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Das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin mit dem Reichstag (im Hintergrund). epd
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Das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin mit dem Reichstag (im Hintergrund). epd

Gesellschaft

Erinnerungskultur: Deutlich stolz

„Nazihintergrund“ lautet die Totschlagvokabel, anzuwenden auf die Deutschen: Warum Unsinn im Internet nicht nur erschreckend, sondern exemplarisch für hochgejazzten Irrsinn ist

Im Videovordergrund zwei Menschen, zwei Kinder von Flüchtlingen, sie treten den Kampf gegen die „Deutschen mit Nazihintergrund“ an, wobei das, wie sich bald herausstellt, für sie ein und dasselbe ist, Deutsch sein = Nazi sein. Man mag eine solche Gleichung erstaunlich finden, aber das Gespräch, das Moshtari Hilal, Jg. 1993, und Sinthujan Varatharaja, Jg., 1985, auf Instagram als Videoferngespräch führen, kommt auf diese Ineinssetzung nicht nur versehentlich zurück, sondern nutzt sie systematisch. „Die“ Deutschen also. Ausländer kennen das, zum Beispiel das Vorurteil „diese Ausländer“. In diesem Fall trifft es diese Deutschen, die mit diesem Hintergrund, ihrem „Nazihintergrund“, sagt Hilal lächelnd, und Varatharaja strahlt. Ein gemeinsames Erweckungserlebnis?

Nicht ein einziges Mal in diesem Video, das seit Tagen geklickt und diskutiert wird, schauen die beiden grimmig, nicht einmal bei der von ihnen – stolz vorgetragenen – Wortfindung „Genozidhintergrund“. Bemerkenswert, dass dieses Wort, abgesehen von einer einzigen Ausnahme, von den klassischen Printmedien überlesen wurde, wonach jeder Deutsche offensichtlich einen Völkermordhintergrund hat. Und jede Deutsche – im Namen der Gendergerechtigkeit – auch einen Massenmörderinnenhintergrund, heute noch.

Soweit die Vorrede der beiden - womit sich die Frage stellt: Kann dann das, was noch nachkommt, diskussionswürdig sein? Ist Volksverletzung debattenwürdig?

Vor dem Hintergrund eines anderen Kulturkampfs, der in dieser Sache erstmals über den 8. Mai 1945 geführt wurde, können sich beide, die Künstlerin Moshtari Hilal und der Geograf/die Geografin Sinthujan Varatharajah, eher nur einreihen. Anstellen in einer langen Reihe von Bemühungen, sich mit dem Nazisein und dem Erbe des NS-Regimes zu beschäftigen. Die Alliierten, Briten, Franzosen, Amerikaner und Russen, begannen damit am Tag der bedingungslosen Kapitulation von Nazi-Deutschland. Dass die von den beiden angesprochene Entnazifizierung ein düsteres Kapitel der Nachnazizeit war, auch eines des Versagens, vorsätzlicher Vertuschungen, weiß man eigentlich schon länger, seit 50, 60 Jahren in diesem Land, Deutschland. Für den Videoauftritt wurde das Thema ergoogelt, Wikipedia war eingestandenermaßen ihre Quelle.

Es hätten sich auch andere Quellen auftreiben lassen, seit Jahrzehnten zugängliche Quellen - aber die beiden wissen nichts von Büchern. Sie bedienen in ihrem stolzen Nichtwissen nicht nur das Vorurteil der Kollektivschuld – unwissend vollstrecken sie den Begriff fallbeilartig.

Warum muss man das erzählen? Weil beide zudem die Sippenhaft generationenübergreifend ausdehnen. Sie berufen sich dabei nicht auf die berüchtigte Nazi-Gesetzgebung, sondern auf eine selbstgebastelte Rechtsauffassung, die die deutsche Urgroßelterngeneration ebenso aburteilt wie die heutigen Urenkel und zukünftigen Ururenkelinnen. Das Tribunal findet statt in einem Videogespräch, das offensichtlich ungemein Zulauf unter jungen Leuten findet.

Schon klar, dass junge Menschen das Recht auf einen besonderen Furor haben, sozusagen ein Menschenrecht, wenn es um für die ältere Generation unangenehme Fragen geht. Jugendlicher Elan beansprucht nicht still Aufmerksamkeit, sondern schneidig: Seht her! So wie es Strategie der 68er war, die generös darüber hinweggingen, dass bereits der Frankfurter Auschwitzprozess, Anfang der 60er Jahre, die Bundesrepublik mit entsetzlichen Einzelheiten über das mörderische NS-Regime und das Getriebe einer brutalen Autoritätshörigkeit erschüttert hatte. Oder auch Eugen Kogons „Der SS-Staat“, 1946 bereits. Anders als ein stolzer Antifaschismus später, kam Kogon nicht auf den Gedanken, sich die Erstbeschäftigung eitel ans Revers zu heften.

Zwanzig Jahre später bedeutete „68“, weil sich „die“ 68er für eine vehemente Aufklärung über die Nazizeit verantwortlich fühlten, deren Beschweigen und Verdrängung, den Beginn einer nicht mehr abreißenden Beschäftigung. In der Tradition von „68“ fragt Ulrich Herbert in seinem soeben erschienenen Buch „Wer waren die Nationalsozialisten?“ Unbedingt lesenswert.

