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Tiere brauchen Rechte. Bestes Beispiel sind Schweine in zu engen Ställen.

Unter Tieren

Ein guter Monat, um etwas über Tierrechte zu lesen

  • vonHilal Sezgin
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„Unter Tieren“: In der Oktoberausgabe von Hilal Sezgins Kolumne herrscht Buchmessezeit, trotz allem.

Der Oktober ist Buchmessenzeit, da soll Corona machen, was es will. Und ich, die früher die Sachbuchredaktion der FR betreute, muss zurückdenken an die frühen 2000er Jahre: Damals widmeten sich soziologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Bücher kaum je den Tieren und unserem Verhältnis zu ihnen. Heute hingegen sind diese Themen in Politik und Kultur allgegenwärtig, und Bücher zu Tieren ebenso vielfältig wie unsere Einstellung zu ihnen.

Da wäre zum Beispiel „Revolution im Stall“ zu nennen, die kürzlich mit dem zweiten Preis des Deutschen Studienpreises 2020 prämierte Dissertation der Bremer Historikerin Veronika Settele. Unfassbare Mengen an Materialien auswertend, zeichnet Settele die Entwicklung der industriellen Tierhaltung in den beiden deutschen Staaten zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wende nach. Auf nahezu jeder Seite wird spürbar, wie die Lebendigkeit der Tiere, die ja Voraussetzung dieser landwirtschaftlichen Produktivität ist, sowohl deren Rhythmen bestimmt, als auch immer wieder als Störfaktor bei der Produktion dazwischenfunkt, als auch ansatzweise gebändigt, bezwungen, eingetaktet wird. Kam es gelegentlich zum völligen Crash – passten also die Lebenszyklen überhaupt nicht zum Rhythmus der Produktion _– wurde breitflächig getötet (ohne die Körper wie vorgesehen zu verwerten).

Doch obwohl das Buch das Wort „Revolution“ im Titel trägt, enthält es sich jeder politischen Bewertung. Andernorts beurteilt die Autorin die Entscheidung gegen das Tiere-Essen mit leicht despektierlichem Zungenschlag als „für postmoderne Individuen auf moralischer Sinnsuche hochattraktiv“.

Ganz anders der Berliner Philosoph Bernd Ladwig, dessen Buch (in der Reihe Suhrkamp Wissenschaft Taschenbuch) den nüchternen Titel „Politische Philosophie der Tierrechte“ trägt, das aber durchaus als Baustein einer Revolution für eben diese Tierrechte anzusehen ist. Seit rund 30 Jahren hat kein deutschsprachiger Hochschullehrer, keine deutschsprachige Hochschullehrerin mehr ein Plädoyer für mehr Tierethik vorgelegt, anders als im angelsächsischen Raum, wo die Debatte seit langem floriert. Sue Donaldson und Will Kymlicka aus Kanada hatten 2011 mit ihrem vielbeachteten „Zoopolis“ (auf Deutsch bei Suhrkamp) gar eine demokratische Vertretung von Tieren gefordert.

Ladwig arbeitet nun das ganze Fundament der Tierethik noch einmal sorgfältig durch, ist in den politischen Konsequenzen zwar minimal gemäßigter als „Zoopolis“, macht durch diese beiden Schritte Widerspruch aber nahezu unmöglich. Anders gesagt: Für jemanden, der bereits für Tierrechte argumentiert, ist die Lektüre vielleicht optional. Alle anderen aber, die Tierrechte und deren politische Vertretung anzweifeln, kommen an Ladwigs Buch künftig schlicht nicht vorbei.

Zum Schluss sei ein drittes in diesem Jahr erschienenes Buch kurz vorgestellt: Edward Posnetts „Die Kunst der Ernte“ (Hanser), das stellvertretend für den seit Jahren zu beobachtenden Trend zum Nature Writing stehen mag. Um reines Naturerleben handelt es sich freilich nicht, denn wo kann heute noch „unberührter“ Natur begegnet werden? So geht das heutige Nature Writing oft Verbindungen ein mit den Genres Reiseliteratur und Sozialreportage, und so auch hier. Beeindruckend ist die dichte, sinnliche Beschreibung des Erlebten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Buch gelesen habe, das mir seine Gegenstände dermaßen „zum Greifen nah“ gebracht hat. Über einen Reisenden früherer Jahrhunderte schreibt Posnett, dass dieser „die Welt bereiste und Dinge berührte“ – und genau dies tut auch er.

Dabei treibt den Autor eine bestimmte Sehnsucht an, denn er hofft, in anderen Teilen der Welt traditionelle Produkte zu finden, die in Kooperation mit der Natur, nicht durch Ausbeutung derselben gewonnen werden. Er erforscht die oft grausamen Geschichten, die hinter Daunen, hinter dem Duft der Zibetkatzen, hinter kostbarer peruanischer Wolle stehen.

Wäre vielleicht eine Suche nach pflanzlichen „friedlichen“ Produkten weniger absehbar zum Scheitern verurteilt gewesen?, mag man einwenden. Und muss man wirklich am anderen Ende der Welt in Höhlen steigen, um festzustellen, dass der eigene Küchenschrank Dinge beherbergt, die sich grausamer Käfighaltung verdanken? Doch Bücher sind nun einmal die fliegenden Teppiche, mit denen wir Heutige die Welt bereisen, und in diesen Corona-Zeiten daher nötiger denn je.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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