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Europas Gewaltgeschichte: „Wer instrumentalisiert und wer wird instrumentalisiert – die Grenze ist schwer zu ziehen“

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Von: Harry Nutt

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Das Schlachtfeld Ukraine im Zweiten Weltkrieg: Kiew im Zustand von 1943, nach zweijähriger deutscher Besatzung.
Das Schlachtfeld Ukraine im Zweiten Weltkrieg: Kiew im Zustand von 1943, nach zweijähriger deutscher Besatzung. © Imago

Europas Gewaltgeschichte im Blickpunkt: Raphael Gross über die Manipulation von Erinnerung und das geplante Dokumentationszentrum zur Besatzung 1939-1945.

Angesichts des Grauens des Holocausts ist die Gewaltgeschichte der Besetzung Europas zwischen 1939 und 1945 noch immer weitgehend unbekannt. Mit einem Dokumentationszentrum, das unter der Regie des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin entsteht, soll diese Lücke nun geschlossen werden. Wir sprachen mit dem Schweizer Historiker Raphael Gross, der seit fünf Jahren DHM-Präsident ist, über das Projekt und dessen durch den russischen Krieg gegen die Ukraine entstandene neue Dringlichkeit.

Herr Gross, vor dem Hintergrund der vergleichsweise gut ausgeleuchteten Geschichte des Nationalsozialismus erscheint die Kriegs- und Besatzungsgeschichte trotz so herausragender Werke wie Ian Kershaws „Das Ende“ beinahe als Schwarzes Loch. Stimmt die Annahme, und was sind die Gründe dafür?

Ich denke, der Eindruck stimmt. Man kann gewiss sagen, dass es in Deutschland eine breite Forschung zum Nationalsozialismus gibt, zu vielen Aspekten des Holocausts und zum Krieg aus militärgeschichtlicher Sicht. Demgegenüber ist eine Erfahrungsgeschichte der Besetzungen sehr schwach ausgeprägt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Dimension der Verbrechen ebenso monströs wie vielfältig ist. Festzuhalten ist: Die meisten Opfer des Krieges waren Zivilisten und sind nicht im Zuge von Kampfhandlungen umgekommen. Angesichts dessen ist die Besetzung der Länder und die Besatzungspolitik als Gesamtgeschichte nicht gut erforscht, und welches Leid sich dahinter verbirgt, ist hierzulande den allermeisten so gut wie nicht bekannt. Tatsächlich waren 230 Millionen Menschen in heute 27 Ländern betroffen.

Was wir gerade sehr intensiv erleben, ist die Veränderung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, daran beteiligt sich auch der  Gewaltherrscher Putin.

Raphael Gross 

Wie wird das neue Dokumentationszentrum dem begegnen?

Es muss dazu beitragen, die noch immer sehr große Lücke begreifbar zu machen. Ich möchte dazu ein Beispiel aus Polen im September 1939 geben. Die Stadt Wielun wurde bereits am ersten Kriegstag bombardiert, bald darauf auch Warschau und weitere 150 Orte, die gar keine militärischen Ziele darstellten. Daran lässt sich ablesen, dass die Bevölkerung ganz unmittelbar zu Kriegsbeginn zum Angriffsziel wurde. Es gab deutsche Einheiten, die ganze Dörfer niederbrannten, insbesondere die jüdische Bevölkerung wurde zum Ziel ungehemmter Gewalt. Bereits am 8. September wurde in dem Ort Bedzin die Synagoge in Brand gesetzt, Fliehende wurden erschossen. Diesem Gewaltexzess sind bis zu 200 Menschen zum Opfer gefallen. Sehr früh wurde dabei auch gezielt Jagd auf gesellschaftliche Eliten gemacht. Bis zum Jahresende 1939, also in wenigen Wochen, sind 60 000 Menschen auf diese Weise umgebracht worden. Dahinter verbergen sich Geschichten, die einen Raum brauchen. Wir wollen uns aber zunächst nicht den nationalen Aspekten der Verbrechen gegen die Polen, die Litauer, die Belarussen, die Ukrainer, die Russen, die Niederländer etcetera widmen. Vielmehr werden wir versuchen, das Phänomen als Ganzes und dessen Systematik in den Blick zu nehmen.

