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Über die Kultur des Zögerns

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Von: Olivia Mitscherlich-Schönherr

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9. Mai 2022, Europatag: Bundeskanzler Olaf Scholz (r, SPD) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stehen nach einem Treffen vor dem Brandenburger Tor. Foto: Michael Kappeler/dpa
9. Mai 2022, Europatag: Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts, SPD) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stehen nach einem Treffen vor dem Brandenburger Tor. © Michael Kappeler/dpa

Was Sokrates und der Zitterrochen lehren: Vom Zögern als demokratischer Praxis, die Freiheitsspielräume eröffnet.

Nun, entschließe dich! Vielmehr: es ist nicht einmal mehr Zeit, sich lange zu entschließen, sondern jetzt gilt es, entschlossen zu sein. Es gibt aber nur einen Entschluss. Denn in der nächsten Nacht muss alles umgesetzt werden. Wenn wir aber zaudern, ist es unausführbar und nicht mehr möglich. Also: auf alle Weise, gehorche mir und handle ja nicht anders.“

Diese Worte seines Schülers Kriton gelten dem Sokrates. Die Situation ist ernst: Sokrates sitzt im Gefängnis, durch ein ungerechtes Urteil zum Tode verurteilt, das Urteil soll am kommenden Tag vollstreckt werden und Kriton hat eine Möglichkeit zur Flucht aufgetan. Für Kriton ist alles klar: Sokrates muss sich durch Flucht dem ungerechten Todesurteil entziehen. Doch Sokrates zaudert. Sie müssten sich erst einmal darüber bereden, „ob dies wirklich tunlich ist oder nicht“. Das Weitere ist bekannt: Sokrates erkennt, dass Flucht falsch wäre, bleibt und stirbt.

Sokrates hat nicht erst im Angesicht des unmittelbar bevorstehenden Todes und nicht nur im Privaten, Verborgenen, begonnen zu zaudern; er hat vielmehr immer und überall in der Öffentlichkeit gezaudert und andere mit seinen fortwährenden Fragen in sein Zaudern hineingezogen. Er selbst fasst dies unter das Bild des Zitterrochens, der diejenigen lähmt, die er berührt. Dabei betont er explizit, dass sein lähmendes Fragen keine politische Herrschaftspraxis darstelle. Er befrage alle Welt nicht aus einer Position der souveränen Überlegenheit, um sich politischen Nutzen zu verschaffen; vielmehr drücke sich darin sein eigenes Zweifeln aus, mit dem er die Anderen anstecke. Mit dieser lähmenden Verwirrung hat Sokrates die Missgunst einflussreicher Politiker auf sich gezogen – die schlussendlich den rechtswidrigen Prozess gegen ihn vorangetrieben haben. Symptomatisch zeigt sich hieran die Krise der attischen Demokratie um 400 v. Chr.

In der Gegenwart irritiert die kulturell tradierte Hochachtung für das öffentliche Zaudern des Sokrates. Im Zuge von Corona-Krise, Klima-Krise und Ukraine-Krieg hat eine Politik der Souveränität breite Zustimmung gewonnen, in der abermals für öffentliches Zaudern kein Platz mehr scheint. Politisches Handeln wird als effizientes Umsetzen der eigenen Ziele verstanden. In den gesellschaftlichen Krisen der letzten Jahre bedeutete dies: das Überleben aller vor der Corona-Pandemie, die nationale Selbstbestimmung der Ukraine vor der russischen Aggression zu schützen. Dabei scheinen die äußeren Bedrohungen die politischen Entscheidungen festzulegen: das politische Handeln scheint alternativlos und allein eine effiziente und rasche Umsetzung durch die Regierung von Nöten. Die letzte Bundeskanzlerin hatte dies verstanden und nach einigem Zögern zu Beginn der Pandemie auf eine Politik des entschlossenen Durchregierens – mit Hilfe von Sonderbefugnissen und Sondergremien – umgestellt, das keine Zeit verliert.

Bundeskanzler Scholz bleibt dagegen auch im Ernstfall des russischen Angriffskrieges zögerlich. Seine Umfragewerte rasen in die Tiefe: einen Zauderer ohne Führungsstärke mag die Mehrheit in der aktuellen Krise nicht – scheint er mit seinem Zögern doch passiv zu bleiben, Putin das Heft des Entscheidens zu überlassen und uns alle auf diese Weise mitschuldig am russischen Morden in der Ukraine zu machen.

