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Die Naivität des „westlichen“ Putinismus ist erschreckend

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Von: Artur Becker

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30. September 2022: Präsident Putin verkündet in Moskau die Annexion der ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja.
30. September 2022: Präsident Putin verkündet in Moskau die Annexion der ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. © AFP

Weil Russlandkritik immer noch vielen zu einseitig erscheint: Ein paar Bemerkungen zum Putinismus, dem „westlichen“ und dem „russischen“.

Moskau / Berlin - Im September 2022 nahm ich als Schriftsteller am Kongress des Mitteleuropäischen Germanistenverbands teil, der im polnischen Olsztyn, in meiner Heimat, stattfand. Ein Wiener Germanist fand meine Russlandkritik – natürlich im Kontext des Überfalls auf die Ukraine – zu einseitig. Die Argumentation, der Westen habe diesen Krieg mitzuverantworten, ist ja bei uns sehr beliebt. Ich stellte aber meine Haltung auf dem Kongress klar dar: Die Ukraine, ein souveräner Staat, wurde überfallen; es geht also in diesem Krieg nicht um die Verteidigung der Nato-, EU- und USA-Interessen in der Ukraine und die Schwächung Russlands durch „den dekadenten Westen“, der nach neuen Absatzmärkten und politischer Einflussnahme in Osteuropa suchen würde.

Auch Polen wollte nach 1989 ein souveräner Staat sein, und es gibt – was den polnischen Drang nach Freiheit angeht – viele Mythen, Halbwahrheiten und solche Narrative, die im Westen nach wie vor prächtig gedeihen. Polens Aufnahme in die Nato 1999 – notabene eine souveräne Entscheidung der polnischen Bürger und Bürgerinnen – wäre nicht möglich gewesen, wenn Boris Jelzin „nein“ gesagt hätte. Er hatte lange gezögert, doch dem damaligen Präsidenten Lech Walesa und seinem „Team“ gelang es schließlich, „bei einem Glas Wodka“ Jelzin zu überzeugen – 1993 verließ dann auch die ehemalige Rote Armee das polnische Gebiet vollständig.

Putinismus - Resultat der autoritären Macht von Putin

Es gibt also verschiedene Formen des Putinismus – der „westliche“ Putinismus, dem westliche Intellektuelle oder Politiker und Politikerinnen (nicht nur in einigen rechtskonservativen und linken oder linksradikalen Kreisen) folgen, ist selbstverständlich eine Art Abklatsch des „russischen“ Putinismus, der in Russland seinen Anfang in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts nahm und der nach 2000 verschiedene Phasen durchlebte – im Zuge der Einführung der autoritären Macht durch Wladimir Putin.

Beiden Formen des Putinismus liegt aber die antiamerikanische Haltung zugrunde – und die Überzeugung, dass die Welt schwarz-weiß sei, in Gute und Böse klar teilbar. Mir fällt in dem Zusammenhang auch Wiglaf Drostes Bonmot ein: „Ist das Hirn zu kurz gekommen, wird sehr gern Moral genommen.“

Im Prinzip erlebte Russland nach 1985, seit der „Perestroika“, nicht mehr als etwa 15 Jahre „Freiheit“, in der die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Revolution von 1917, dem Stalinismus und der „kleinen Stabilität“ in der Breschnew-Ära möglich war. Bücher, die im „Samisdat“ erschienen, durften plötzlich offiziell gedruckt werden. Filme entstanden, die die Geschichte des sowjetischen „Imperiums“ kritisch darstellten und zu verarbeiten suchten. Man konnte also nicht nur Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ überall „offiziell“ kaufen. Solche Filme wie zum Beispiel Tengis Abuladses „Die Reue“, der 1987 seine Premiere hatte, oder Nikita A. Michalkows „Die Sonne, die uns täuscht“ von 1994 zeigten den Willen, die Verbrechen des Stalinismus endlich zu verarbeiten. Aber: Michalkow ist inzwischen ein glühender Putin-Unterstützer und das schon seit 2007, als er zusammen mit anderen einen Brief an Putin verfasste, der ein Aufruf zum Regieren in seiner dritten Amtszeit war, was allerdings die Verfassung nicht erlaubte.