Wo soll das Dokumentationszentrum entstehen und wann soll es so weit sein?

Der von der neuen Regierung nun angenommene Konzeptentwurf, der noch der alten Regierung vorgelegt worden war, spricht von einem Ort in der Mitte Berlins. Über einen konkreten Ort wird dann in den Abstimmungen mit den Bundesbehörden entschieden. Was den zeitlichen Rahmen betrifft, so habe ich den Eindruck gewonnen, dass es der Bundesregierung mit dem Projekt sehr ernst ist. Bundeskanzler Olaf Scholz hat ausdrücklich hervorgehoben, dass er die Pläne unterstützt. Ich bin optimistisch, dass wir sehr rasch an die Umsetzung gehen können. Wir können dabei auf vieles zurückgreifen, was im DHM bereits vorhanden ist, von der Verwaltung bis hin zu sammlungsspezifischen Aspekten. Geplant sind dann eine ständige Ausstellung sowie die Erarbeitung wechselnder Schauen.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin.
Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin. © Sabine Gudath/Imago

Bei der Darstellung von Kriegsgeschichte ist die von einer Besatzung ausgehende Gewalt oft vernachlässigt worden. Die Besetzung von Paris durch die Wehrmacht etwa erscheint nicht zuletzt, vermittelt durch die Bilder, die es davon gibt, wie eine Art Betriebsausflug. Wir haben es hier meist mit Dokumenten der Täter zu tun. Wie wird das Dokumentationszentrum mit den methodischen Herausforderungen umgehen, die sich daraus ergeben?

Wir haben bereits in diesem Jahr ein international besetztes Symposium durchgeführt, das sich genau dieser Frage gewidmet hat: Wie stellt man Gewalt aus? Wie konkret zeigt man die Verbrechen? Oder läuft man Gefahr, sie zu beschönigen, indem man den Blick des Täters reproduziert? Auf der Tagung wurden etwa Reiseführer für Soldaten vorgestellt, die dazu anleiteten, den Krieg gewissermaßen mit touristischen Interessen zu verknüpfen. Das sagt sehr viel über die Banalisierung des Grauens aus. Auf der Tagung kam übrigens auch zur Sprache, dass in einigen Ländern erste Ausstellungen über die Gräuel der Besatzung bereits 1945 gezeigt wurden. Das hat mich an eine Fotografie erinnert, die ich 2006 das erste Mal in Großbritannien gesehen habe. Sie stammt von Wolf Suschitzky, einem österreichisch-britischen Fotografen und Kameramann, die dieser kurz vor Ende des Kriegs in London aufgenommen hatte. Sie bildet den Eingangsbereich einer Ausstellung ab, die den Titel „Der Krieg in Wachs“ trug. Noch vor Kriegsende hatte man also versucht, die nationalsozialistischen Gewalttaten mit den Mitteln des Wachsfigurenkabinetts zu bannen. Suschitzky sagte, es sei das obszönste Foto, das er jemals aufgenommen habe. Die Frage, wie man das Grauen zeigt, ist also immer schon präsent.

Zur Person

Raphael Gross, 1966 in Zürich geboren, ist seit fünf Jahren Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Zwischen 1986 und 1990 studierte er Geschichte, Philosophie und Literatur in Zürich, Berlin, Bielefeld und Cambridge.

Das Jüdische Museum in Frankfurt leitete er von 2006 bis 2015 und war dort zudem Direktor des Fritz-Bauer-Instituts. In seinen Publikationen hat er sich immer wieder mit deutsch-jüdischer Geschichte sowie der Geschichte des Holocausts befasst.

Die europäische Gewaltgeschichte hat durch den russischen Krieg gegen die Ukraine eine erschreckende Aktualität erfahren. Dabei zeigt sich nicht zuletzt, wie Geschichte instrumentalisiert und umgedeutet wird. Wie steht es derzeit um die Möglichkeiten geschichtswissenschaftlicher Aufklärung?