Alles andere als passiv

Es lohnt, eine Kultur des Zauderns nicht übereilt zu verabschieden. Mit Blick auf Sokrates lässt sich Zaudern als Praxis zu verstehen, die Freiheitsspielräume eröffnet. Zaudern ist nämlich alles andere als passiv. Man verliert Zielstrebigkeit, beginnt zu zögern, wenn Handlungssituationen unübersichtlich werden: wenn sich bisher abgeblendete Aspekte an der Situation nicht länger zurückweisen lassen und die eigenen Leitprinzipien ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Dabei fällt man nicht einfach aus dem Handeln heraus und überlässt sich der Fremdbestimmung von außen. Im Zaudern wird vielmehr eine Pause im Handeln eingelegt und ein Bruch mit der Konstruktion von Selbstverständlichkeiten vollzogen – die dem Tätig-Sein Entschlossenheit vermitteln, es aber auch festlegen. Damit eröffnet das Zaudern inmitten von habitualisierten Verhaltensweisen Möglichkeitsräume für ein freies Handeln, das gerade nicht in einer bloßen Anwendung etablierter Prinzipien, Leitbilder aufgeht.

In der Öffentlichkeit ausgeübt, wird Zaudern politisch. Wenn politische Funktionsträger oder Funktionsträgerinnen sich vom Zaudern anstecken lassen, nehmen sie Distanz von einem hierarchischen Durchregieren und dessen Souveränitätsidealen. In Krisensituationen unterbricht ihr Hadern die politischen Reaktions-Spiralen, in denen ein Wort auf das andere folgt, eine Entscheidung die nächste erzwingt. Inmitten von unübersichtlichen und existenziell bedrohlichen Krisensituationen schafft es die freien Räume und Zeiten, um selbige reflektiert zu beurteilen und zu gestalten. Es öffnet das Feld für demokratische Debatten.

Alternative Perspektiven

Gegenüber dem Durchregieren gewinnt der öffentliche Streit wieder an Macht. Öffentlich kann wieder aus alternativen Perspektiven darüber gestritten werden, wie die aktuelle Krisensituation in ihrer Komplexität zu analysieren und zu gestalten ist. In den Debatten können Blindheiten aller Seiten überwunden und unterschiedliche Handlungsoptionen aus verschiedenen Perspektiven kritisch beurteilt werden: in Bezug auf ihre Wertbindungen, ihre Wirksamkeit, Realisierbarkeit, den richtigen Zeitpunkt ihrer Umsetzung und die zu erwartenden sozialen und politischen Konsequenzen. Auf diese Weise können Fehlentscheidungen vermieden werden, die unter Umständen viel Leid erzeugen.

An den offenen Briefen, die in der letzten Zeit an den Bundeskanzler gerichtet wurden, mag man eine gewisse Wertschätzung für seinen Mut ablesen, auch noch im Ernstfall zu zögern. Es ist zu hoffen, dass der Bundeskanzler an dieser Praxis festhält, wenn die Entscheidung über das Einrichten einer Flugverbotszone über der Ukraine ansteht.

Um unseres demokratischen Miteinanders willen täten wir gut daran, vom Kanzler beim nächsten Mal nicht mehr politische Führung zu verlangen, sondern die Spielräume für öffentliche Debatten besser als bisher zu nutzen, die er uns mit seinem Zögern gewährt. So ließen sich die gemeinsamen Lernprozesse zwischen „Falken“ und „Tauben“ fortsetzen – und in der neuen Situation die Gefahren sowohl von Akten der Gegengewalt als auch von einem Zurückweichen vor der russischen Aggression ins Auge fassen und gegeneinander abwägen.

Jenseits der Tunnelungen unverzüglichen Entscheidens ließen sich aber auch die wirtschaftspolitischen Voraussetzungen kritisch diskutieren, die beide Parteien teilen: die Vorannahme, dass ein konsequentes Embargo auf russische Energieträger keine Handlungsoption darstellte, da dies das Wirtschaftswachstum hierzulande gefährden würde. Darüber hinaus wäre die globale Nahrungsmittelversorgung in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu rücken, die hierzulande allgemein abgeblendet wird, und über Möglichkeiten der politischen Interventionen zu diskutieren – da der Markt die weltweite Nahrungsmittelsicherheit kaum sicherstellen wird.

Und nicht zuletzt stünde es uns gut zu Gesicht, angesichts unserer Ungleichbehandlung von Flüchtlingen aus der Ukraine und anderen Teilen der Welt die Migrationsdebatte wiederaufzunehmen. Hoffentlich währt das nächste Zaudern im Kanzleramt ausreichend lang.

Olivia Mitscherlich-Schönherr lehrt Philosophische Anthropologie mit Schwerpunkt auf Grenzfragen des Lebens an der Hochschule für Philosophie in München.

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