Balzender Birkhahn: Dazu müsste man jetzt noch das Kullern und Zischen des sich aufplusternden Brautwerbers hören.
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Balzender Birkhahn: Dazu müsste man jetzt noch das Kullern und Zischen des sich aufplusternden Brautwerbers hören.

Biologie

Die Entdeckung der Schönheit

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Womöglich war sie da, seit es das Leben gibt. Aber sie wird ständig neu erfunden, erfindet sich immer wieder selbst. Sie ist eine der Triebkräfte der Geschichte.

Richard Owen Prum, 1961 geboren, ist Professor für Ornithologie, Ökologie und Evolutionsbiologie an der Yale University. 2017 veröffentlichte er das Buch „The Evolution of Beauty: How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us“ (Doubleday, New York, 448 Seiten). Es geht also darum, dass es neben der natürlichen Auslese eine sexuelle gibt. Eine Theorie, die schon Darwin in dem 1871 erschienenen Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ entwickelte.

Man machte sich seinerzeit lustig darüber, und die meisten Darwinisten übergingen diese Idee mit Schweigen. Dennoch gilt das Buch als Meilenstein der Darwinschen Theorie, denn dort entwickelte Darwin das erste Mal die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich. Prum geht es aber nicht darum, sondern um den zweiten Teil des Titels, um die „geschlechtliche Zuchtwahl“. Eine zentrale Rolle in der Evolution spielt neben der immer wieder beschriebenen Fitness, also der Angepasstheit an die Umwelt, so damals Darwin und heute Prum das Schöne. Also das Überflüssige, das – radikal formuliert – Lebensuntüchtige.

Prums Buch ist inzwischen in Polnisch, Niederländisch und Mandarin erschienen. Leider noch nicht auf Deutsch. Vielleicht helfen ja die folgenden Anmerkungen einem Lektor auf die Sprünge.

Der Ornithologe Prum sieht natürlich vor allem die Frauen, die sich die passenden Männchen wählen. In der Vogelwelt schmücken sich die Männer, sie komponieren die Lieder, mit denen sie die Weibchen anlocken, sie errichten die Balzplätze. Je genauer Prum einen zum Hinschauen zwingt, desto weiter rücken die Begriffe Weibchen und Männchen in die Ferne. „Männer und Frauen“ kommt einem leichter über die Lippen. In der Vogelwelt wählen die Frauen aus. Sie begutachten die Angebote der Männer. Sie vergleichen und wählen sich dann den aus, der ihnen gefällt.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts begannen Evolutionsbiologen sich wieder für die „geschlechtliche Zuchtwahl“ zu interessieren. Man sieht Prum grinsen, wenn er schreibt, er würde gerne sagen, die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie hätten die Frauenbewegung jener Jahre beflügelt, aber es führe kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es umgekehrt war. Die Parole „Mein Bauch gehört mir“ meinte ja nicht nur das Recht auf Abtreibung, sondern immer auch das Recht der Frauen auf ein eigenes Leben. Die Frauenbewegung kämpfte nicht allein um gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sondern auch um weibliche Autonomie und sexuelle Selbstbestimmung.

Niemand entkommt der Natur. Aber die Natur selbst ist vielfältiger und bunter, als wir das jemals vermuteten. Die Vorstellung, bei ihr wäre alles abgestellt auf den größtmöglichen Nutzen, ist völlig abwegig. Ein Blick in ihre überwältigende Vielfalt, zeigt das. Die Frage nach dem Wozu, ist viel zu vernünftig, um immer eine Antwort zu bekommen.

Prum schildert detailliert, wie Entenmännchen vor Entenweibchen posieren. Es sind von Entenart zu Entenart unterschiedliche Gesten, aber sie bleiben sich ähnlich. Immer geht es darum, den Kopf nach hinten zu drehen, einen Ruf auszustoßen. Aber die Mandarinente zum Beispiel hat auf dem Rücken ein sich aufstellendes Gefieder: Wenn sie den Kopf zurückwirft, kann sie dem Weibchen durch es hindurch einen verschämten Blick zuwerfen. Wie wenn Odalisken in der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts durch einen Schleier auf einen blicken. Dergleichen muss gewollt werden, meint Prum, um sich als Charakteristikum einer Art festsetzen zu können. Das Wollen allein genügt allerdings nicht. Es muss auch geliefert werden.

Was wird diskutiert um den freien Willen! Hat man ihn, hat man ihn nicht? Man hat ihn seltener, als man meint. Aber die Wahl hat man immer wieder. Aufgrund welcher Kriterien entscheidet man sich? Kann der Mann singen? Kümmert er sich um den Nachwuchs? Ist er gut im Bett? Sieht er gut aus? Kann man Pferde stehlen mit ihm oder schön ausgehen? Wir wissen nicht, wonach eine Ente sich entscheidet. Aber der Blick durch die aufgestellten Federn sagt sicher nichts darüber, ob der Enterich sich um den Nachwuchs kümmern wird. Bei der Entwicklung der Mandarinente und ihrem Federkleid haben Nützlichkeitskriterien keine Rolle gespielt. Es ging um Schönheit.

In seinem Buch, schreibt Prum, gehe es „um Schönheit und Begehren“. So hat man es uns im Biologieunterricht nicht gesagt. Aber jeder Gang über eine Frühlingswiese gibt Prum recht. Und dort geht es artübergreifend darum. Auf dieser Seite ist ein balzender Birkhahn zu sehen. Nur zu sehen. Wir machen uns nicht klar, dass zur Schönheit auch der Gesang, die Geräusche gehören. Also zum Beispiel das Kullern und Zischen des sich aufplusternden Brautwerbers. Der Tenor ist keine abendländische Erfindung des 10. Jahrhunderts. Nicht einmal sein Erscheinungsbild. Zugegeben, das Kullern des Birkhahns spielt sich in deutlich niedrigeren Frequenzen ab, aber je genauer wir hineinschauen in die tierische Welt, desto weniger haben wir noch etwas Apartes für uns. Desto deutlicher wird, dass wir mitten hineingehören in diese Welt von der wir uns einst durch einen Extra-Schöpfungstag hatten so demonstrativ absetzen wollen.

Aber zurück nach Entenhausen. Entenweibchen suchen sich ihren Partner im Winter aus. Sie haben Zeit, sich verschiedene Kandidaten anzusehen. Im Winter wird nicht kopuliert. Enten haben in diesen Monaten weder Samen noch Eier. Die kommen erst im Frühjahr. Bis dahin bleiben die Paare zusammen. Ist Paarungszeit fliegen sie zu ihrem Brutgelände. Wenn das Weibchen dann bereit ist, streckt sie ihren Hals nach vorne, hält ihren Körper in der Horizontale und streckt den Schwanz in die Höhe. Alles politisch korrekt so weit.

Bei den meisten der nicht territorialen Entenarten hat der Enterich nach der Kopulation nur noch die Aufgabe, darauf zu achten, dass keine anderen Männer sie bei der Eiablage stören. Danach ist er überflüssig und fliegt weg. Ornithologen vermuten, dass sein buntes Federkleid jetzt Eiräuber auf das Nest aufmerksam machen könnte. Schönheit ist nicht nur schön, sondern immer wieder auch hinderlich.

Die meisten Evolutionsbiologen werden einem erklären, die Frau, die einen prächtig gefiederten, sie anbalzenden Mann sieht, betrachte ihn unter dem Gesichtspunkt seiner Fitness. Wer so viel Kraft und Energie für sein Aussehen zur Verfügung habe, der müsse unbegrenzte Vorräte davon haben. Es ist so, als würde man von der Rolex an der Hand eines Mannes auf sein Vermögen schließen. Das wird oft getan und oft täuscht man sich. Prum meint dagegen: Die Frau, die den Mann mit der Rolex will, will die Rolex. Das Schöne wird nicht begehrt, weil es dasteht als Zeichen für etwas anderes, sondern um seiner selbst willen.

Das gilt nicht erst für den Menschen, sondern ist von Anfang an eine der Triebkräfte der Evolution. Wie auch, so Prum, das sexuelle Vergnügen. Eine der Hauptanstrengungen der Evolutionsbiologie bestand darin, Schönheit und sexuelles Begehren als bloße Transportmittel, statt als wirkmächtige Faktoren zu betrachten. Sich Tiere vorzustellen als ästhetische Akteure mit eigenen subjektiven Vorlieben, wurde als anthropomorphes Missverständnis betrachtet.

Prum sieht das als verhängnisvolle Fehlentwicklung. In der Evolution geht es um die Anpassung an die Verhältnisse und um ihre Ausgestaltung. Von Anfang an und immer um beides. Das ist keine menschliche Zutat. Das ist die Freiheit des Lebens. Wer Prum liest, blickt belustigt auf die philosophischen Debatten über die menschliche Freiheit, über die Freiheit eines Christenmenschen gar. Es sind Primanerdebatten, Auseinandersetzungen von Gernegroßen, die nicht verstanden haben in welch provinziellen Winkeln der Welt sie sich bewegen. Die Freiheit ist älter als das Menschengeschlecht und auch, dass sie einem entgleitet, ist älter als wir.

Angebot und Nachfrage bestimmen freilich auch hier den Preis. Wenn Weibchen Männchen bevorzugen, die ihnen Blicke zuwerfen wie Rodolfo Valentino, dann werden sich die Rodolfo Valentinos in einer bestimmten Population durchsetzen. Die Konkurrenz unter ihnen wird von Generation zu Generation stärker. Die Tom Cruises, Johnny Depps und Brad Pitts haben das Nachsehen, warten auf ihre Chance, nehmen sie sich gewaltsam oder gehen auch leer aus. Gar nicht zu denken an Danny de Vito. Vielleicht nicht in Ewigkeit.

Das war übrigens einer der Einwände gegen Darwins Theorie von der „geschlechtlichen Zuchtwahl“. Unmöglich könne sich die Evolution auf etwas so Labiles wie weibliche „Capricen“ stützen. Prum hält dagegen: dass Frauen die freie Wahl haben, hat erst den ganzen Reichtum, die Vielfalt der lebendigen Welt hervorgebracht. Was wir heute sehen, sind die Überlebenden der Gefallsucht von Hunderten von Millionen Jahren. Was morgen sein wird, wissen wir nicht. Die Launen der Evolution sind unvorhersehbar.

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