Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Taubenschwarm über dem zerstörten Raqqa.
+
Taubenschwarm über dem zerstörten Raqqa.

Syrien

Ein Schriftsteller über seine Heimat Syrien: Ein Stück Kuchen im Dreck

Syrien – ein permanentes Trauma: Der Satz „Der Krieg ist ja jetzt vorbei“ klingt wie Hohn in den Ohren derer, die vor Diktatur und Bürgerkrieg ins Exil geflohen sind. Wie soll man zurückkehren in ein zerstörtes Land, in dem von einem Neuaufbruch nicht die Rede sein kann? Von Nather Henafe Alali

Der Krieg ist ja jetzt vorbei…“: Man hört ihn immer öfter, diesen Satz. Kein Syrer entkommt ihm, auch ich nicht in meinem deutschen Exil, von wo aus ich weiter nach einem Weg heraus aus unserer kollektiven Tragödie suche. Jedoch bezweifele ich, dass dieser Krieg tatsächlich zu Ende ist. Dass all das, was mich und Abertausende andere aus dem Land getrieben hat, nun auf einmal Schnee von gestern sein soll.

Ich muss daran denken, was Thomas Mann 1945 in seinem Antwortbrief an Walter von Molo schrieb. An die Worte, mit denen er sich gegen dessen Aufruf wandte, er möge zurückkehren aus seinem Exil, denn er habe „ein historisches Werk zu leisten in Deutschland“, solle dem neuen Deutschland mit Rat und Tat zur Seite stehen. Jenem Land, das gerade erst den Nationalsozialismus losgeworden war und sich sogleich mit neuem Eifer der Aufgabe verschrieb, seine Exilanten in die heimatlichen Gefilde zurück zu locken, wo sie nach all den Kriegsjahren ihren verlorenen Seelenfrieden würden wiederfinden können. „Sind denn diese zwölf Jahre und ihre Ergebnisse von der Tafel zu wischen und kann man tun, als seien sie nicht gewesen?“, schreibt Thomas Mann.

Auch mir lasten die finsteren Schatten des Krieges auf der Seele. Doch es ist mehr als das: Diejenigen, die den Krieg in meinem Land entfacht haben, sind dort immer noch in Amt und Würden. Wie sollte ich da „ein Werk leisten“, das in Wirklichkeit nur den Tätern in die Hände spielen würde, die das syrische Volk unterworfen und das Land unter sich aufgeteilt haben?

Die politisch Verantwortlichen in den Ländern, in denen wir nach Ausbruch des Krieges Zuflucht gefunden haben, werden sich von solchen Überlegungen wohl kaum beirren lassen. Wir Geflüchteten haben ja schließlich gefügig zu sein, sind in deren Augen nichts als eine ökonomische und kulturelle Last, sofern wir nicht nach ihren Maßstäben zum Wohlstand ihrer Länder beitragen. Nachdem man uns als Kriegsflüchtlingen anfangs Unterstützung gewährt hat, sollen wir nun früher oder später in unser Land zurückkehren. Ob und wann, das entscheiden allein unsere Aufnahmeländer.

Denn wir sind unserer Selbstbestimmung beraubt, seitdem wir unsere Heimat verlassen haben. Auch dies nicht aus freien Stücken, sondern gezwungenermaßen. Wir waren gescheitert in unserem Kampf für ein menschenwürdiges Land – eines, das unsere Menschenwürde nicht mehr mit Füßen treten würde, wie das seit so vielen Jahren gang und gäbe war, nicht erst vor dem Hintergrund von Krieg und Flucht. Wann hatten wir im Syrien vor der Revolution 2011 jemals das Gefühl, eine Menschenwürde zu besitzen? Eine, die den Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine Familie, eine Arbeit und Erinnerungen verschafft, sondern ihnen überhaupt erst eine Bindung an ihr Land ermöglicht? Nach 2011 hat uns der Verlust der Heimat eine zusätzliche Wunde zugefügt. Wir sprechen in dem Zusammenhang von der „blutenden Erinnerung“. Die tagtägliche Sehnsucht zehrt an unseren Nerven und raubt uns den Appetit. Unser Land und unsere Erinnerungen wurden verschlungen, ohne dass wir in der Lage waren, sie zu retten.

Und so hat nun unser revolutionärer Optimismus mehr denn je zuvor einer pessimistischen Weltsicht Platz gemacht. „Und wir: Zuschauer, immer, überall, dem allen zugewandt und nie hinaus! Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst“. Nie passten diese Worte von Rainer Maria Rilke besser als auf unsere Situation. Jedes Mal, wenn wir in Syrien versuchten, uns eine neue Welt aufzubauen, ist sie über uns zusammengestürzt. Bis wir schließlich zu Geflüchteten ohne jeden politischen Handlungsspielraum wurden.

Wer allen Schwierigkeiten zum Trotz im Land blieb, tat dies aus unterschiedlichen Gründen: Da wären auf der einen Seite die überzeugten Unterstützer des Assad-Regimes, voller Stolz über die Siegeruniform, mit der die russischen und iranischen Protektoren ihre Marionette ausstaffiert hatten – fast wie damals in den 20er Jahren unter der Kolonialherrschaft des französischen Hochkommissars General Henri Gouraud. Im günstigsten Fall war diese Unterstützung nur vorgespielt, um der Verhaftung zu entgehen. Zum anderen sind da diejenigen, die in Opposition zum Assad-Regime stehen und es bisher nicht geschafft haben, das Land zu verlassen. Und so harren sie weiter aus, als klammerten sie sich an einem niedergebrannten Haus fest, in der verzweifelten Hoffnung, unter dessen Trümmern doch noch den rettenden Strohhalm zu finden. Oder sie sind unter die Besatzung der Amerikaner oder der Türken geraten, die unter dem Vorwand der Hilfeleistung und Unterstützung errichtet wurde.

