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Erste deutsche Ausgabe des „Playboy“: Die große Karte unseres menschlichen Gemüts

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Von: Arno Widmann

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Frauen wurden zu Bunnys: Playmates im Jahr 1970 auf einem Flughafen in London.Foto: Stringer/Central Press/Afp
Frauen wurden zu Bunnys: Playmates im Jahr 1970 auf einem Flughafen in London.Foto: Stringer/Central Press/Afp © AFP

Am 1. August 1972 erschien das erste Mal eine deutsche Ausgabe des Männermagazins „Playboy“

Der amerikanische „Playboy“ war 1953 von Hugh Hefner (1926 – 2017) gegründet worden. Der „Playboy“ war über viele Jahre das Magazin der aus den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges heimgekehrten Soldaten, der nicht einsah, warum er Zuhause nicht ein ebenso freies erotisches Leben führen sollte wie er es in den besetzten Ländern getan hatte. Die militärische Führung hielt zwar nichts vom „Fraternisieren“, aber von Neapel bis Berlin fehlte es nicht an entgegenkommenden „Frolleins“.

Niemals hat der „Playboy“ dem Mann das Recht auf Vergewaltigung zugesprochen. Aber, dass er ein Recht auf Sex hatte, war Artikel 1 der Grundrechte dieser jungen Männer. Das war in erster Linie – auch schon vor und auch nach dem „Playboy“ – das Recht auf Selbstbefriedigung. Für die Playmates die Vorlagen boten. Wirkliche Frauen mussten dagegen, das verstand sich für die Ex-Soldaten von selbst, erobert werden. Aber mit zivilen, ergo friedlichen Mitteln. Geld und die Begabung glaubhaft zu machen, dass man über es verfügte, war das wesentliche Eroberungsgeschütz. Kaum ein Artikel im „Playboy“, der es nicht munitionierte. Die Werbeindustrie entdeckte sofort ihre Chance und schaltete Anzeigen. Der „Playboy“ wurde ein bombastisches Geschäft. Der Emanzipation der Frau ging für ein paar Jahre die des Mannes voran. Mit den bekannten Konsequenzen.

Frauen wurden zu Bunnys gemacht. Zu Häschen also, die zwar erwachsen, aber selten älter als dreißig Jahre waren und fast immer einen großen Busen hatten und – jedenfalls in der Männerfantasie – sich auf die Heimkehr des Helden freuten. Dem Ansturm eines echten Playboy, also eines Mannes, der nach der Erfahrung des äußersten Ernstes es vorzog, Leben und Liebe als Spiel zu betrachten, freilich als Rückkehr zum Ernst eines Kindes, das sich seine Legowelt zusammenbaut.

Ich wurde 1946 geboren. Der deutsche „Playboy“ erreichte mich nicht mehr.

Ich kannte den amerikanischen. Den ersten sah ich mit 14, 15 Jahren in meinem Internat, Nur Jungen zwischen 10 und 18. Ich sah nicht viel davon. Ein Alumne hatte ihn aus den Ferien mitgebracht, legte ihn vor sich auf den Tisch. Mit dem Rücken zur Tür. Wir umstanden ihn. Als der Internatsleiter die Türe öffnete, verschwand das Heft blitzschnell in der Schublade. Ich weiß nicht, ob der Mann nicht bemerkte, was los war oder ob er es vorzog nichts zu bemerken. Klug genug dafür war er allemal.

Man sah damals keine nackten Frauen. Real nicht und auf keinen Fotos.

Jedenfalls nicht für Jugendliche. Ein Klassenkamerad – ich war zwölf oder dreizehn – machte mich einmal darauf aufmerksam, dass wenn die Englischlehrerin den Arm hob, man für den Bruchteil eine Sekunde innen dem Weg des Ärmels folgend Brustansatz und BH sehen konnte. Ich war sehr verblüfft. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, die Lehrerin als sexuelles Wesen zu sehen. Später kam ich dahinter, dass meine Partialtriebe unterentwickelt waren und es mein Leben lang bleiben sollten.

Wir hören heute oft, wir würden von Bildern überflutet. Die virtuelle Realität habe die Wirklichkeit überholt. Vorreiter dieser Entwicklung war die – nennen wir sie einmal so – Pornoindustrie. Jeder Mann – und unzählige Frauen – haben mehr als zehntausend Mal soviele sexuelle Kontakte mit den von ihr produzierten Bildern als mit realen Personen.

Ganz abgesehen davon, dass die Bilder der Wirklichkeit vorangingen.

Life imitates art, erklärte Oscar Wilde. Zu lange verstand man das nur als doktrinäre Formulierung seiner Dandy-Existenz. Wie recht er aber hatte damit, begannen wir erst vor fünfzig Jahren zu begreifen. Der amerikanische Traum war zu einem Albtraum geworden. Nixon und Kissinger, der Vietnamkrieg, die Aufstände der Schwarzen in den USA, Watergate. Da hinein platzte der deutsche Playboy und versuchte. dem Frauenideal des US-Imperialismus ein neues Terrain zu erobern.

