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Adolf Eichmann vor dem Gericht. Das Todesurteil vom 11. Dezember 1961 war das erste und letzte, das je in Israel vollstreckt wurde.
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Adolf Eichmann vor dem Gericht. Das Todesurteil vom 11. Dezember 1961 war das erste und letzte, das je in Israel vollstreckt wurde.

11. April 1961

Eichmann in Jerusalem, eine Mentalität vor Gericht

Vor 60 Jahren machte Israel Adolf Eichmann, einem der Haupttäter und Technokraten des Mords an den europäischen Juden, den Prozess.

Im Mai 1960 verkündete Israels Ministerpräsident David Ben Gurion, dass sich einer der meistgesuchten NS-Verbrecher, Adolf Eichmann, in israelischem Gewahrsam befinde. Dem einstigen „Judenreferenten“ im SS-Reichssicherheitshauptamt zu Berlin, den nicht wenige für den „Architekten der Endlösung“ hielten, werde in Jerusalem der Prozess gemacht. Die Mitteilung war eine Sensation und löste im Adenauer-Staat prompt Besorgnis aus. Ein Strafverfahren gegen einen der berüchtigsten Holocaust-Täter musste auf die mit Müh und Not in die Völkergemeinschaft aufgenommene Bundesrepublik einen Schatten werfen. Auch waren viele einstige Diener des NS-Verbrecherstaats in die junge Demokratie wohlwollend integriert worden. Bonn war alarmiert.

1950 hatte die israelische Legislative das „Gesetz zur Bestrafung von Nazis und Nazi-Helfern“ erlassen. Im Rahmen einer Strafnorm wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, wegen Verbrechen gegen die Menschheit (Menschlichkeit) und wegen Kriegsverbrechen sollte das Gesetz auch die Möglichkeit bieten, im Lande lebende sogenannte Nazikollaborateure (einstige Lagerkapos und Ghettopolizisten) zu belangen. Justiz und Polizei handelten 1960 rasch. Eine eigens gegründete Polizeieinheit führte Ermittlungen durch und schaffte Beweismittel herbei. Die mehrköpfige Anklagevertretung prüfte die zusammengetragenen Dokumente und wählte Opferzeugen aus.

Der Untersuchungshäftling Eichmann war kooperativ. Bereitwillig und aussagefreudig ließ er sich über viele Monate von einem Polizeioffizier vernehmen. Das Transkript des „Verhörs“, oftmals erläuterte Eichmann dem Vernehmungsbeamten die vorgelegten Dokumente, erhellte Instanzenwege, Unterstellungsverhältnisse und Befehlsstränge, umfasst 3564 Blatt. Selbstverständlich log Eichmann fortwährend und bestritt entgegen aller Evidenz seine Mitwirkung an der Vernichtung der europäischen Juden.

Anfang 1961 erhob der Generalstaatsanwalt Anklage. Alle im Vorfeld aufgetretenen Schwierigkeiten hatte der Gesetzgeber gelöst. Flugs war ein Gesetz geschaffen worden, das einem ausländischen Rechtsanwalt Eichmanns Vertretung ermöglichte. Ein Gerichtsgesetz verhinderte, dass ein der Staatsführung missliebiger Richter den Vorsitz führte. Die gleichfalls geschaffene „Lex Kaul“ untersagte dem Kronjuristen der SED, Friedrich Karl Kaul, als Nebenklagevertreter im Prozess zu agieren. Kaul wollte die immer noch in der Bundesrepublik einflussreichen „Hintermänner“ der NS-Verbrechen auf die Anklagebank bringen.

Am 11. April 1961 begann das Verfahren The State Israel vs. Adolf Eichmann. Die Verhandlung wurde gefilmt und auf Band aufgenommen. Eine US-amerikanische Fernsehgesellschaft produzierte weltweit ausgestrahlte Sendungen. Der israelische Rundfunk übertrug die Verhandlung. Auch die Bundesrepublik war in Jerusalem vertreten. Bonn schickte eine mehrköpfige Delegation an den Gerichtsort. Der Bundesnachrichtendienst beobachtete aufmerksam das Geschehen. Ein von der zentralen Stelle in Ludwigsburg entsandter Staatsanwalt berichtete regelmäßig über den Prozess. Der Norddeutsche Rundfunk stationierte in Jerusalem ein Team und brachte 36 Folgen unter dem Titel „Eine Epoche vor Gericht“. Agenturen und Zeitungen hatten ihre Journalisten vor Ort.

Eichmann stand nicht vor einem Schwurgericht der Bundesrepublik, obgleich bereits im Herbst 1956 der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ein Ermittlungsverfahren gegen ihn und andere hatte einleiten lassen. Der „Ungarn-Komplex“ stand zur Untersuchung. Eichmann und seine Mitarbeiter hatten im Sommer 1944 unter tätiger Unterstützung der ungarischen Gendarmerie 438 000 Juden nach Auschwitz deportiert. Laut Haftbefehl des Amtsgerichts Frankfurt am Main hatte der vormalige SS-Obersturmbannführer „im Rahmen der sogenannten Endlösung der Judenfrage (…) die Verschleppung von mehreren Millionen“ Juden „und deren Vernichtung durch Vergasen in den Konzentrationslagern“ angeordnet.

Zum Thema

Werner Renz, Jahrgang 1950, war von 1995 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts. Zuletzt veröffentlichte er „Auschwitz vor Gericht“. Ebenfalls in der Europäischen Verlagsanstalt erscheint im Herbst sein Buch über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess .

Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ ist als Piper Taschenbuch erhältlich (448 S., 14 Euro).

Hörfunktipp : „Adolf Eichmann, ein Hörprozess“. Die Idee hatte Otto Preminger, der gerade zu Dreharbeiten für den Film „Exodus“ in Israel weilte. Er riet „Kol Israel“, dem staatlichen Rundfunk, den Eichmann-Prozess live zu übertragen. Die Verantwortlichen zögerten zunächst mit der Genehmigung, aber kurz vor Prozessbeginn am 11. April 1961 wurden über dem zu einem Gerichtssaal umfunktionierten Theaterhaus Beit Ha’am Senderkabinen installiert. Und so vernahm ganz Israel gebannt am Radio den Prozess gegen Adolf Eichmann. Die Ausstrahlung erreichte höchste Einschaltquoten während des neunmonatigen Verfahrens.

Originalaufnahmen mit Zeugenaussagen, Hörerreaktionen sowie Erinnerungen von Staatsanwalt und Radioredakteur haben Noam Brusilovsky und Ofer Waldman in einem 54-minütigen dokumentarischen Hörspiel verarbeitet. Sendetermine: Deutschlandfunk, Samstag, 10. April, 20.05 Uhr; RBB, Sonntag, 14 Uhr. fr/geg

Eichmann fanden die Frankfurter Ermittler nicht, doch zweier seiner nächsten Mitarbeiter, Otto Hunsche und Hermann Krumey, wurden sie habhaft. In den Jahren 1962 bis 1969 standen sie in Frankfurt vor Gericht. Die gefällten Urteile spiegeln wider, mit welchen Problemen die bundesdeutsche Justiz bei der Ahndung der NS-Verbrechen zu kämpfen hatte.

Dass der Deportationsexperte in Jerusalem zur Verantwortung gezogen werden konnte, war maßgeblich das Verdienst Fritz Bauers, des Initiators der Frankfurter Auschwitzprozesse. Eichmanns Aufenthaltsort war der Frankfurter Strafverfolgungsbehörde benannt worden. Bauer gab die Erkenntnisse an israelische Stellen weiter. Deutschen Behörden misstraute er.

Für die israelische Gesellschaft war der Prozess von großer Bedeutung. Mehr als 100 Überlebende traten als Zeugen auf und schilderten das Vernichtungsgeschehen. Oft ging es freilich weniger um den Angeklagten und seine Taten. Die Leiden des jüdischen Volkes und die Geschichte der Shoah wurden verhandelt. Kritiker der von den Anklägern verfolgten Strategie sprachen von einem Schauprozess. Eichmann wurden Taten zugerechnet, mit denen er nichts zu tun hatte. Er war nicht, wie es die Anklage darstellte, der allmächtige Akteur der „Endlösung“ gewesen.

In New York gab die politische Denkerin Hannah Arendt einer „Versuchung“ nach und bot sich dem Magazin „The New Yorker“ als Prozessbeobachterin an. Ihr 1963 publizierter Prozessbericht machte Furore. Arendt missfiel die Instrumentalisierung des Verfahrens zu volkspädagogischen Zwecken. Doch weniger ihre Einwände gegen das Konzept der Anklagevertretung, vielmehr ihre Charakterisierung Eichmanns und ihre Darstellung des Verhaltens der verfolgten und vernichteten Juden erregte die Gemüter in den USA, in England und in Israel. Hannah Arendt kritisierte die „Kooperation“ von jüdischen „Führern“ (Judenräten) mit den deutschen Mördern. Eichmann qualifizierte sie als mediokren Funktionär, ideologiefreien Bürokraten, gedankenlosen Befehlsempfänger. Er kam ihr wie ein „Hanswurst“ vor. Das von ihm verkörperte Böse war, so Arendt, ohne „Größe“ und „Tiefe“, es erschien Arendt banal. Die monströse Tat, das im Grunde gar nicht mehr justiziable Verbrechen an der Menschheit, war Arendt zufolge nicht von monströsen, dämonischen Tätern begangen worden.

Arendts Prozessbericht löste eine Kontroverse aus, die bis heute nicht verstummt ist. Hierzulande meldeten sich alsbald Kritiker zu Wort. Noch vor dem Erscheinen der deutschen Buchausgabe wurde eine Sammlung von Polemiken, ein Anti-Arendt-Band, publiziert.

Gegen das Todesurteil hatte sie keine Einwände. Keinem „Angehörigen des Menschengeschlechts“ konnte ihrer Auffassung nach zugemutet werden, mit einem Menschen wie Eichmann „die Erde zusammen zu bewohnen“. Eichmann und seinesgleichen, mögen es seine Vorgesetzten oder seine Helfershelfer gewesen sein, hatten gemeint, darüber befinden zu können, „wer die Erde bewohnen soll und wer nicht“. Sie setzten ihre mörderische Entscheidung in die Tat um und rotteten ein Volk nahezu aus. Mit solchen Verbrechern konnte es nach Arendt keine gemeinsame Welt geben. Sie mussten sterben, auch wenn die Strafe dem Verbrechen vollkommen inadäquat war.

Der Jerusalemer Prozess war ein Meilenstein der internationalen Strafjustiz. Nicht umsonst ist vom Weg von Nürnberg über Jerusalem nach Den Haag die Rede. Eine Tragik will es scheinen, dass drei Akteure der Prozesse von Nürnberg und Jerusalem, die USA, Russland und Israel, dem 1998 geschlossenen Gründungsvertrag für den Internationalen Strafgerichtshof nicht beitraten. Die Straftatbestände des Völkermords, des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, des Kriegsverbrechens und des Verbrechens der Aggression (Angriffskrieg) können deshalb nur unzureichend geahndet werden. Die Völkerstrafgerichtsbarkeit gilt es aber zu stärken. Die Akteure der Gerechtigkeit von Nürnberg und Jerusalem müssen ihrem Vermächtnis endlich gerecht werden.

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