Putin hat in Russland das Bedürfnis nach Anerkennung befriedigt

Und hier liegt der Hund begraben.

Für viele, sehr viele Menschen in Russland ist Putin derjenige, der ihnen in ihrer „Sowjetalgie“ ihre Würde zurückgegeben, ihr Bedürfnis nach Anerkennung befriedigt hat. Aber es geht hier noch um vielmehr: Nach den „Chaosjahren“ mit Gorbatschow und Jelzin kam endlich ein junger Mann an die Macht, der die Sehnsucht nach einem imperialen starken Führer erfüllen konnte – der den Menschen sagte, Russland sei groß, der russische Geist sei großartig und überlegen, das Sakrale sei stärker als der rationale kalte Westen, Russland brauche „eine neue russische Idee“, zumal Russland kein Täter, sondern Opfer sei.

Es war dann auch klar, dass es eine Verarbeitung der stalinistischen Verbrechen nicht mehr geben wird, dass Tabuthemen unter den Teppich gekehrt werden, dass der Patriotismus und der Nationalismus eine unheilvolle Einheit bilden und so weiter.

Russland: Patriotismus und Nationalismus - eine unheilvolle Einheit

Man müsse in diesem Kontext nicht unbedingt das Standardwerk „Die russische Idee“ von Nikolai Berdjajew bemühen, wie es der polnische Kenner der russischen Kulturgeschichte, Tadeusz Klimowicz, in seinem 2022 publizierten Buch „Pozegnanie z Rosja“ (Abschied von Russland) treffend schreibt – es reiche, dass man Wiktor Pelewins Roman „Generation P“ von 2000 lese (damals auf Deutsch bei Volk & Welt).

In diesem Roman – satirisch natürlich – wird das Fehlen einer klaren russischen Identität beklagt, denn es habe einst „die russische Orthodoxie, die zaristische Alleinherrschaft und die Volksverbrüderung“ und „später den Kommunismus“ gegeben. Danach sei „das Geld“ gekommen – allerdings ohne „eine Idee“, wobei „hinter Geld“ nicht „einfach nur Geld stehen“ dürfe; denn diesen „Arschlöchern von irgendeinem Harvard“ müsse man „normal“ sagen können, woher „das Volk stamme“; damit diese „Huren“ endlich „die Kraft des Geistes“ spürten, „wie 1945 bei Stalingrad“.

Die Naivität des „westlichen“ Putinismus ist erschreckend

Man braucht sich also nur anzuschauen, was nach der Rückkehr Putins als Präsident der Russischen Föderation im Jahre 2012 geschah: Annexion der Krim, Überfall auf die Ukraine, und bereits seit 2012 wurden in der „Duma“ lauter Verbote und Strafen beschlossen, die dann in Kraft treten, sobald man die Regierenden „verleumdet“, die Gefühle der Gläubigen „beleidigt“ (es darf nur eine wahre Religion geben, „das dritte Rom“), „die Propaganda“ des „Homosexualismus“ unterstützt, in der Öffentlichkeit eine „nicht normative Lexik“ benutzt (was zum Beispiel für das Theater und Lesungen verheerend ist). Und auch die Beteiligung des ausländischen Kapitals in der russischen Medienlandschaft wurde eingeschränkt. Die Liste ist lang. Und sie ist inspirierend für andere Regierende, die dem Hang zum autoritären, totalitären und nationalistischen Denken frönen. Deren Namen kennt man. Auch aus Mittelosteuropa.

By the way: Die Naivität des „westlichen“ Putinismus ist erschreckend, da er nicht versteht, dass Putin sehr wohl imstande ist, auch in Warschau oder Berlin einzumarschieren. Christentum hin, Christentum her – „das dritte Rom“ weiß schon, was es tut.

Artur Becker, geboren 1968 in Polen, lebt seit 1985 in Deutschland. Zuletzt erschien sein Essayband „Links. Ende und Anfang einer Utopie“, Westend Verlag, 144 S., 16 Euro..

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