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Anton von Werners Darstellung der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Schloss Versailles.
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Anton von Werners Darstellung der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Schloss Versailles.

Reichsgründung 1871

Ein strapaziöses Erbe

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Reichsgründung vor 150 Jahren ist nur zu verstehen, wenn man sie in ihrer Komplexität begreift. Sie hat unübersehbare Folgen bis heute.

Auch diese Geschichte muss nicht fortbestehen, um brisant zu bleiben. Aufschlussreich ist sie unbedingt. Was durch die Proklamation des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 in Versailles geschah, hat sich überlebt. Lebendig jedoch wird das, was durch die Gründung des preußisch-deutschen Nationalstaats ehemals Gegenwart war, durch das Interesse an unserer eigenen Gegenwart.

Hat doch die Reichsgründung die Probleme nationaler Identität auf die Tagesordnung gesetzt. Sie tat es in Deutschland wie kein anderes Ereignis des 19. Jahrhunderts – sie hinterließ eine Hypothek. Denn auch für nachfolgende Generationen stand die Frage des deutschen Selbstverständnisses auf der Agenda, zumeist aggressiv. Hier als Erfolgsgeschichte gefeiert, dort als Unheilsgeschichte verflucht.

Eine anhaltende Polarisierung, die zurückgeht auf ein polarisierendes Politikverständnis, ein von Otto von Bismarck verfolgtes Freund-Feind-Schema – nicht von ungefähr aufgegriffen von Rechtspopulisten heute, die Bismarcks „Revolution von oben“ wiederaufleben lassen wollen, mit ihr keine demokratisch regierte Republik, sondern einen drakonisch durchexerzierten Nationalismus. Bismarck stellte eine Einheit her, die im Zeichen der Feindschaft stand, nach innen gegen Reichsfeinde, nach außen gegen den „Erbfeind“ Frankreich.

Was aus preußischer Perspektive stets als politische Großtat und nationale Glanztat beschrieben wurde, kam bereits bei Zeitgenossen, bei unabhängigen Köpfen ganz anders an, als Gewaltakt. Über dieses materielle Erbe ist zumeist intensiver nachgedacht worden als über das mentale, darunter die Vehemenz der Worte. Eine unduldsame Ausdrucksweise, eine Unabdingbarkeit der Sprache, die nicht nur auf Verurteilung gerichtet war, sondern auf moralische Disqualifikation. Der Gegner galt nicht nur als Feind, er wurde als widerliches Wesen geschmäht, als ekelhaftes Etwas zum Nichts erklärt. Heute anders?

Abgesehen davon, dass im neuen Nationalstaat ein herrisches Denken in Kontrasten gepflegt wurde, ein zackiger Ton, das schmissige Schlussfolgern – zu einer politischen Kultur des Kompromisslosen gehört auch eine Theorie, die die deutsche Geschichtsschreibung jahrzehntelang dominiert hat, das Wort vom „deutschen Sonderweg“. Deutschlands Option für Autorität und Monarchie anstelle von Liberalität und Demokratie galt 1914, 1918, vor 1933 in nationalkonservativen und reaktionären Milieus als Garant der Überlegenheit über den modernen Parlamentarismus. Bismarcks Politik des immer wieder heraufbeschworenen Ausnahmezustands fand, weil die Verhältnisse in der Weimarer Republik alles andere als stabil waren, eifernde Bewunderer – schließlich den einen Nachahmer. Der 8. Mai 1945 wurde zum Tag der Befreiung vom Wahn deutscher Sonderstellung.

Thomas Manns Wort vom „unheiligen Deutschen Reich preußischer Nation“ markierte nach 45 eine Trendwende, die den langen Marsch vom Bismarckreich ins Dritte Reich in den Blick nahm. Mit der radikalen Umdeutung der Bismarck-Ära, maßgeblich durch den Historiker Fritz Fischer, wurde 1961 aus dem guten Genius Bismarck der böse Geist. Während sich die Bonner Republik noch 1965, aus Anlass seines 150. Geburtstages, mit einem Staatsakt zu Bismarck bekannte, distanzierte sich nur fünf Jahre später, 1970, der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann in Frankfurts Paulskirche von einer auf militärischer Macht gründenden Staatsräson als einer „Fehlrechnung“.

Ein Jahr später erneuerte er seine Absage an eine Verklärung der Reichsgründung – er nutzte dazu eine Fernsehansprache an die Nation. „Von Bismarck zu Hitler“ war dann seit den 1970er Jahren weit mehr als nur ein griffiger Buchtitel Sebastian Haffners.

Tatsächlich ist die Reichsgründung an ihrem heutigen 150. Jahrestag das geblieben, als was sie schon zu ihrem 100. bezeichnet wurde: eine historische Bürde. Die Geschichtsschreibung der letzten fünfzig Jahre hat sich enorm aufgefächert, um diese Bürde so vielfältig wie komplex, also in ihren Widersprüchen zu beschreiben und auch zu analysieren. Als ein Zeitalter im Zeichen einer ökonomischen Revolution, politischer Restauration und sozialer Emanzipation. Der Gründerzeitboom heizte eine irrwitzige Spekulation an – bis hin zum (globalen) Börsencrash. Unternehmer und Aktionärin, Bourgeois und Parvenü profitierten vom Kapitalismus, die Proletariermassen versanken im Elend.

Das Reich war ein ungeheures Laboratorium der Modernität, der Technik, der Industrie, der Wirtschaft und Wissenschaft. Verwirrende Neuerungen bei gleichzeitiger Einkapselung ins Beschauliche. Unruhevolle Umtriebigkeit, Drill der Körper auf den Kasernenhöfen ebenso wie die Dressur der Empfindungen in eingeschnürten Lebensverhältnissen.

Angesichts der Komplexität hat sich die eine oder andere These schlicht überlebt, darunter die griffigen Formeln von Lieschen Müller oder Dr. Reserveleutnant. Es war eine Umbruchzeit, die als „hintergründig“ beschrieben worden ist, als undeutlicher, beunruhigender Hintergrund. Was ging da vor sich? Da die Zeichen auf Vieldeutigkeit standen, war der Ruf nach Eindeutigkeit umso lauter und schneidender. Ist es heute anders?

Erfolgsgeschichte oder Unheilsgeschichte: Der Brisanz von 1871 lässt sich nicht mit generalisierenden Schlussfolgerungen und schlichten Weltbildern beikommen. Auch das gehört zur Aktualität ambivalenter Verhältnisse. Die Gegenwärtigkeit von 1871 ist – nicht zuletzt – strapaziös.

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