Das ist aus unserem Land geworden: Ein Stück Kuchen, das im Dreck gelandet ist und an dem wir Syrerinnen und Syrer keinen Anteil mehr haben. Uns bleibt das Recht eines jeden Volkes verwehrt, seine Geschicke im Rahmen eines demokratischen Gesellschaftsvertrages in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Person:

Nather Henafe Alali, geboren 1989 in Deir Azzor in Syrien, war Student der Zahnmedizin, als er 2012 vom Assad-Regime inhaftiert wurde. Seine Familie kaufte ihn frei. Nach seiner Flucht nach Deutschland war er einige Zeit in Frankfurt, inzwischen lebt er in Göttingen. Alali hat für Hilfsorganisationen gearbeitet, war als Journalist und Essayist tätig und hat 2018 bei S. Fischer seinen Debütroman „Raum ohne Fenster“ veröffentlicht, 224 Seiten, 20 Euro.

Der Traum von politischer Souveränität ist ausgeträumt. Jene, die im Land geblieben sind, darben in den Gefängnissen oder brechen auf den Straßen von Damaskus zusammen, stets auf der Suche nach Brot, Gas, Wasser und Medikamenten. Von der Regierung haben sie keine Hilfe zu erwarten, denn nun wo der ganze Staat von Milizen kontrolliert wird, ist sie politisch wie wirtschaftlich handlungsunfähig.

Dies hat bei vielen Menschen etwas ausgelöst, was man in der Psychologie mittlerweile als „syrische Angst“ kennt. Es ist die Angst, in diesem ganzen Morast zu versinken, zu dem unser Land geworden ist. Doch auch diejenigen von uns, die außer Landes gegangen sind, haben schwer an ihrer Situation zu tragen. Das „Herzasthma des Exils“, von dem Thomas Mann schrieb, ist nun auch Teil unserer Realität. Es macht die Angst vor einer Rückkehr nach Syrien immer stärker und führt uns die Wahrheit schonungslos vor Augen: Syrien ist erledigt, es ist ein hoffnungsloser Fall. Beziehungsweise müsste ein Syrien, in das man aus freien Stücken zurückkehren könnte, erst noch erschaffen werden. Höchstens diejenigen, die inzwischen wieder in Syrien sind, hoffen noch auf eine Rückkehr – zurück ins Ausland.

Und während wir einen Kampf gegen Windmühlen führen, um in unserer neuen Heimat Tritt zu fassen, uns hier einzuleben nach all den Jahren des Schreckens, da werden wir in den Straßen Europas immer wieder mit politischen Parolen konfrontiert. „Eure Heimat braucht euch“, lautet eine. Und mit Heimat meinen sie Syrien. Als wären nicht über eine halbe Million Syrerinnen und Syrer umgebracht worden „aus Pflicht gegenüber der Heimat“. Als läge diese Heimat uns Gegnern der Diktatur nicht am Herzen. Als würden uns die Wälder Slinfahs, die Olivenbäume Afrins und die Wasser des Euphrats gar nicht mehr kümmern. Als hätten wir all das vergessen und könnten nun ruhig schlafen.

Was bildet man sich ein, uns daran zu erinnern zu müssen? Nicht in Form eines freundschaftlich gemeinten Rats, sondern im Ton politischer Herablassung, die unseren Alltag als Geflüchtete bestimmt, fast so wie früher in unserem Land. Wieder einmal werden wir uns der politischen Ohnmacht bewusst, die immer schon der Kern all unserer Probleme in Syrien war.

Thomas Mann hat es abgelehnt, nach dem Ende der Nazi-Herrschaft nach Deutschland zurückzukehren – und das, obwohl die Situation dort besser war als die im heutigen Syrien. Immerhin hatte der deutsche „Führer“ zur Freude der ganzen Welt sein verdientes Ende gefunden, brachten die Nürnberger Prozesse gegen einige der NS-Verbrecher ein Stückchen verloren gegangene Gerechtigkeit ins Bewusstsein der Menschen zurück.

Der syrische „Führer“ hingegen ist immer noch da und inszeniert derzeit schon zum zweiten Mal während des Krieges seine Wiederwahl als Präsident. Neben seinen Bildern hängen heute einträchtig die von Nasrallah, Putin und Khomeini. Im Norden und Osten Syriens flattern das Konterfei Erdogans, das Sternenbanner der USA, das Schwarz der IS-Flagge und die gelben Fahnen der Kurden in unmittelbarer Nähe zueinander, was alles nur noch schlimmer macht.

Wenn ich also höre, dass Syrien angeblich sicher sei, brauche ich nicht eine Sekunde lang zu überlegen: Nein, ich gehe nicht zurück. Denn was mich aus meinem Land getrieben hat, war nicht nur der Krieg an sich, sondern all jene, die diesen angeheizt und davon profitiert haben, so dass Syrien zu dem werden musste, was es heute ist: ein permanentes Trauma.

Aus dem Arabischen von Rafael Sánchez.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare