Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Philosoph und Soziologe Edgar Morin bei einer Seminarveranstaltung 2019.
+
Der Philosoph und Soziologe Edgar Morin bei einer Seminarveranstaltung 2019.

Soziologie

Edgar Morin zum 100. Geburtstag: Du verstehst, das Harte unterliegt

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

Der französische Soziologe und Philosoph Edgar Morin feiert am 8. Juli seinen 100. Geburtstag.

Am 8. Juli 1921 wurde in Paris Edgar Morin geboren, einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Und das ist schon verkehrt. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass er einer der wichtigsten Denker unserer Zeit ist. Aber am 8. Juli 1921 wurde Edgar Nahoum geboren. Den Namen Morin nahm der Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Thessaloniki, Abkömmling von Juden, die nach 1492 zunächst nach Italien, dann nach Griechenland ausgewandert waren, erst an, als er Anfang der 40er Jahre Mitglied der Résistance wurde.

In einem seiner schönsten Bücher – „Vidal et les siens“ aus dem Jahre 1989 – hat Edgar Morin über die Geschichte seines Vaters und der Familie seines Vaters geschrieben. Alle seine Bücher hat er unter dem Namen Morin veröffentlicht. Wohl auch darum, weil er erst in der Résistance zu dem wurde, der er ist. Er lernte nicht nur die eigene Lage und die der Welt zu analysieren, sondern auch zu begreifen, was unter den gegebenen Umständen zu tun war. Er erfuhr das erste Mal das Gefühl von „Brüderlichkeit“, „Geschwisterlichkeit“, Gemeinschaft als positive Erfahrung, als etwas, das einen stärker, nicht schwächer macht.

Edgar Morin feiert am Donnerstag seinen 100. Geburtstag. Und diesen Artikel schreibe ich, um ihn zu feiern. Ich kenne ihn nicht, lese aber inzwischen schon seit ein paar Jahrzehnten seine Bücher. Beileibe nicht alle. Es sind mehrere Dutzend, und das letzte hätte ich beinahe nicht gelesen, weil ich nicht damit rechnete, dass er – nachdem er 2020 eines zur Pandemie geschrieben hatte –, jetzt schon wieder eines vorlegen würde. Es erschien im Juni und trägt den Titel „Leçons d’un siècle de vie“. Es ist nicht das Buch eines Gelehrten. Es ist das Buch eines alten weißen Mannes. also genau das, was heute so gerne geschmäht wird. Es ist ein wunderbares Buch. Einfache Sätze. Aber man spürt, dass in jedem eine, auch seine Lebensgeschichte steckt.

Irgendwo schreibt Morin, das Wort Leben habe zwei Bedeutungen. Einmal geht es um Leben als das Gegenteil von Tod. Das andere Mal aber um freud- und leidvoll gelebtes Leben. Die unglaubliche Kraft, mit der er ein Buch nach dem anderen schreibt, ist dieselbe, mit der er liebt: Frauen, Augenblicke. Musik, Gedanken. Beim Schreiben, schreibt er, stehe er manchmal auf und tanze. Auch beim Sitzen ist er immer in Bewegung.

Edgar Morin war Soziologe am CNRS, einer staatlichen Forschungseinrichtung. Geschrieben hat er über Film und über Filmstars, über die Gesellschaftsstruktur der UdSSR, über seine kurze Periode als Kommunist, über die Natur und unsere verhängnisvollen Versuche, sie loszuwerden. Er hat auch über die Liebe geschrieben, über das Alter und über Systemtheorie.

In den Augen von Wissenschaftlern war er immer ein Dilettant. Er gehörte in Wahrheit keiner Disziplin an, macht sich bis heute stets seine eigenen Gedanken. Er schreibt nicht, um etwas mitzuteilen. Er schreibt, um etwas herauszubekommen. Mein Eindruck ist: Wenn er etwas herausbekommen möchte, schreibt er ein Buch. Er denkt, und schreibend lässt er uns teilhaben daran. Nicht an Gedachtem, sondern am Denken. Es gibt wenig auf der Welt, das schöner ist als das.

„Hat er was rausgekriegt?“, fragen Sie mit Brechts Zöllner aus der „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“. Er hat. Wenn ich es jetzt aufschreibe, wird es sich lange nicht so gut anhören wie bei Morin. Er hat in einem Buch zum Beispiel geschrieben über das „Verlorene Paradigma: die menschliche Natur“. Er tritt der Vorstellung entgegen, es gebe keine menschliche Natur. Viele Soziologen vertreten nicht nur die Ansicht, sie praktizieren sie auch: Menschliches Leben sei immer nur gesellschaftliches Leben. Den Menschen gebe es nicht, sondern immer nur Menschen in ihren jeweiligen sozialen Beziehungen. Morin hält das für eine gefährliche Borniertheit der Disziplin Soziologie. Glücklicherweise hat die Ökologie diesem Gedanken das Grab geschaufelt. Ich erinnere mich noch daran, wie Rudi Dutschke uns erklärte, mit dem ökologischen Gedanken habe die Klassenfrage einer Menschheitsfrage weichen müssen. Morin weiß nur zu gut, dass nichts verschwindet. Kein Problem wird gelöst. Probleme kriechen bei anderen unter. Neue Fragen, neue Entwicklungen verändern die Konstellationen. Sie tun nur so, als würden sie alte beseitigen. In Wahrheit arbeiten die alten Maulwürfe weiter.

Zu den Grunderfahrungen Edgar Morins gehört auch, dass Menschen, Gesellschaften unberechenbar sind. Er erinnert sich an deutsche Kommunisten, die zu Faschisten wurden, und an Faschisten, die vom Führergedanken abließen, den Glauben an die allein selig machende Überzeugung über Bord warfen und sich öffneten für neue und andere Menschen und Gedanken.

Einer seiner Lieblingsgedanken ist der von der Komplexität. Das hört sich schrecklich akademisch an. Aber das lateinische Wort „complexus“ bedeutet auch Umarmung. So nahe liegt bei Morin beieinander, was Bloch den Kälte- und den Wärmestrom nannte. In dieser Umarmung verbindet sich alles mit allem, bedingt einander und wird bedingt. Die Welt stand niemals still. Es gibt keinen ersten Beweger. Wer sich die Materie unbelebt vorstellt, folgt einer Abstraktionsbewegung seiner Gedanken, nicht der Wirklichkeit.

Die Entwicklung der Welt läuft nicht notwendig auf die Auflösung von Ordnung, auf die Zerstäubung von Systemen heraus. Morin sieht, dass das Leben im Kern nichts als ein Verfahren ist, aus der Vernichtung wieder Neues hervorgehen zu lassen. Der Untergang ist immer ein Übergang zu etwas anderem. Wie es keinen Anfang gibt, so gibt es auch kein Ende.

Man kann darüber diskutieren, was Physik und Biologie betrifft. Edgar Morin machte das mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Aber ich denke, die treibende Kraft seines kosmischen Optimismus ist dann doch die Lebensgeschichte des Edgar Na-houm, der Zeuge war von immer wieder neuen Wellen der Vernichtung. Und immer wieder auch sah, wie das Totgesagte wieder aufstand. Er, der Jude, war der größten Vernichtungsmaschine, die jemals auf seine Leute angesetzt gewesen war, entkommen. 1945 war er im zerstörten Berlin. Er sah die zu Ruinen zerbombten Häusermeere, und er sah, wie die Stadt erst zu zwei Städten wurde und dann wieder zusammenwuchs.

Das Leben ist zerbrechlich und schnell zerstört, und es lässt sich nicht wiederherstellen. Die Toten bleiben tot. Sie mögen in den Erinnerungen der Nachkommen eine Weile noch herumgeistern – wie Morin es mit dem Buch über seinen Vater dokumentierte –, aber das dauert nicht lange, und dann sind sie nicht nur tot, sondern auch vergessen.

Aber. Das ist ein großes Aber. So wie zum Leben gehört, dass es stirbt, so gehört zum Tod, dass er Leben hervorbringt. Das ist Biologie. Sie tröstet uns nicht über die Hinfälligkeit unserer Existenz. Sie erinnert uns aber auch an die Vielfältigkeit der Wege der Existenz.

Als der 93-jährige Stéphane Hessel 2010 einen Welterfolg hatte mit seinem Büchlein „Empört Euch“, wurde er gefragt, ob Empörung denn genüge, ob man nicht auch etwas tun könne. Er erklärte: „Lest ,La Voie. Pour l’avenir de l’humanité‘ meines Freundes Edgar Morin.“ Das sollten wir tun. Sofort.

Der Knabe in Brechts Legende erklärt, was der Meister herausgekriegt hat, so: „Dass das weiche Wasser in Bewegung / mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.“

Auf Deutsch gibt es bedenklich wenige Morin-Bücher, die Hessel-Empfehlung ist unter dem Titel „Der Weg. Für die Zukunft der Menschheit“ 2012 erschienen und antiquarisch zu haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare