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„Nicht zu wissen, wie man einem anderen Menschen begegnen soll, verunsichert enorm“, sagt Eva Raabe

Ethnologie

Ethnologin Eva Raabe: „Im Innersten tendieren wir zu einem analog-magischen Denken“

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Die Frankfurter Ethnologin und Museumsdirektorin Eva Raabe über die zweite Haut und den Umgang mit dem Unbegreiflichen.

Eva Raabe, 1957 in Osnabrück geboren, hat in Göttingen Ethnologie studiert und über die Kultur- und Besiedlungsgeschichte Neuguineas promoviert. 1985 wurde sie Ozeanien-Kustodin am Frankfurter Weltkulturen Museum (damals Museum für Völkerkunde).

Frau Raabe, was erscheint Ihnen als Ethnologin besonders markant an der jetzigen Situation?

Am Anfang der Krise, als die ersten Verhaltensregeln ausgegeben wurden, war die soziale Verunsicherung groß. Menschen hatten gerade jetzt den Drang, sich nahe zu kommen, Nähe auch auszudrücken, sich die Hand zu reichen. Es ist spannend zu beobachten, wie sich das Schrittchen für Schrittchen verändert. Zudem hat das Virus uns in einer Zeit getroffen, in der viele Übergangsrituale wichtig sind: Der Frühling und die Osterzeit, aber auch die ganzen abgesagten Konfirmations- und Kommunionsfeiern als Schritte zum Erwachsenwerden, die in vielen Gesellschaften als Initiationszeremoniale begangen werden.

Werden wir uns Ritualen bewusst, von denen wir dachten, sie spielten keine große Rolle mehr?

Wir nehmen Neubewertungen vor, belegen Dinge mit neuem symbolischen Gehalt. Das Bewusstsein dafür wird aber erst kommen, denke ich. Das Thema Nähe und Distanz ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Art von Ritualen verschiebt sich sonst auch, aber nicht so schnell. Das Händeschütteln der Nordeuropäer kann heute förmlich wirken, während Umarmungen und Küsschen in meiner Jugend noch als sehr übergriffig galten.

Was wäre in diesem Fall das Neue, das kommt?

Distanz wird man wieder eher als etwas Höfliches bewerten, als soziales Verhalten. Das kann man gut mit Asien vergleichen, wo Distanz schon jetzt zur Höflichkeit gehört. Man will das Gegenüber nicht überschütten, man verbeugt sich aus Entfernung, zeigt eine gewisse Demut.

Was bedeutet unser Händeschütteln?

Das Händeschütteln ist eine vorsichtige Berührung mit sehr sensitiven Körperstellen, es sagt auch: Ich gebe dir die Hand, ich erhebe sie nicht gegen dich, ich bin dir friedlich gesinnt.

Ist das speziell europäisch?

Berührungen der Hände gibt es jedenfalls fast überall. Verhaltensforscher würden daran erinnern, dass schon Primaten, Schimpansen zum Beispiel, sich mit den Händen berühren, um sich zu erfahren und um Friedfertigkeit zu signalisieren. Das ist beim Menschen auch ein Spiel mit Nähe und Distanz, das wiederum mit gesellschaftlicher Stellung zu tun hat. Als Ozeanistin kenne ich es, dass gegenüber Häuptlingen oder Adligen sehr viel mehr Distanz gewahrt wird als gegenüber den gleichrangigen Mitbewohnern eines Dorfes. Bis dahin, dass bestimmte Häuptlinge gar nicht berührt werden durften. Und umgekehrt selbst nichts berühren durften, was zuvor andere angefasst hatten. Zum Beispiel mussten sie gefüttert werden, um nicht mit den Händen an die Speisen zu kommen.

Ein eindrucksvolles Beispiel, weil es zeigt, dass körperliche Distanz etwas Befremdendes hat.

Und die Corona-Verhaltensregeln erlauben nicht einmal, dass ich mich, was noch verständlich und normal wäre, Stück für Stück nähern darf. Denn die Annäherung, die dann zu körperlicher Nähe führt: Das ist in jeder Gesellschaft wichtig.

Ist es selbstverständlich, dass im Zentrum die Nähe zur Familie steht?

Es gibt Gesellschaften, in denen die Geschlechter weitgehend getrennt leben, in denen etwa getrennt gegessen wird.

Kann man diese Arrangements logisch erklären?

Wir neigen dazu, solche Regeln biologisch zu erklären, gerade bei den Essgeboten wird dann etwa die Vermeidung von Infektionsgefahr vermutet. Aber ich glaube, dass man das meiste davon auch wieder wegerklären kann. Regeln haben oft etwas mit den Vorstellungen von Weltordnung, Kosmos und der Einordnung von Menschen und Dingen in bestimmte Sphären zutun. Ein wichtiges Thema, weil es auch im Zusammenhang mit Corona angesichts zahlreicher Ungewissheiten viele selbstgemachte Erklärungen gibt. Ob die haltbar sind, ist eine andere Frage, aber der Bedarf danach ist groß. Menschen müssen sich Modelle zurechtlegen, die ihnen Orientierung bieten. Verhaltensregeln sind ein Teil davon.

... die sich jetzt gerade zwangsläufig rigoros ändern, zumindest temporär. Das schafft Verunsicherung.

Nicht zu wissen, wie man einem anderen Menschen begegnen soll, verunsichert enorm. Dazu das Misstrauen, die Sorge, dass vom anderen Gefahr ausgehen könnte. Hierzu passt die Empörung, die schnell entsteht, wo der Abstand nicht eingehalten wird. Oder jemand keine Maske trägt, obwohl das Maskentragen große Disziplin erfordert, damit es nützt. Oder keine Handschuhe anhat, obwohl gerade da der Sinn sogar sehr umstritten ist. Offensichtlich wird hier eine Art schützende zweite Haut geschaffen. Der Mensch hat den tiefen Wunsch, sich materielle Kultur zu schaffen, die Schutz bieten könnte. Viele Leute sagen mir ganz direkt: Ich mache das auch, weil ich mich damit besser fühle. Die medizinisch-wissenschaftliche Begründung ist ein anderer Fall. Trotz aller Aufklärung tendieren Menschen im Innersten auch bei uns zu einem analog-magischen Denken.

Aber die Deutschen scheinen mit den Masken eher ein Problem zu haben.

Die Maske mag für viele für Anonymität und das Verbergen stehen. Wir denken an das Vermummungsverbot, und das Thema der Verschleierung von Frauen wurde überwiegend negativ diskutiert. Die individuelle Persönlichkeit verschwinde dadurch, hieß es dann meistens, die Frau habe keine Stimme mehr. Ich glaube aber, dass das bereits im Wandel ist. Maskenträger werden künftig die sein, die Sozialität zeigen, Respekt vor der Gemeinschaft.

Zur Person

Seit 2011 war Eva Raabe stellvertretende Direktorin am Frankfurter Weltkulturen Museum, 2015 übernahm sie die kommissarische Leitung, im vergangenen Herbst wurde sie zur Direktorin ernannt.

Auch das Weltkulturen Museum  am Frankfurter Museumsufer ist seit dem 14. März geschlossen. Für die dadurch verschobene Sea-Watch-Ausstellung „SW5Y: 5 Jahre zivile Seenotrettung“ ist derzeit der 4. Juni als Abend der Eröffnung angekündigt. www.weltkulturenmuseum.de

Aber sind wir in Deutschland nicht sogar besonders langsam damit?

Die Deutschen, wenn man das so allgemein sagen kann, galten lange als reserviert. Heute will man sich als offene Persönlichkeit zeigen und fürchtet, die Maske könnte dem zuwiderlaufen. Ich glaube allerdings, dass wir gar nicht so langsam sind, im Gegenteil: Die Diskussion geht erst seit wenigen Wochen und schon wird die Maske zum Statement dafür, dass ich an andere denke.

Viele fühlen sich verkleidet.

Wir kennen es aus dem Karneval. Das Verkleiden bedeutet hier, dass ich über die Stränge schlagen, ein anderer sein darf. In einer bürgerlichen Gesellschaft spielt das eine große Rolle: Ist es eine solche Ausnahmezeit oder nicht? Wenn die Maske noch eine Seltenheit ist, wird man denken, man verstoße gegen eine gesellschaftliche Norm.

Selbstgenähte Masken werden oft aus hübschem Stoff hergestellt.

Das ist sehr erfrischend und sehr menschlich, nüchterne Gegenstände attraktiv umzuformen. Auch mit einer Maske wird man viel zum Ausdruck bringen können, sobald die Hürde der Ablehnung genommen ist. Vielleicht wird die Maske auch zur neuen Stofftasche kultureller Institutionen, da zeichnet sich schon einiges ab.

Kommen wir Ihnen wie ein abgeschiedenes Volk vor, das auf einmal mit etwas völlig Neuem konfrontiert ist?

Es ist ein krasser Vorgang, keine der Nachkriegsgenerationen hat eine so einschneidende Krise bisher erlebt, und der Wandel bei bestimmten Einstellungen verläuft entsprechend sehr stark und sehr schnell. Allerdings haben wir den Vorteil, wissenschaftlich begleitet zu sein. Dazu kommt die schnelle mediale Berichterstattung, die allerdings zum Nachteil werden kann, weil sich Fehler ebenfalls schnell verbreiten. Aber noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatten gerade lokale Gesellschaften, die abgelegener lebten, all diese Möglichkeiten nicht. Wir kennen das berühmte Beispiel der Cargo-Kulte: Rituale in Melanesien, die dadurch entstanden, dass während des Zweiten Weltkriegs und der schweren Luftschlachten über dem Pazifik Bevölkerungsgruppen in diesen Krieg hineingezogen wurden, ohne zu wissen, was überhaupt los war. Menschen in Neuguinea sahen plötzlich die Massen von Flugzeugen, die Kleidung, Waffen und Verpflegung einflogen. Es entstanden Kulte, nach denen all das von Geistern, von spirituellen Mächten kam, bestimmt für die Bevölkerung und von den Amerikanern bloß überbracht. Natürlich flaute das ab, als man begriff, was geschah.

Während Verschwörungstheorien bei uns blühen.

Aber auch sie sind am Ende Erklärungsversuche, die ins jeweilige Weltbild passen. Angefangen von der Theorie, dass das Virus aus einem Labor in China stammt und absichtlich in die Welt entlassen wurde, hin zu der rechten These, Ziel sei es, im Schutz der Ausgangsbeschränkungen heimlich Migranten ins Land zu bringen.

Wir sind als Gesellschaft derzeit sehr mit uns selbst beschäftigt.

Dabei könnte man bei der Gelegenheit auch einmal darüber nachdenken, wie jenseits von Corona indigene Gruppen Krankheiten, gegen die wir längst immun sind – Masern, Grippeerkrankungen und so weiter – hilflos ausgeliefert sind, von ihnen dahingerafft werden können.

Bis heute?

Bis heute. Und man muss darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn das Corona-Problem jetzt in Länder kommt, in denen in Enge und Armut ans Abstandhalten nicht zu denken ist. Wir finden es selbstverständlich, uns die Hände zu waschen, aber Menschen ohne fließendes Wasser werden das nicht zehnmal am Tag machen können. Wir sind so stark mit uns selbst beschäftigt, dass wir das nicht auf dem Schirm haben. Was aber woanders passiert, wird dann auch wieder auf uns zurückfallen können. Wie wir gerade erleben.

Was kann Mut machen?

Die Krise zeigt, wie flexibel der Mensch ist. Das war immer seine Stärke, auch jetzt wieder. Mir fallen außerdem diese in der Politik häufig verwendeten Sätze auf: „Normalität wird so schnell nicht mehr kommen. Wir werden unser altes Leben nicht so schnell zurückbekommen.“ Wir könnten uns fragen, ob wir unser altes Leben tatsächlich eins zu eins zurückwollen. Ob Distanz nicht tatsächlich auch Respekt sein kann. Und ob ein verbessertes Hygieneverhalten nicht auch helfen könnte, wenn im Herbst die Grippewellen kommen, an denen Jahr für Jahr sehr viele Menschen sterben. Und ob es nicht vielleicht besser ist, einfach etwas geduldiger zu sein beim Warten an der Supermarktkasse.

Apropos Geduld. Es könnte nach jüngsten Ansagen auf eine baldige Wiedereröffnung auch Ihres Museums hinauslaufen.

Und wir machen auch jetzt viel. Wir haben digitale Angebote, die wir weiter ausbauen, und unsere Zeitung, die „Weltkulturen News“, deren zweite Ausgabe soeben herausgekommen ist. Außerdem bereiten wir eine Ausstellung mit Sea-Watch vor, die im Mai starten sollte und im Juni hoffentlich tatsächlich losgehen kann.

Interview: Judith von Sternburg

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