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Eine Fritz-Bauer-Straße für Kopenhagen – „Lebenswerk im Zeichen von Humanität“

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Von: Thomas Borchert

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Fritz Bauer, 1967.
Fritz Bauer, 1967. © © epd-bild / KEYSTONE / Klaus-J

Dänische Jahre eines NS-Gegners: Kopenhagen macht den Weg für eine „Fritz-Bauer-Straße“ frei

Fritz Bauer, Initiator des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963, kann demnächst auch in seiner Exilstadt Kopenhagen mit einer Straße oder einem Platz nach seinem Namen geehrt werden. Der zuständige Ausschuss im Rat von Dänemarks Hauptstadt hat positiv auf einen entsprechenden Vorschlag reagiert, wie die dänisch-deutschen Initiatoren mitteilen. Im Bescheid an die drei heißt es: „Der Ausschuss befürwortet den Vorschlag und hat den Namen in der ‚Namensbank‘ reserviert, so dass er zur Anwendung kommen kann für den Fall, dass ein geeigneter Ort zur Verfügung steht.“

Bauer (1903-1968) war 1936 als Sozialdemokrat aus einer jüdischen Familie vor der Nazi-Verfolgung nach Kopenhagen geflüchtet. Er blieb in Skandinavien bis zur Rückkehr nach Deutschland 1949. Für seinen bahnbrechenden Einsatz zur juristischen Verfolgung von Holocaust-Verbrechen wird er in vielen deutschen Städten durch Benennung von Straßen, Plätzen, Schulen und in Frankfurt auch durch das Fritz-Bauer-Institut geehrt.

Den Auschwitz-Prozess hatte Bauer von Frankfurt aus als hessischer Generalstaatsanwalt gegen den machtvollen Widerstand aus den mit Alt-Nazis durchsetzten Justizapparat vorbereitet. Er beschaffte zugleich auch die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann in seinem argentinischen Versteck durch den israelischen Geheimdienst Mossad. Eichmann wurde 1961 in Jerusalem zum Tode verurteilt und danach hingerichtet.

Den Vorschlag zu einer Ehrung per Straßennamen in Kopenhagen haben die Initiatoren damit begründet, dass „sein Lebenswerk im Zeichen von Humanität und universellen Menschenrechten (…) nicht zuletzt durch die über zehn Jahre in Dänemark inspiriert worden sei“. Bauer war auch in Kopenhagen als Sozialdemokrat aktiv. Er konnte 1940 seine Eltern kurz vor der bevorstehenden Deportation nach Kopenhagen retten und arbeitete nach Kriegsende an der „Entradikalisierung“ von 250 000 in Dänemark gestrandeten deutschen Flüchtlingen mit. In der ausführlichen Begründung des Vorschlags an den Kopenhagener Stadtrat (abgedruckt in der Frankfurter Rundschau vom 16. Juli) hieß es dazu: „Dies darf auch verstanden werden als Anerkennung für andere Flüchtlinge aus allen erdenklichen Ländern der Welt, die unter schweren Bedingungen Außerordentliches vollbracht haben und weiter vollbringen.“

Großer Unterstützerkreis

Mit ihrem Namen unterstützt haben die Initiative unter anderem die früheren dänischen Außenminister Mogens Lykketoft, Per Stig Møller und Uffe Ellemann-Jensen, der im Juni verstorben ist. Zum deutschen Unterstützerkreis gehören der Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, und Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Institutes.

Dänemarks größte Zeitung „Politiken“ hat den Aufruf im Sommer veröffentlicht. Anfang 2024 erscheint auf Dänisch, Deutsch und Englisch eine neue Bauer-Biografie des britischen Autors Jack Fairweather. Das Jüdische Museum in Kopenhagen und das neue Flüchtlings-Museum „FLUGT“ in Varde (Jütland) bereiten eine Wanderausstellung über Bauers Jahre in Dänemark (sowie 1943-45 in Schweden) vor. Sie soll auch in Stockholm und New York gezeigt werden.

Die Initiatoren Finn Rowold, Michael Kuttner und Thomas Borchert (Autor dieses Artikels) nennen die positive Reaktion des Stadtrates „einen wichtigen Schritt.“ Da die „Namensbank“ für neue Kopenhagener Straßennamen sehr umfangreich sei, gebe es aber noch keine Garantie für eine „Fritz-Bauer-Gade“ in der dänischen Hauptstadt. Es gehe nun weiter darum, Wissen um den bisher in seinem Exilland weitgehend unbekannten Vorkämpfer für Menschenrechte zu verbreiten. Kuttners und Finn Rowolds Väter waren wie Bauer als Flüchtlinge vor den Nazis in den 30er Jahren nach Dänemark gekommen.

Der Autor ist Skandinavien-Korrespondent der Frankfurter Rundschau.

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