dass es bald vorbei geht“

Wie informieren Sie sich in diesen Tagen?

Ich lese noch viel mehr Zeitungen als vorher, man kann auch sagen: Ich verschwende mehr Zeit mit exzessiver Zeitungslektüre zum Thema Corona, wobei ich an manchen Tagen gemerkt habe, dass es besser ist, mal Pause zu machen.

Viele gewinnen der Krise schon jetzt Positives ab, wie etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx, der die Krise von ihrem Ende her betrachtet. Halten Sie das für zu optimistisch?

Mir kommt es nur wieder wie ein Beweis dafür vor, dass unsere Welt einfach grundsätzlich zu schnell läuft. Dass uns die dauernde Beschleunigung, auch durch die Globalisierung, in diese Situation gebracht hat, kann man ja nicht von der Hand weisen. Wenn man jetzt schon nach einem Monat Krise weiß, wie es danach sein wird, kommt mir das ein bisschen putzig vor. Ich verstehe den Impetus, würde mich aber mit Prophezeiungen zurückhalten.

Vielerorts wird die Frage laut, ob wir uns derzeit unsere Grundrechte zu leicht rauben lassen.

In einer freien Gesellschaft ist es möglich, über alles zu jeder Zeit zu reden, und also sollen wir auch in dieser Krise über die Grundrechte reden. Es ist nur im Moment gar nicht mein Thema, weil ich überhaupt nicht den Eindruck habe, dass da in Deutschland oder in Österreich etwas schiefgeht. Wo es entgleist, das sehen wir: in Ungarn zum Beispiel.

Viele von denen, die sonst keine Probleme haben, genießen die zwangsverordnete Entschleunigung regelrecht. Sie auch?

Ich empfinde überhaupt keine Entschleunigung. Ich bin ängstlich und hoffe, dass es bald vorbei geht. Ich halte das auch für eine Luxusgeschichte, die nur einen ganz geringen Teil der Bevölkerung betrifft, aber eben denjenigen, der sich überproportional öffentlich äußert.

Zur Zeit kursieren Leselisten mit Seuchenliteratur, allen voran „Die Pest“ von Camus. Hatten Sie das Bedürfnis, diesen Roman noch mal zu lesen?

Ich hatte vor allem das Bedürfnis, das eine Buch nicht zu lesen, das mir sofort eingefallen ist, obwohl es auf keiner dieser Leselisten steht: „Das Glück der anderen“ von Stewart O’Nan. Das ist ein Seuchenroman, den ich damals, als ich ihn gelesen habe, so gruselig fand, dass ich danach wochenlang beunruhigt war. Der steht hier wie radioaktives Gift im Regal und strahlt mich an. Das Buch will ich nie mehr lesen.

Aber Sie würden es empfehlen?

Ich würde es unbedingt empfehlen! Es ist ein unglaubliches Buch, das die existentielle Not und die Beklemmung, die mit einer Seuche ausbricht, fast physisch erlebbar macht. Ich selbst könnte das nur jetzt auf keinen Fall lesen.

Eva Menasse erzählt über das Leben in Zeiten der Corona-Krise

Und was lesen Sie?

Ich lese einfach die Bücher weiter, die ich gerade zum Arbeiten brauche. Ich lese natürlich auch Neuerscheinungen, die mich interessieren. Wenigstens mein Leseverhalten hat sich durch Corona nicht verändert.

Wie sieht denn Ihr sonstiges kulturelles Leben derzeit aus?

Derzeit arbeitet Menasse an ihrem neuen Roman, der im Herbst 2021 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen soll. Die Corona-Pandemie fällt also in ein Schreibjahr.

In den ersten Tagen ist mir aufgefallen, dass sämtlicher Kulturkonsum einen ja noch mehr mit der Nase auf das Dilemma stößt. In jeder Serie versammeln sich Menschen, fahren in überfüllten Verkehrsmitteln, sind auf Partys, verlieben sich und treten in Gruppen auf. Und in jedem Buch gibt es eine Tischgesellschaft oder eine Reise. All das, was das normale Leben ist, ist auch in den Serien und in den Büchern vorhanden und wirkt jetzt wie Hohn. Ich habe mich dann mit „Breaking Bad“ abgelenkt, weil das so irre ist, dass man wirklich alles um sich herum vergessen kann. Aber da bin ich eben eine von den Glücklichen, die es noch immer nicht zu Ende gesehen hat.

Viele machen Sport wie verrückt.

Ja, das ist die größte Änderung meines Lebens zur Zeit: Ich mache jetzt freiwillig und allein zu Hause Yoga. Das, was ich früher nie geschafft habe. Aber nach zwei Wochen ohne Bewegung habe ich gemerkt, dass ich sonst als Rosthaufen hier wieder rauskomme.

Die Berliner Philosophin Svenja Flaßpöhler ist mit ihrer Familie in ihren Kleingarten gezogen. Hatten Sie auch überlegt, in Ihr Häuschen auf dem Land zu ziehen?

Normalerweise wäre ich schon dort und würde den Garten umgraben. Aber im Moment will ich nicht raus, weil ich das in der Wohnung Eingesperrtsein schon als Maximum an Einsamkeit empfinde. Aber wenn ich hier aus dem Fenster schaue, sehe ich wenigstens Großstadt und viele andere Leute. Das, was ich sonst da draußen suche, nämlich die Einsamkeit und die Natur, das kommt mir jetzt geradezu bedrohlich vor.

Interview: Shirin Sojitrawalla

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