Die Erkenntnisse der 68er vorwegnehmend, veröffentlichte der Soziologe Leo Löwenthal (1900-1993) 1949 seine Studien zur faschistischen Agitation, in diesen Tagen wieder aufgelegt - dazu später noch mehr. Denn wer liest, weiß womöglich ein wenig genauer, woran man mit Nazis dran ist – überhaupt mit Agitatoren.

Warum muss man das betonen? Zum Thema Entnazifizierung, sagt Hilal, habe sie sich eingestandenermaßen mal kurz schlau gemacht – eben mit Wikipedia. Hilal hat keine Fragen für das Videogespräch mitgebracht, sondern Urteile: „Es kann keine Entnazifizierung geben, weil es nicht bestimmte Gruppen an sich betrifft, sondern wirklich ein Volk, mehrere Generationen von Menschen, die nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind, Kinder und Enkelkinder haben und sich das also multipliziert.“ Eine irre Abrechnung, eine verworrene Rechnung. Aus einem Volk von 80 Millionen Nazis sind durch Kinder und Enkel 80 Millionen + x Nazideutsche geworden, heute? Um von 80 mal x-Millionen Nazis in der gegenwärtigen Bundesrepublik gar nicht zu reden.

Schwindelerregend. Warum muss man davon erzählen? Weil sich die beiden Schwadroneure selbst ausdrücklich ein „integeres“ Handeln attestieren. Tatsächlich legt das Video unzählige Beweise für eine Gerüchteproduktion vor, wofür die Opfergeschichte des Nationalsozialismus ein warnendes Beispiel sein könnte. Beherrscht, dominiert wird das „integere“ Aburteilen von einer Irgendwie-Rhetorik, die man übergehen könnte, wenn diese Irgendwie-Rhetorik nicht so rasiermesserscharf schlussfolgerte.

Anlass ist die Skandalisierung einer Buchladengründung in Berlin-Neukölln (s. FR v. 5.3.). Die Inhaberin, Emilia von Senger, stehe in einem „Kontinuum mit dem NS-Regime“, da die Feministin die Ladengründung einer Erbschaft verdanke, wie die Inhaberin öffentlich bekannt machte. Hilal und Varatharajah ermittelten auf diese Information hin über Internetkanäle den Stammbaum von Sengers und stießen auf den einer oberfränkischen Adelsfamilie, in der es Vorfahren gab, die im Nationalsozialismus Karriere machten. Der Urgroßvater als General der Wehrmacht, der Großvater als Offizier im Weltkrieg und General der Bundeswehr.

In ihrem Instagram-Videoprozess lassen die beiden Chefanklägerinnen verlauten, dass auch der „Raum“ dieses Buchladens auf „Gewaltpotenzial“ beruhe, dass auch diese Einrichtung ausschließlich für feministische, queere Literatur, mit „Blutgeld“ gegründet worden sei. Dabei ist der Anklage gleichgültig, dass die Angeklagte beteuert, das Geld stamme aus Quellen mütterlicherseits, einem Zeitungsunternehmen. Hilal und Varatharajah, auf den von ihnen ausgesprochenen falschen Verdacht angesprochen, weichen aus – und beklagen vielmehr, wie sie der „Süddeutschen Zeitung“ anvertraut haben, bewusst missverstanden worden zu sein. Wurden sie?

Garnichtwissen, Halbwissen – aber ein Urteil, etwa über Mercedes. Warum das erzählt wird. Weil die gedankliche Kettenreaktion so bezeichnend ist: Ein vom Naziregime profitierendes Unternehmen, ein das Naziregime unterstützendes Unternehmen – Hitlers Lieblingsauto – heute noch von der Polizei benutzt. Das sage alles. Also keine Porsche, plappert Hilal dazwischen, was ein wenig ironisch gemeint sein mag, zudem so, dass Porsche wohl unbelasteter wäre – was, angesichts der rasanten Umtriebigkeit eines Ferdinand Porsche im NS-Regime ein weiterer kurioser Beleg für ein unverfrorenes Videofabulieren ist.

Das Video auf Instagram hat in den letzten drei Wochen eine erhebliche Resonanz ausgelöst. Mitläufertum aber nicht nur auf Instagram, denn die traditionellen Medien sollten sich davon nicht ausnehmen. Wie oft wird reflexartig und nicht etwa reflektierend reagiert – bezeichnend für ein Meinungsklima, in dem immerzu Alarm herrscht. Hier auch?

Der kommunikative Klimawandel, ausgelöst und ständig vorangetrieben durch Emotionalisierung, Skandalisierung und Hysterisierung, wird das globale Dorf, noch lange bevor die Dämme an den Meeren brechen, grundlegend überschwemmt haben.

