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Ein Halbzeit-Rundgang über die Documenta: Lumbung, Nongkrong und eine dunkle Wolke

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Von: Lisa Berins

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Einblick in die Methoden der Gudskul im Fridericianum. Foto: Berins
Einblick in die Methoden der Gudskul im Fridericianum. Foto: Berins © Lisa Berins

Gute Stimmung auf der documenta finfteen - nur leider löst gemeinsames Abhängen das Problem nicht.

Die Frage ist, wo die Zukunft hin ist, wenn man sie mal sucht. Zumindest einen Hauch von ihr sollte es doch geben, gerade jetzt, gerade in Kassel. Auf der documenta fifteen wird immerhin eine neue Perspektive auf die Welt erprobt: eine Emanzipation von ausbeuterischen, kapitalistischen Strukturen des (Kunst-)Marktes, von einer eurozentristischen Sichtweise, von einem kompetitiven Gegeneinander. Als Gegenmodell will die Documenta das Teilen setzen, das Miteinander; Lumbung wird das genannt. Eigentlich, klingt es euphorisch in Gesprächen von Beteiligten, sei die Ausstellung keine documenta fifteen, sondern die „Lumbung one“. Ein Prinzip, das die (Kunst-)Welt erobern könnte, – in dem aber leider auch das Verhängnis begründet liegt.

Zur Halbzeit ist die Stimmung auf der Documenta positiv-gelassen. Die Kollektive haben die bisherige Zeit genutzt, um ihr „Ecosistem“ zu knüpfen, ein Netzwerk, dessen Grundlage nicht Geschäftsinteressen, sondern Freundschaften sind. „Make friends not art“ heißt das Motto. Die beste Methode, um Freunde zu machen, ist das Nongkrong, das „gemeinsame Abhängen“ an einem der Venues, vor allem im Hinterhof des Fridericianums.

Dort wehen bunte Wimpelketten über Biertischgarnituren, in einer Gemeinschafts-Outdoorküche wird Kaffee gekocht, ein paar Leute arbeiten an Laptops, andere rauchen. Für einige Künstlerinnen und Künstler ist es ihr temporäres Wohnzimmer. Sie übernachten in Hochbetten in einem Schlafsaal direkt hinter dem Ausstellungsraum im Fridericianum, sie leben, arbeiten, kochen, feiern zusammen – auch das gehört zur kollektiven Art, Kunst zu machen, wie sie in der Gudskul gelernt wird. Die Gudskul – sie ist das Herzstück von Lumbung; eine alternative Kunstschule, die 2018 von den indonesischen Kollektiven Ruangrupa, Serrum und Grafis Huru Hara in Jakarta gegründet wurde. Für die Laufzeit der documenta fifteen wurde das Gudskul-Studium extra nach Kassel verlegt.

Kevin, ein junger Indonesier, zieht an einer Selbstgedrehten. Eigentlich ist er gerade in die Korrespondenz mit der Gudskul in Jakarta vertieft. Doch er nimmt sich Zeit für ein ausführliches Gespräch. Er arbeitet mit an der Organisation des Studiums, wie er erzählt. Es gebe keine klassischen Vorlesungen, keinen Produktionsdruck: Das Curriculum besteht aus informellen Gesprächen, in denen alle ihre Ressourcen einbringen und voneinander lernen.

Einen Einblick in die Methoden der Gudskul soll der „Gudspace“ im Erdgeschoss des Fridericianums geben: Nongkrong-Sitzecken sind dort aufgebaut, überdimensionierte Mindmaps installiert, Mitschnitte von „Majelis“, den Versammlungen, werden abgespielt, und zur Mutterschule nach Jakarta wird live gestreamt. Mitten im Raum stellt der Documenta-Gudskul-Jahrgang „Batch #5“ aus, der mittlerweile selbst ein Kollektiv gegründet hat; das „Lumbung Love Collective“.

Besonders üppig ist das Resultat von Lumbung Love noch nicht. Ein paar Holzkästen sind aufeinandermontiert, die einen Raum im Raum bilden und in denen Relikte und Artefakte aus der gemeinsam verbrachten Zeit arrangiert sind. Das Miteinander-Zeit-Verbringen wird als Wert an sich zelebriert. Auf einem Bildschirm laufen Filmschnipsel, die das Leben der Gemeinschaft dokumentieren. Ein Tontopf mit halbverbrannten Pflanzen und Asche steht auch dort; er ist ein Überbleibsel einer Reinigungszeremonie, bei der die gute Atmosphäre unter den Kollektiven, den Künstlerinnen und Künstlern gewahrt und die schlechten Schwingungen abgewehrt werden sollten, die von außen auf die Ausstellung einwirken. Die Berichterstattung über Antisemitismus, die Schlagzeilen in den deutschen Medien, die Forderungen von jüdischen Gemeinschaften und der Politik wurden von den Kollektiven auf der Documenta als Anfeindungen gegenüber ihrer Herkunft und ihrer künstlerischen Praxis gedeutet.