Nun ja, so eindeutig war die Lage natürlich nicht. Es gibt ein berühmtes Foto, auf dem sieht man Sophia Loren ins abgrundtiefe Dekollete von Jayne Mansfield blicken. Wir alle wussten, es gab schließlich Fotos genug, dass Sophia aus Pozzuoli den weitaus imposanteren Busen hatte. Also Italien konnte bei diesem Wettrüsten durchaus mithalten. In Frankreich war die Situation ganz anders. Dort erschien seit 1963 mit großem Erfolg das Männermagazin „Lui“, das ein ganz anderes Frauenbild vertrat. 1977 erschien es auf Deutsch und sein Herausgeber erklärte mir damals, der amerikanische Männertraum erinnere ihn an „als Büblein klein an der Mutterbrust“. Es gebe mehr als genug Männer, die andere Ziele verfolgten. Es gab die – wir wussten das alle - auch in den USA. Schließlich gab es nicht nur Marilyn Monroe – das erste Covergirl des amerikanischen „Playboy“, sondern spätestens seit „Ein Herz und eine Krone“ (1953) auch die einem den Atem raubende grazile Audrey Hepburn. „Den Helden gibt es mit tausend Gesichtern“ schrieb Joseph Campbell 1949 – auch dieses Buch lässt sich lesen als ein Werk über die US-Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Die Bilder der Frauen, mit denen sie in die Schlacht zogen, hatten ebenfalls tausend und mehr Gesichter. Hefner wusste das. Er sprach darum immer davon, dass seine Playmates „Mädchen von nebenan“ sein sollten. Allerdings staffierte er sie stets so aus, dass sie seinem eigenen Ideal entsprachen. Ein Künstler halt auch er.

Das unterscheidet die Kulturindustrie von der Kunst. Erstere heißt so, weil sie immer von der Kunst aufs Leben zurückschaut, um neue Profitquellen zu erschließen. Oscar Wilde hatte Recht, sich gegen die Vorstellung zu wehren, die Kunst sei nichts als die Nachahmung der Natur. Es geht hin und her zwischen den beiden. Nicht nur in der Kulturindustrie, sondern gewissermaßen von Anfang an.

1796/97 schuf der inzwischen gehörlose Maler Francisco de Goya in Madrid seine Serie „Los Caprichos“, zu ihr gehört auch „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Zweieinhalbtausend Kilometer von ihm entfernt schrieb ein berühmter deutscher Philosoph, der Meisterdenker der Vernunft, ein paar Sätze, nachdem er erklärt hatte, man könne nur noch als Weltbürger den Menschen beschreiben: „Auf der großen Karte unseres Gemüts sind nur wenige Stellen illuminiert: Das kann uns Bewunderung für unser eigenes Wesen einflößen…”

„Imago“ nannte Sigmund Freud seine „Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften“. Nachdem C.G. Jung den Begriff „Vaterimago“ geprägt hatte. Ein Bild, das zu Verstrickungen führt, von denen der Mensch sich befreien sollte. Wo Es war, soll Ich werden, war Freuds Credo. Eine Vorstellung, der er im Laufe seines Lebens immer weniger glaubte, jemals gerecht werden zu können. Zu groß erschien ihm die Macht der Bilder.

Wir wissen heute: Sie ist noch größer als Freud sie sich dachte. Das Gehirn, nicht nur das unsere, nimmt Sinneseindrücke auf und verarbeitet sie. In diesem Prozess der Verarbeitung entsteht etwas, auf das das Gehirn sich im Weiteren fortwährend bezieht. Die Rückkoppelung mit der Realität draußen findet in viel größeren Abständen statt. Wir arbeiten vorzüglich mit Bildern, die unser Gehirn für uns gemacht hat. Es ist unsere erste Kulturindustrie. Wahrscheinlich ist das, was da stattfindet, eher noch als Spiel zu beschreiben

Ich bin weit abgekommen vom „Playboy“, aber das musste vielleicht so sein.

Einen zentralen Punkt muss ich noch hinzufügen. Die Konsumgesellschaft.

Sex als Konsumgut. Brigitte Bardot mochte live ein Luxusprodukt für Gunter Sachs sein. Aber sie war auch die Geliebte einiger deutlich weniger reicher Arbeitskollegen. Zugleich war sie ein in Millionen Abbildungen zugängliches Massenprodukt. Hinter dem jagte Gunter Sachs her. So wie das Leben die Kunst imitiert, so spielen auch Massenkonsum und Luxusgüter miteinander. Das ist die Welt, in der wir leben.

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