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Juni 2020: Black-Lives-Matter-Demonstrantin solidarisiert sich mit Autorin Hengameh Yaghoobifarah, die wegen einer Kolumne über Polizei-Rassismus („All cops are berufsunfähig“) in der Kritik stand.
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Juni 2020: Black-Lives-Matter-Demonstrantin solidarisiert sich mit Autorin Hengameh Yaghoobifarah, die wegen einer Kolumne über Polizei-Rassismus („All cops are berufsunfähig“) in der Kritik stand.

Identitätspolitik

„Ein nahezu perfekter Täter“ & „Identitäten“: Bewegung zwischen den Kampflinien

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Während der Philosoph Pascal Bruckner die Auswüchse der Identitätspolitik attackiert, versuchen sich Jan Feddersen und Philipp Gessler an der Rettung linker Ideale

Im Jahre 2018, so schildert es der französische Philosoph Pascal Bruckner in seinem soeben erschienenen Essay „Ein nahezu perfekter Täter“, reichten zwei US-amerikanische Akademiker bei der Zeitschrift „Sociology of Race and Ethnicity“ einen Aufsatz ein, der aus Versatzstücken von Hitlers „Mein Kampf“ bestand. Lediglich das Wort Jude sei darin durch das Wort Weißer ersetzt worden. Der Essay sei von der Zeitschrift zwar abgelehnt worden, habe aber das ausdrückliche Lob mehrerer Wissenschaftler erhalten, die ihn für bare Münze nahmen. Einer lobte: „Dieser Artikel hat das Potenzial, ein wichtiger und einzigartiger Beitrag für Forschungsliteratur zu werden, die sich mit den Mechanismen der Bewahrung weißer Vorherrschaft beschäftigt.“ Hitler als willkommener Ratgeber für die aktuellen identitätspolitischen Positionskämpfe?

Es wäre leicht, Bruckners Analyse, die sich in bissiger Diktion über die „Konstruktion des weißen Sündenbocks“ hermacht, als Textproduktion der Befangenheit abzutun. Ein weiterer alter weißer Mann, der nicht verwinden kann, an den Rand jener Diskurse gedrängt zu werden, die er bald ein halbes Jahrhundert lang entscheidend geprägt hat. Bruckners philosophische Fabulierlist und seine Kampferfahrung aus vielen Debatten aber lassen seinen Einwurf als herzhafte Intervention erscheinen, die mehr will als nur die wohlfeile Empörung über das Gendersternchen und die Genugtuung über die Belehrung angriffslustiger junger Menschen.

Schlagartig berühmt wurde Bruckner 1979 mit dem gemeinsam mit Alain Finkielkraut verfassten Essay über „Die neue Liebesunordnung“, in dem sie ähnlich wie Michel Foucault das populäre Schlagwort von der sexuellen Revolution zurückwiesen. Die vermeintlich befreite Sexualität, so ihre Behauptung, gebiert neue und andere Formen der Repression. Im Kontext einer forcierten und auf vielen Ebenen gesellschaftlich durchgesetzten Genderpolitik findet Bruckner seine früheren Überlegungen bestätigt und radikalisiert. Tatsächlich habe sich „die Sexualität von uns emanzipiert. (...) Wir leben in der Melancholie der postrevolutionären Zeit, in der der Liebesakt bis ins kleinste Element analysiert und letztlich als trügerisch und enttäuschend dekretiert wird.“

Bei aller intellektuellen Schärfe gegenüber den oft entnervenden Zeitgeistgefechten sind Bruckners Zuspitzungen keineswegs bloß polemischer Natur. Sicher, Menschen, die „woken“ Haltungen anhängen, brauchen starke Nerven beim Lesen. Seine soziologisch-historische Perspektive aber hätte das Zeug, einige der allzu verzettelten Debatten zu entwirren. Mit bitterer Ironie bemerkt Bruckner, dass die in den späten 60er Jahren aus Frankreich an die US-Universitäten exportierten Gedankengebilde wie Jacques Derridas Überlegungen zur sogenannten Dekonstruktion nun als hybride Reimporte nach Europa zurückkehren. „Vom Ende der Geschichte über den Kampf der Kulturen bis zur Gendertheorie – viele dieser amerikanischen Chimären haben ihren Ursprung in einem französischen Labor.“ Am Handgelenk der Geschichte werden sie meist nicht als gefälschte Zeitmesser erkannt, schließlich ist auf ihnen immer auch eine Uhrzeit abzulesen. „In dieser Zeit großer Ratlosigkeit, zerrissen zwischen einem moribunden Kommunismus und einer bedrängten Sozialdemokratie, wirkt die identitäre Logik aus der Neuen Welt wie ein Rettungsring.“

Sicher, Pascal Bruckner kann es nicht lassen, sich an den Ausgeburten der Cancel Culture zu ergötzen, wenn eifrig Mark Twains „Huckleberry Finn“ nach rassistischen Formulierungen abgesucht wird. Und natürlich buhlt er um Komplimente Gleichgesinnter, wenn er beklagt, Kultur sei nicht mehr der berauschende, überraschende, auch verstörende Zugang zur fremden Welt, sondern die Verschanzung hinter Schutzwällen. „Anstatt unsere Seelen zu vergrößern, lassen wir sie schrumpfen.“

Die Bücher:

Pascal Bruckner: Ein nahezu perfekter Täter. Die Konstruktion des weißen Sündenbocks. A. d. Franz. v. Mark Feldon. Edition Tiamat, Berlin 2021. 328 S., 26 Euro.
Jan Feddersen/Philipp Gessler: Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Ch. Links, Berlin 2021. 252 S., 18 Euro.

Neben der Genese der aus poststrukturalistischen Theoriefragmenten entwickelten Gendertheorie beschäftigt sich Bruckner mit dem Feindbild des weißen Mannes im Kontext der Bekämpfung von Rassismus und stößt dabei immer wieder auf leichtfertig in Kauf genommene theoretische Brüche. Sowohl der klassische Rassismus als auch der „antirassistische Rassismus“ der Gegenwart, so Bruckner, „erklären die Biologie zum Schicksal. Jeder bleibt Gefangener seiner Hautfarbe, seiner Herkunftskultur und seines Glaubens.“ Für Bruckner steuern die oft im akademischen Raum entstandenen Kampflinien intersektionaler Minderheiten letztlich auf eine tribalisierte Gesellschaft zu, in der sich ein Krieg aller gegen alle abzeichnet.

Nicht in dieser rhetorischen Schärfe, wohl aber mit einem ähnlich skeptischen Blick haben sich unterdessen die „taz“-Autoren Jan Feddersen und Philipp Gessler mit den grassierenden Identitätskämpfen beschäftigt, deren Herkunft sie ebenfalls in amerikanischen Universitäten verorten. Was ihr Buch zur spannenden Lektüre macht, ist indes der souveräne Blick auf die hiesigen Debatten, in der sich Zorn und Überlegenheitsgefühle nicht zuletzt an einer Schmähkolumne über die Polizei und den vermeintlichen Nazi-Hintergrund eines feministischen Buchladens in Berlin-Kreuzberg festmachten.

In der „taz“ haben Feddersen und Gessler den Streit um einen Text von Hengameh Yaghoobifarah als einen sie ganz unmittelbar in ihrem Berufsalltag berührenden Generationenkonflikt erlebt. Von der Debatte schien auch der politisch-moralische Gründungsmythos der „taz“ berührt und erschüttert. Angesichts dieser Erfahrung kann man Feddersens und Gesslers Überlegungen und Recherchen zum „Kampf der Identitäten“ als Vermittlungsangebot verstehen. Die Autoren meinen nicht bloß, sie haben sich umgehört und lassen die verschiedenen Seiten zu Wort kommen, darunter die Kulturjournalisten René Aguigah und Ijoma Mangold und Wissenschaftlerinnen wie Hedwig Richter und Susan Neiman und ihren Kollegen Harald Welzer.

Gegen die Detailversessenheit und mit heiligem Ernst betriebene Jagd nach symbolischen Triumphen im Aktivistenkarneval gelingt es Feddersen und Gessler, Überblick zu schaffen. Besonders hilfreich ist dabei ein Glossar identitätspolitischer Begriffe, das auch als Verweis auf den ausschließenden Charakter sich sprachlich verbarrikadierender Bewegungen gelesen werden kann. Selbst wer sich einigermaßen debattenfest wähnt, findet Vokabeln, die fremd und geheimnisvoll wirken und aus einer Welt stammen, in der über Able Bodiedness, Colorism und Dysphorie gesprochen wird.

Gegen die zersetzende Kraft ubiquitär ausbrechender Debatten um Worte, Farben und Sonderzeichen, die oft in Gestalt possierlicher Spielchen um Ambivalenzen mit ernstem Anliegen daherkommen, versuchen sich Feddersen und Gessler an einer Rückbesinnung auf linke Ideale und der Rettung universalistischer Prinzipien. Noch immer scheint sich nicht herumgesprochen zu haben, dass in den Bestrebungen um gruppenspezifische Selbstbehauptung allgemeine Werte wie Gleichheit und soziale Gerechtigkeit geschleift werden. „Man kann es auch so sagen: Eine Linke, die glaubt, auf den Universalismus erst einmal verzichten zu können, um partikularen Interessen besonderes, privilegiertes Gewicht zu geben, oder ihn gerade nicht nötig zu haben, wird sich auf ihn auch später nicht mehr berufen können. Sie wird ihn am Ende verraten.“

In 18 Thesen versuchen Feddersen und Gessler, politische Orientierung zu geben, wie ein sich als kulturelle Revolution verstehender Kampf für Minderheiten auf Prinzipien wie Recht, Respekt und gesellschaftliche Partizipation sich verpflichten ließe. Wir kommen nicht weiter, sagt Schriftstellerin Ronya Othmann, „wenn jeder und jede nur über seine oder ihre Identität redet“.

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