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Elfer-Rat

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Von: Lisa Berins, Sylvia Staude, Michael Hesse, Judith von Sternburg

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So wie diesem Gastronom geht es vielen Menschen dieses Jahr. Wir bieten die Alternativbeschäftigung.
So wie diesem Gastronom geht es vielen Menschen dieses Jahr. Wir bieten die Alternativbeschäftigung. © Marijan Murat/dpa

Wenn der Ball nicht rund ist: Man kann sich in den nächsten vier Wochen auch etwas anderes vornehmen. Hier elf konstruktive Vorschläge.

Komödie - Heute in Katar

Katar spielt in der deutschsprachigen Literatur keine ausgeprägte Rolle, ein schönes und lohnendes Beispiel ist aber Theresia Walsers Theaterkomödie „Morgen in Katar“ (rororo, 20 Euro), die in einem Zug spielt. Der Zug scheint sich in Deutschland zu befinden, dafür spricht auch, dass er mit Schwung auf der freien Strecke stehenbleibt. O nein, etwas Schlimmes ist passiert. Trotzdem bleibt es eine Komödie. Angeblich steckt man vor Karlsruhe, aber irgendwann – Zugreisende kennen dieses Gefühl – ist alles so abstrakt, dass die nächste Station auch Katar sein könnte. Die Uraufführung war schon 2008 in Kassel, da war Katar für die meisten noch ein ferner, unbekannter Ort, der sich mit den übrigen Ka-Städten ganz ulkig machte. Lustig wird es auch im Zug, wo sich die kleine Gesellschaft allmählich einen antrinkt mit Schnäpschen und Sekt. Kann also doch nicht Katar sein. (Judith von Sternburg)

Kriminalroman - Ball & Geld

Maden zählen? Serienmörder jagen? Botschaften entschlüsseln, die „Das Böse“ hinterlassen hat? Showdowns bestehen, in denen die Kugeln nur so um die Ohren pfeifen? Kombinieren, bis der Kopf dampft? Kann alles zur Not ablenken vom Fußball-Frust. Alternative: ein ebenso spannendes, aber auch beunruhigend klares Bild von der Gesellschaft unserer Zeit erhalten, ohne dass man dafür ein Wort zuviel lesen muss. Denn Dominique Manotti setzt ihre Worte mit Bedacht, wenn sie von der Gemeinheit und Großzügigkeit der Menschen erzählt, sei es in der Politik, der Finanzwelt, dem Fußball. Zu ihrem Oeuvre gehört, kühl wie kein Spielerkopf, ein Fußball-Krimi: In „Abpfiff“ (Ariadne, 14 Euro) geht es um einen mächtigen, korrupten Vereinschef – der Ball ist rund, aber das Geld ist runder. (Sylvia Staude)

TV-Serie - Fesselndes Chelsea

Die Briten können Fußball. Aber noch besser können sie TV-Krimi-Serien. Wir nennen nur das unvergessliche „Life on Mars“ und „Der junge Inspektor Morse“. „The Chelsea Detective“ ist aber auch nicht zu verachten – und braucht nicht lang (Staffel 1, Folge 3, „The Gentle Giant“/„Spiel auf Leben und Tod“, in der ZDF-Mediathek), um sich so spannend wie stimmungsvoll mit dem Leben rund um den berühmten FC Chelsea zu beschäftigen. Mit den Fußball-Fanatikern, ihren eher mäßig interessierten Frauen (es gibt Ausnahmen), mit denjenigen, die zu allen Spielen ihres Clubs fahren – und manchmal gewalttätig werden aus Wut übers Verlieren. Da dies ein Krimi ist, geht es notgedrungen auch um diese Gewalt. Jedoch auch um diejenigen, deren Herz friedlich an diesem Sport hängt. (Sylvia Staude)

Manifest - Wegglitchen

Die weitest mögliche geistige Entfernung von ballspielenden Männern in der analogen Welt ist weibliches Denken im virtuellen Raum. 90 Minuten Zeit für Cyberfeminismus. Das Büchlein „Glitch Feminismus“ (Merve, 16 Euro) der US-amerikanischen Kuratorin und Kunsttheoretikerin Legacy Russell hilft beim Einstieg in die Sphären der Genderhacker:innen der experimentellen Gegenwartskunst. Malten sich die Vordenkerinnen des Cyberfeminismus wie Donna Haraway und die Philosophin Sadie Plant das Internet noch als Chance für die Erschaffung einer Welt jenseits der patriarchalen Offline-Normativität aus, geht es jetzt um einen performativen, genderflexiblen Zwischenzustand: „Dieses Buch ist für all jene, die auf dem Weg dahin sind, zu ihren Avataren zu werden...“ Fröhliches Glitchen! (Lisa Berins)

Meditations-App - „Om“

Wer sich in ein tiefes „Om“ versenken möchte, dem sei die Meditations-App „7Mind“ ans Herz gelegt. Gewiss, es gibt auch andere Angebote der fernöstlichen Atem- und Meditationskunst. Diese sei hier genannt, da der Mastermind hinter dem Angebot kein anderer als der frühere deutsche PR-Papst Paul Kothes ist. Kothes hatte sich im Zuge einer schweren Erkrankung dem Zen-Buddhismus zugewandt und das Ein- und Ausatmen zur Perfektion getrieben - freilich mit der Hilfe eifriger Mönche, die ihn mit Stockhieben in dem Ansinnen unterstützten. Doch keine Sorge. Die App ist frei von solcherlei strapaziösen Prozeduren. Hier erwarten die Meditierenden angenehme Stimmen und kluge Weisheiten, um für sieben Minuten im Einklang mit Welt und Ich zu stehen. (Michael Hesse)

TV-Dokumentation - Wegschauen

Die niedrigschwelligste Alternative zur Fußball-WM: umschalten! Am besten in die Arte-Mediathek, dort die Dokumentation „Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs“ anklicken, durchatmen, sich auf eine schlaflose Nacht einstellen und dann: den Kampf der quirligen iranischen Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad verfolgen, die sich gegen die Grausamkeit des Regimes und die Unterdrückung von Frauen wehrt - Alinejad ist zum Sprachrohr geworden, mittlerweile mit über sechs Millionen Followern. Sie lebt im Exil in den USA, nimmt Angst, Bedrohung und die Trennung von ihrer Familie in Kauf. Doch sicher ist sie auch in New York nicht... Ein aufrüttelnder, erschütternder und zugleich tief berührender Dokumentarfilm, der das Wegschauen in diesem Fall unmöglich macht. (Lisa Berins)

Roman - Lust aufs Denken

Es ist die richtige Zeit, sich den geistigen und geistvollen Dingen zuzuwenden. Doch der Stress im Alltag lässt oftmals nicht die Ruhe zu, die man für die geschärfte Überlegung und die Versenkung in die Gedankenwelt anderer braucht. Drum sei hier Thomas Bernhards Roman „Holzfällen“ (Suhrkamp Taschenbuch, 10 Euro) empfohlen. Darin findet sich nicht allein das virtuose Sprachwerk Bernhards mit den kraftvollen und sich verstärkenden Wiederholungen, sondern auch eine Szene, in welcher der Erzähler von seinen Spaziergängen auf dem Wiener Graben berichtet, was in ihm die Lust auf Literatur und Philosophie wieder erweckt habe. Buch und Spaziergang sind dazu geeignet, sich für die philosophische und literarische Welt zu öffnen. (Michael Hesse)

Oper - Tyrannei und Ballsport

Wer trotzdem oder erst recht etwas Spektakel braucht, schaut sich die Produktion des Händel-Werks „Tamerlano“ an, das die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot wiederaufnimmt. Der US-Regisseur R. B. Schlather führt uns durch Gänge wie durch Katakomben und wie zu einem Spielfeld hin. Die Geschichte des Titeltyrannen entwickelt sich dort spritzig, aber ohne Zierrat aus einer grandiosen Spielführung heraus. Der Fußballkommentator würde sagen: humorlos, die Theaterkritikerin würde sagen: gewitzt. Und beide meinen dasselbe, lustig eigentlich. Und der Ballsportler ist dann zwar ein zarter Baseballer, aber man kann diesen großen Abend unbedingt sportlich nennen. Die Wiederaufnahme ist am 1. Dezember (Karten und Termine unter www.oper-frankfurt.de), das trifft sich ja gut. (Judith von Sternburg)

Sachbuch - Sevilla

Gewiss, das scheint überraschend zu sein, hier mit einem Sachbuch über Fußball anzurücken. Aber es ist kein gewöhnliches Buch, sondern ein außergewöhnlich gutes. Es geht um „Die Nacht von Sevilla ’82“ (Verlag Eriks Buchregal, 24,90 Euro). Dort trafen Frankreich und Deutschland aufeinander, Platini und Breitner, Förster und Giresse, und ja: Schumacher und Battiston. Es kam zum Äußersten, dem üblen Foul des Torwarts an dem heranstürmenden Franzosen, was nicht allein zu schlimmen Zerwürfnissen zwischen den Teams, sondern beinahe zur internationalen Krise führte. Das Spiel selbst war grandios, Deutschland gewann im Elfmeterschießen. Ein Drama bis zum Ende. Der Autor Stephan Klemm hat es meisterhaft vorgetragen. (Michael Hesse)

Noch ein Roman - Der Profi

Denn andererseits interessieren sich die meisten vernünftigen Menschen letztlich eh doch für Fußball und lesen spätestens jetzt an ihren freien Abenden Tonio Schachingers Roman „Nicht wie ihr“ (rororo, 12 Euro). Das ist eine sehr österreichische Geschichte um einen sehr guten Fußballer aus Ex-Jugoslawien, für die der selbst noch junge Schachinger vorab in Ruhe Fußball und Spieler-Interviews geschaut hat. Wir blenden kurz rein. „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten! Jedes Kind, jeder blade Fan liebt den Fußball mehr als die Spieler, weil sie nicht wissen, wie dreckig es wirklich zugeht, wie dumm alles ist, wie viel Arbeit hinter allem steckt.“ Tja. „Nicht wie ihr“ ist auch witzig und niveauvoll. (Judith von Sternburg)

Tanz - Schwindelerregend schräg

Schlagzeuger von Rockbands sind fitter als Fußballer, so eine britische Studie. Sie müssen auf Tourneen öfter und länger ran als Fußballer selbst bei einer WM. Die Fittesten der Fitten, dabei noch schön anzusehen aber sind Profitänzerinnen und -tänzer. Fußballer holzen. Tänzerinnen drehen Pirouetten – auf einer Spitze, die wenig größer ist als ein Stollen am Fußballschuh – und lächeln dabei. Fußballer rotzen. Tänzer heben ihre Partnerin in den Bühnenhimmel. Und das einzige, was daran nicht cool ist, sind die Strumpfhosen. Aber die trägt das Ensemble des Hessischen Staatsballetts nicht, wenn es „V/ertigo“ (derzeit im Staatstheater Wiesbaden, Karten und Termine unter www.staatstheater-wiesbaden.de) tanzt, auf so steiler Schräge, dass seine Artistik jedes WM-Spiel mit geschätzt 8 : 0 schlägt. (Sylvia Staude)

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