Unsinn und Irrsinn auch auf der soeben erreichten Etappe. So wird im Video die bisher auf Zeitungspapier nicht wiedergegebene Meinung vertreten, „wie irreversibel die Nazifizierung in Deutschland ist“. Wäre die Nazifizierung in Deutschland irreversibel, wäre dieses Gespräch der beiden Flüchtlingskinder in einem Lager der Nazis geführt worden. Illegal, hinter Stacheldraht, nicht auf Instagram. Zwischen den antirassistischen Flüchtlingskindern und der reaktionären Jana aus Kassel, die sich als Sophie Scholl fühlt, besteht eine schreckliche Gefühlsbindung.

Das ist tatsächlich ein Thema, deshalb der Vorschlag: Man überführe diese typisch feuilletonistische Verkürzung in einen Forschungsauftrag, warum sich rassistisch bedrohte Flüchtlingsnachfahren dermaßen versteigen in Unsinn, für den in einer offenen Gesellschaft dennoch kein Verständnis aufgebracht werden sollte. Zu offensichtlich nämlich, dass aus Unsinn noch schlimmerer Unsinn folgt, darunter der, es hätte in Deutschland „keine freiwillige Geschichtsaufarbeitung des Nationalsozialismus gegeben“.

Dieser Blödsinn aus der Vorvorwoche, und deswegen muss man heute bereits an ihn erinnern, leuchtet hinein in eine Kultur des Aufbegehrens und der Anmaßung, die Ausdruck einer Aggression gegen eine Kultur der Argumente ist. Mal dahingestellt, ob jeder Beitrag in den großen Selbstverständigungsdebatten der Bundesrepublik tatsächlich niveauvoll war: Die Republik kann sich immerhin darauf berufen, dass in der Auseinandersetzung etwa mit dem TV-Drama „Holocaust“ nicht nur infame Abwiegelungsstrategien herrschten, sondern Bestürzung – und Fragen, Fragen über Fragen. Trotz der bodenlos bräsigen Indolenz Helmut Kohls gegenüber der SS wurde in der „Bitburg-Debatte“ nicht nur eine lärmende Erregungsspirale bedient. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der 1985 den 8. Mai zum Tag der Befreiung deklarierte gegen aggressiven Widerstand und durchschaubare Schlussstrichmanöver in der eigenen Fraktion, CDU und CSU, setzte eine weitere Selbstverständigungsdebatte in Gang. Erst recht der Historikerstreit der 80er Jahre hat einer vernunftorientierten Erinnerungskultur Argumente an die Hand gegeben ebenso wie die Debatte über das Holocaust-Mahnmal oder der Disput über die Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren. Alles keine hochgejazzten Spektakel. Ebenso wenig wie die jüngste der Aufklärungsanstrengungen, diejenige über die Raubkunst.

Vor dem Hintergrund einer deutschen, nicht von dunklen Mächten erpressten Erinnerungskultur, die seit Jahrzehnten intensiv die Nazivergangenheit erforscht, ist das Gespräch ein Affront. Ihn bitter ernst zu nehmen, heißt nicht, sich mit ihm einverstanden zu erklären, kennt doch auch der von den beiden inkriminierte Kunstbetrieb Debatten um Vermächtnisse aus der Nazizeit.

Über Kontinuitäten, die Karrieren von NS-Tätern in der Bundesrepublik, gibt es hunderte Bücher – eminent aufschlussreich die Passagen, die - wie schon erwähnt - Ulrich Herbert in seinem Buch „Wer waren die Nationalsozialisten?“ (C.H. Beck) diesem Thema widmet. Wie ja auch der Frage, warum Diktatur und Nazi-Terror unbedingt einer Massenbasis bedurften, einer Massenbewegung, die sich „schon dadurch von traditionellen Diktaturen unterschied“.

Ebenso interessant für neugierige Menschen die Wiederauflage von Leo Löwenthals „Falsche Propheten“ (Suhrkamp), worin der Forscher 1949 ein wesentliches Element faschistischer Agitation mit der stereotypen Hetze gegen „den“ Fremden und Flüchtling erklärte. Kontinuitäten von alters her: „Schließlich übernimmt der Flüchtling die Rolle, die einstmals die Figur des ,outcasts‘ spielen mußte, der von den Göttern verfluchte Mann, ein Ausgestoßener, der kein besseres Los verdient hat: Der Flüchtling ist ein offenbar geradezu ideales Beispiel des Ausgestoßenen: Er hat keine Heimat, man hat ihn da nicht gewollt, wo er herkommt, und man will ihn auch nicht, wo immer er hinkommt.“

Trotz Löwenthals maskuliner Perspektive könnte das ein Gesprächangebot sein auch für Milieus, die sich progressiv labeln. Oder sollte man das Buch besser boykottieren? Im Hintergrund des Gesprächs ständig diese Frage - doch von einem Boykott-Aufruf gegen die Buchhandlung möchten Hilal und Varatharajah eher absehen. Auch das ist ein enorm aufschlussreiches Detail dazu, inwieweit Selbstherrlichkeit Gerechtigkeit souverän zu missachten versteht, weil sie sich etwas auf einen „integren“ Gnadenakt einbildet. Tabubruch muss nicht erst auf Tatendurst erpicht sein, um nicht trotzdem frühzeitig zum Fürchten zu sein.

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