Darin zeigt sich das eigentliche Dilemma dieser Ausstellung: dass nämlich etwas ungeklärt und unbesprochen im Raum steht, wobei doch sonst über alles gesprochen wird. Noch immer wird die Debatte über Antisemitismus aber auf einer anderen Ebene geführt, von dort schwebt sie als vermeintliche Bedrohung über dem eigentlich so positiven Setting. Gesorgt hat dafür einiges: Statt öffentlicher Diskussionen vor Ort wurden Entschuldigungen gereicht, neuerdings als antisemitisch gedeutete Motive auch noch als „Fehlinterpretation“ bezeichnet – was den destruktiven Verlauf der Debatte nur weitertreibt. Warum wird in dem weltoffenen, herzlichen Klima der documenta fifteen denn nicht auch darüber gesprochen? Ist die Debatte über Antisemitismus nicht Lumbung-kompatibel? Was sagt das über die tatsächliche Zukunftsfähigkeit des Konzepts aus?

Das defensive, introvertierte Verhalten von Ruangrupa ist rätselhaft, und es wirkt, als wolle das Kollektiv den Diskurs um Antisemitismus als Unterbrechung der kuratorischen Praxis ausblenden. Im Handbuch zur Documenta schreiben Ruangrupa: „Wir erwiderten unsererseits die Einladung gegenüber der documenta und baten sie, Teil unserer Reise zu werden.“ Es geht um das Setzen eigener Themen, um (künstlerische) Selbstbestimmung. Auch die eingeladenen Kollektive sollten weiterhin ihre eigenen Wege gehen und „ihre auf Langfristigkeit angelegte Arbeit nicht unterbrechen müssen, nur um Teil eines großen Kunstevents wie der documenta zu sein“. Der autonome Work-in-progress-Charakter macht die Ausstellung interessant - aber leider erweist sie sich als System in einem größeren System auch als recht unflexibel.

Das Ungeklärte fordert bei einem Besuch der Documenta heraus: Es ist immer da, als leise Skepsis beim Einschätzen von Projekten und Exponaten. Es könnte ja eine versteckte Hassbotschaft dahinterstecken ... Wobei das bei den meisten Projekten - wahrscheinlich - unbegründet ist. Ungeachtet dessen ist das Kunstpublikum vor allem kontaktfreudig, aufgeschlossen und versucht, sich in Workshops, Talks, beim Nongkrong und anderen Veranstaltungen einen Einblick zu verschaffen.

Bei einem Workshop von Agence Future, einem belgischen Kunstprojekt, das seit 20 Jahren nach Bildern der Zukunft sucht, hängen zehn Leute auf zerknautschten Ledersofas herum. Eine Teilnehmerin war hinausgeschickt worden, um ein Bild der Zukunft filmisch einzufangen. Dann wird in einer Diskussionsrunde ein Mikrofon herumgereicht.

Agence Future wurde vom Centre d’art Waza nach Kassel eingeladen. Das Kollektiv kommt aus der Demokratischen Republik Kongo und arbeitet auf der Documenta unter anderem an einer alternativen Form des Kuratierens von Ausstellungen, weg von einer eurozentristischen, „extraktiven“ Form, wie es genannt wird, hin zu einem eigenbestimmten Agendasetting. In der Talkrunde will Centre d’art Waza über die Zukunft künstlerischer Praktiken sprechen und herausfinden, wie es die Lumbung-Praxis mit nach Hause nehmen und dort weiterentwickeln kann.

Es wird zugehört, ausgesprochen, sich Zeit genommen. Dass die Unterhaltung eigentlich eine Reflexion der bisherigen Prozesse auf der Documenta statt eines Blicks in die Zukunft ist, wird ebenfalls reflektiert: „Harvest“ (Ernte) nennt Ruangrupa diese Methode; das Gelernte aufsammeln und dokumentieren.

Die Teilnehmerin, die hinausgeschickt wurde, um ihre Vision der Zukunft einzufangen, ist übrigens nicht mit einem Video-Take von einem Documenta-Werk zurückgekehrt, sondern hat ein trist-graues Parkdeck gefilmt.

Es gibt eben viele Visionen der Zukunft. Die documenta fifteen ist eine davon, nur eine mögliche, durchaus inspirierende. Keine perfekte allerdings, bei weitem nicht.

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