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„Eine Bühne für Antisemitismus“

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Von: Lisa Berins

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Die Arbeit „Tokyo Reels Film Festival“ von Subversive Film sollte auf Empfehlung des Expertengremiums gestoppt werden.
Die Arbeit „Tokyo Reels Film Festival“ von Subversive Film sollte auf Empfehlung des Expertengremiums gestoppt werden. © IMAGO/Hartenfelser

Documenta fifteen offenbart laut Amadeu-Antonio-Stiftung miserablen Umgang mit Judenhass.

Die documenta fifteen hat nach Einschätzung der Amadeu-Antonio-Stiftung gezeigt, wie schlecht die deutsche Gesellschaft mit Antisemitismus umgeht. „Wir waren nicht überrascht, aber schockiert“, fasst es Tahera Ameer, Vorstandsmitglied der Amadeu-Antonio-Stiftung, am Donnerstag bei der Vorstellung ihres zehnten „Lagebilds Antisemitismus“ zusammen. Judenhass sei grundsätzlich sichtbarer und brutaler geworden, und besonders „israelbezogenem Antisemitismus wurde öffentlichkeitswirksam eine Bühne bereitet“.

Von einer „traurigen Bilanz“ sprach auch Nikolas Lelle, der bei der Stiftung die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus leitet. „Was an offenem Judenhass gezeigt wurde und konsequenzlos blieb, das war ein doppelter Dammbruch.“ Die Reaktionen hätten sich „irgendwo zwischen Abwehr, Einfallslosigkeit und Überforderung“ eingependelt.

Im Lagebild spielt die Kunstausstellung eine zentrale, aber nicht die einzige Rolle. Lelle fasste fünf Kernbeobachtungen zusammen. Abgesehen davon, dass antisemitische Verschwörungsideologien grundsätzlich nach wie vor in gesellschaftliche Debatten „eingespeist“ würden, sei besonders auf der Documenta deutlich geworden, wie versucht worden sei, Israel- und Judenhass auseinanderzudividieren. „Das ist falsch, und es ist fatal“, betonte Lelle. Diese Trennung habe vor allem dazu gedient, die Antisemtismusvorwürfe pauschal abzuwehren.

Kleingeredet und ignoriert

Bedenken und Einwürfe der jüdischen Community seien – wie auch in der Debatte um die „Judensau“ in Wittenberg – auf der Documenta weitgehend ohne Konsequenzen geblieben; sie seien kleingeredet und nicht ernst genommen worden, und das „trotz aller Warnungen“ und „bis zum Schluss der Ausstellung“. Um die Bilderserie „Guernica Gaza“ des Kollektivs Question of Funding oder um die Filme, die das Kollektiv Subversive Films zeigte, habe es lediglich kurze Debatten gegeben, und nur der „offene, brutal ausgesprochene Judenhass“ habe Folgen nach sich gezogen. Gegen Ende der Ausstellung sei zudem noch dem Expertengremium seine Expertise abgesprochen worden.

Ein weiterer Kernpunkt des Lagebildes bezieht sich auf die Erinnerungskultur, die nach Ansicht Lelles angegriffen werde: Mit der Aussage, der deutsche Blick sei „vernebelt“ und sehe Antisemitismus, wo keiner sei, werde die Legitimität der Vorwürfe infrage gestellt. In den vergangenen Monaten sei dem Antisemitismus tatsächlich aber vermehrt eine Bühne geboten worden – nicht nur auf der Documenta –, und er verbreite sich mittlerweile stärker in progressiven Kreisen. Als Beispiel nannte Lelle unter anderem das Berliner Pop-Kultur-Festival. Dort hatten Künstlerinnen und Künstler ihre Teilnahme abgesagt, nachdem die BDS-Bewegung intervenierte, wie es im Lagebild heißt.

Einen sich zuspitzenden gesellschaftlichen, politischen und medialen Umgang mit Antisemitismus sah Marina Chernivsky, die auch am Gespräch zur Vorstellung des Lagebildes teilnahm. Die Gründerin der Fachberatungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung Ofek ist zugleich Mitglied der Expertenkommission, die zur Aufarbeitung der Antisemitismusvorwürfe auf der Documenta eingesetzt wurde. Über die Arbeit des Gremiums könne sie noch nichts sagen, stattdessen plädierte sie allgemein für eine „intensive“ Beschäftigung mit dem Thema Antisemitismus.

Zumindest kleine Lernerfolge sah Nikolas Lelle dann noch. Seit dem Beginn der Corona-Krise sei vermehrt über Verschwörungserzählungen und Feindbilder aufgeklärt worden. Und dass es durch die Documenta eine gesellschaftspolitische Debatte gebe, nähre „vielleicht auch die Hoffnung darauf, dass man etwas bewegen kann. Dass es Sinn macht, sich damit zu beschäftigen und zu vermitteln. Damit es zukünftig eben nicht konsequenzlos bleibt.“

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