Der Begriff der Instrumentalisierung ist in diesem Zusammenhang nicht zureichend, weil die Grenze, wer instrumentalisiert und wer instrumentalisiert wird, schwer zu ziehen ist. Es gibt keine reine Instrumentalisierung und auch keine Freiheit davon. Ganz sicher hat das Projekt, das vom Deutschen Bundestag 2020 beauftragt wurde, durch den Angriff Russlands auf die Ukraine eine akute Dringlichkeit erfahren. Was wir gerade sehr intensiv erleben, ist die Veränderung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, und an dieser Verschiebung beteiligt sich auch der Gewaltherrscher Putin. Das ist kein neues Phänomen, wir sehen gerade bloß sehr deutlich, welche Sprengkraft die Umschreibung und Veränderung geschichtlicher Erzählungen hat. Umso wichtiger ist es für ein demokratisches Gemeinwesen, mit den Mitteln der Forschung und der musealen Darstellung in diese Prozesse einzugreifen. Wir sehen derzeit klarer als jemals zuvor, dass nicht Russland allein den Erfolg und die Leiden des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion getragen hat, wie Russland es zuletzt sehr erfolgreich für sich in Anspruch genommen hat und auch hierzulande viele Fürsprecher fand. Nun aber wird deutlich, dass diese Wahrnehmung mit großer Blindheit geschlagen war. Tatsächlich hat die deutsche Besatzung auch Belarus und die Ukraine betroffen. Es findet, wenn man so will, genau in diesem Augenblick und unter dramatischen Umständen eine Reinterpretation des Zweiten Weltkriegs statt. Und im Kontext der Veränderungen dieses Bildes wird eine verantwortliche wissenschaftliche Begleitung umso wichtiger sein. Der Block Sowjetunion, der die verschiedenen Erinnerungen verdeckt hat, löst sich gerade auf.

Nun sind Putins Bemühungen, Geschichte zu fälschen, das eine. Muss man andererseits nicht auch von einer Trägheit sprechen, durch die die Gewaltgeschichte Osteuropas zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unterschlagen wurde?

Ja und nein. Vieles ist tatsächlich noch nicht erforscht. Ein Beispiel. Wir wissen sehr viel über T4, die Patientenmorde in Deutschland. Was aber wissen wir über die Patientenmorde in den besetzten Ländern? Sind sie überhaupt jemals erforscht worden? In Bezug auf die Ukraine immerhin wissen wir, dass ungeheuerliche Patientenmorde durch deutsche Einsatzgruppen begangen wurden. Zum Konzept des Dokumentationszentrums werden deshalb auch sogenannte Fellowship-Programme gehören, über die sich Forscherinnen und Forscher der verschiedenen Länder zu solchen Themen austauschen können. Das Allermeiste, das wir zeigen wollen, ist der deutschen Bevölkerung nicht bekannt. Darin wird auch eine große Vermittlungsleistung bestehen müssen.

Erlauben Sie mir noch einen Exkurs zu einem anderen Thema. Das DHM hat sich in einer Ausstellung erfolgreich mit der Geschichte der Kunstausstellung Documenta in Kassel befasst, auf der in den ersten drei Schauen von 1955, 1959 und 1964 der Ausstellungsmacher Werner Haftmann systematisch die Werke ermordeter jüdischer Künstler fehlen ließ. Wie stellen sich Ihnen gerade vor diesem Hintergrund die aktuellen Antisemitismusvorwürfe gegen die Documenta dar?

Es war meine Entscheidung, die DHM-Ausstellung über die Documenta bei der 10. Ausgabe enden zu lassen. Aktualismus gehört nicht zu meinen Aufgaben. Es gibt zwar einen Bezug der Ausstellung auf die Gegenwart, man darf und man sollte das aber nicht mit Tagesaktualität verwechseln.

Interview: Harry Nutt

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