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Ein Filmbegeisterter reist nach Japan: Hiroshima, mon amour

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Von: Artur Becker

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Friedensdenkmal „Atombombenkuppel“.
Friedensdenkmal „Atombombenkuppel“. © IMAGO/IPON

Unvorstellbares vor Augen: Ein Filmbegeisterter reist durch Japan - auch an den Ort, an dem die Atombombe explodierte

Zwischen 1975 und 1985 war ich bereits als Kind und Jugendlicher ein begeisterter Kinogänger – in meiner Geburtsstadt Bartoszyce, einem masurischen Städtchen mit zu dieser Zeit etwa dreiundzwanzigtausend Einwohnern, gab es zwei Kinos: das öffentliche Kino „Muza“ und das Soldatenkino „Adler“. Das „Muza“ (die Muse) lag im Zentrum der Stadt an der belebtesten Kreuzung, und ich sah dort die wichtigsten – heute würde man sagen – Blockbuster, aber auch europäisches und polnisches Autorenkino. Natürlich, solche wunderbaren Filme wie „Star Wars“, „Die drei Tage des Condor“ (mit Robert Redford und Faye Dunaway), „I wie Ikarus“ (mit Yves Montand) oder „Die Geliebte des französischen Leutnants“ (mit Meryl Streep) beeinflussten meine Fantasie und vor allem die Vorstellung darüber, wie klein und grau unsere Welt eigentlich war – damals im polnischen Sozialismus: Ich war ein untröstlicher trauriger Provinzler, eine Dorfpomeranze, die obendrein hinter dem Eisernen Vorhang lebte, obgleich Polen viel liberaler war als die DDR.

2000 wurde ich dann tatsächlich nach New York eingeladen, als Writer in Residence – unglaublich, hatte ich doch jahrelang im Kino „Muza“ von dieser Stadt immer geträumt, nach jeder Filmvorstellung war ich aber deprimiert nach Hause marschiert: wohlwissend, dass ich New York nie sehen würde.

Genau das Gleiche dachte ich über Japan: Tokyo oder Hiroshima würde ich nie sehen. So reiste ich damals wenigstens im „Muza“ nach Japan, zusammen mit „Godzilla“ oder in dem Klassiker des japanischen Kinos „Die Ballade von Narayama“, einem großartigen Filmepos über das Altern und den Hunger – „Hiroshima, mon amour“ von Alain Resnais, ein Liebesdrama und einen der besten Antikriegsfilme überhaupt, sah ich allerdings erst im Fernsehen, vielleicht auch erst nach meiner Ausreise nach Deutschland, nämlich Mitte der 80er Jahre.

Im Frühling 2022 überraschte mich dann eine Nachricht aus Tokyo, und Ende Oktober desselben Jahres flog ich nach Japan, um den Kakehashi-Literaturpreis am Tokyoter Goethe-Institut in Empfang zu nehmen, und zwar für meinen Roman „Drang nach Osten“, dessen japanische Übersetzung von Tsuzuko Abe aus Osaka mitausgezeichnet wurde.

Schon beim Anflug auf Tokyo hatte ich Glück, da ich den Fuji in seiner ganzen Pracht sehen konnte – ohne Nebel, Wolken und trüben Himmel, dafür aber mit dem weißen Pierrotkragen um seine vulkanische Spitze. Und gleich an meinem ersten Tag in Japan begriff ich schnell, warum so viele Künstlerinnen und Künstler aus Europa immer wieder vom Licht im „Land der aufgehenden Sonne“ schwärmen. Das erfrischend grelle Sonnenlicht, das mehr weiße Töne als gelbe beherbergt, habe ich nicht einmal in Italien gesehen, jedenfalls wirkte Japan auf mich wie ein sehr gepflegter Wintergarten: sauber, hell, milchweiß, in der Harmonie mit der ewigen Ordnung der kosmischen Gesetze der Natur verankert.

Nach den Lesungen in Tokyo und Kyoto konnte ich endlich nach Hiroshima fahren, was mein „privater“ Wunsch war, zumal ich dort keine offiziellen Termine hatte.

Aber verweilen wir noch ein wenig in der Symbolik der Filmkunst: Tokyo ist ein Monster, eine Stadt wie aus dem Sci-Fi-Film „Blade Runner“, während Kyoto, ein großes Dorf, endlich ein menschliches Gesicht zeigt, da man dort unzählige Tempel, Schlösser, alte Straßen und das Urjapan besichtigen kann, wie man es aus den Filmen Akira Kurosawas kennt. In Kyoto stoßen tatsächlich die moderne Technologie und Welt mit dem mythischen Japan zusammen. Ich habe mir natürlich auch den „Kinkaku-ji“, den „Goldenen-Pavillon-Tempel“ – auch als „Rehgarten-Tempel“ bekannt – und den riesigen, nach der Ästhetik und Philosophie des Zen-Buddhismus gestalteten Garten dieser Shinto-Tempelanlage im alten Kyoto angeschaut.

Ich las auch erneut Yukio Mishimas Roman „Der Goldene Pavillon“ von 1956, ein perfekt konstruiertes und „geschneidertes“ Buch mit einem Rebus, um das sich alles dreht: das Leben des Ich-Erzählers, des Mönchs und Brandstifters Mizoguchi, die Geschichte Japans, der historische Brand des „Goldenen Tempels“ von 1950, die Überlegungen zur Schönheit und Ästhetik, die Obsession und Verzweiflung des Mönchs, dass das traditionelle Japan dem Untergang geweiht sei und dass „Der Goldene Pavillon“ in einer anderen Dimension existiere, wohin der sterbliche Mensch jedoch nie gelangen werde … Mishima, der Putschist, der einen rituellen Suizid begangen hat, ist ähnlich wie Louis-Ferdinand Céline, der Autor von „Reise ans Ende der Nacht“, nicht mein intellektueller und politischer Waffenbruder, da faschistisch-nationalistische Tendenzen und rechtskonservativer Glaube an ewige Werte in meiner geistigen Republik „Kosmopolen“ nichts zu suchen haben. Ihre Prosa ist jedoch grandios.

Aber erst in Hiroshima, wo ich auch in einem 400-Zimmer-Hotel am Bahnhof übernachtet habe, wurde meine Sehnsucht nach Japan, die mich schon seit meiner Kindheit und den Kinobesuchen in Bartoszyce plagt, befriedigt. Ich wollte endlich das Friedensdenkmal sehen, das zerstörte Gebäude, das einem „Observatorium“ ähnelt und über dem die Atombombe explodiert ist; es ist ein sakraler Ort, den jeder aus einem Film oder einem Foto kennt. Und ich wollte den Ort sehen, an dem Täter zu Op-fern wurden.

Tsuzuko Abe, die Übersetzerin von „Drang nach Osten“, begleitete mich auf meiner Reise nach Hiroshima. Sie zeigte mir nicht nur die schöne, durch zahlreiche Kanäle geteilte, nach 1945 wie Warschau komplett wiederaufgebaute Stadt, in der eigentlich mindestens einhundert Jahre lang kein Gras mehr wachsen sollte. Wir fuhren auch mit der Fähre zum weltberühmten, vom Hafen in Hiroshima schnell erreichbaren „Itsukushima-Shinto-Schrein“ auf der Insel Miyajima.

Jeder kennt auch das im Wasser stehende – zumindest während der Flut – rote Tor des „Itsukushima-Schreins“, das japanische Star-Gate, den buddhistischen Eingang in die andere Welt, wo wir uns eines Tages alle finden werden: Das Heiligtum und die touristische Attraktion heißt „Torii“ und mutet, so allein im Uferwasser stehend, sehr surrealistisch an.

Und genauso wie in Hiroshima laufen auf dem heiligen Gelände des „Itsukushima-Schreins“ Tag für Tag unzählige Schulklassen herum, Kinder und Jugendliche in schönen dunkelblauen Schüleruniformen, was mich an meine eigene Schulzeit im sozialistischen Polen erinnert. Wir trafen die Schulklassen natürlich auch im Friedensmuseum von Hiroshima wieder, dessen Architektur den Gebäuden der brasilianischen Hauptstadt Brasília ähnelt. Es ist eine gewaltige Anlage, Hiroshimas imposanter Frie-denspark, eine Insel, auf der auch ein Denkmal für die kleinsten Opfer des Atombombenangriffs steht: eine Glocke mit Origami-Kranichen und der Skulptur eines Mädchens.

Im Friedenspark wie auch -museum ließ ich mir besonders viel Zeit, da ich unersättlich war und möglichst viel über das Leid der Menschen und die Zeit danach erfahren wollte. Und ich kam mir schäbig vor, weil ich mich dabei ertappte, dass ich im Prinzip Gefallen am Betrachten all der schrecklichen Bilder und Devotionalien der Atombombenexplosion fand. In diesem Museum steht auch ein Fragment einer Bankmauer und -treppe – der auf der Treppe abgebildete Schatten des Menschen, der bei den höllischen Temperaturen verdampft ist, spricht mit uns und erzählt vom Leid der Opfer, von der menschlichen Dummheit und den technischen Möglichkeiten, die wir für die totale Zerstörung missbrauchen.

Vor dem sprechenden Schatten auf der Treppe stehend, musste ich auch daran denken, dass Putin und seine Offiziere und Militärexperten, die den Einsatz der taktischen Atomwaffen in der Ukraine diskutieren, Hiroshima vermutlich nie besuchen werden.

Meine Gedanken wanderten auch zum „Goldenen Pavillon“, der nach dem Brand wieder aufgebaut wurde. Vermutlich wird der Mensch nie erfahren, was das Geheimnis der Ewigkeit ist, denn das Einzige, was wir machen können, ist, daran zu glauben, dass es irgendwo, wie es sich der Mönch Mizoguchi in Mishimas Roman vorstellt, Beständiges, Unzerstörbares, Schönes und Glückliches gibt und dass unsere Sehnsucht nach diesem vollkommenen Ort der Harmonie und des Friedens nie aufhören wird.

Artur Becker in Hiroshima. Foto: privat
Artur Becker in Hiroshima. Foto: privat © privat

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