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„Wie also mit dem Bauwerk, das ja auch ein Kunstwerk ist, umgehen?“ – Diese Frage stellte FR-Redakteur Christian Thomas 1995 an die Verantwortlichen in der Stadt Frankfurt.

I.G.-Farben-Hochhaus

Durch eine Art von Fernrohr

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Am 18. Januar 1995 erschien in der FR ein Text über Hans Poelzigs berüchtigtes I.G.-Farben-Hochhaus in Frankfurt. Christian Thomas gab darin erste Impulse für die Debatte über die künftige Nutzung des Areals. Zum 25. Jahrestag drucken wir den Text noch einmal – auch als Ermutigung, gute Ideen einfach auszusprechen.

Mit einem Mal ist diese Großstadt handtellergroß geraten. So könnte sie der Betrachter also dann doch in den Griff bekommen?

Der Blick geht über komprimiertestes Postkartenformat. Darauf die sonst gegeneinander antretenden Hochhaus-Solitäre. Sie reihen sich dann doch einmal auf zu einem Ensemble, Frankfurts weltberühmter Skyline.

Frankfurt, die Stadt am Fluss, zwischen Mittelgebirgen, vom siebenten Stock seines I.G.Farben-Hauses (zuletzt C.W. Abrams Building) aus gesehen, erscheint als Panorama. Auf einem sanften Hügel gelegen, wendet sich der Gebäude-Komplex geradezu ab von der Großstadt, beinahe natürlich. Und der Betrachter am Fenster darf sich der traditionsreichen Stadt, sogar ihren am höchsten aufragenden Symbolen zuwenden mit aller Herablassung: auf die häufig abstoßende Betongestalt, erst recht das architektonische Getue.

Darüber, am Fenster verharrend, vergisst man – im Rücken ein besenreines Zimmer, die ausgeräumte Geschichte – rasch die gigantischen Ausmaße dieser Anlage, eine insgesamt neungeschossige, 252 Meter lange Front. Ein langestreckter Bau, mit sechs mächtigen Querflügeln; im Rücken ein Kasino, ein Wasserbecken, darin spiegeln sich sommers Trauerweiden.

Mit dem Blick über die abgesenkteStadt droht unterzugehen jeder Gedanke an die Geschichte dieses Orts. Eine Schreckensstätte auch, an deren Schreibtischen und in deren Sitzungssälen die Chemiker des Teufelsdie ungeheuerlichsten Verbrechen abzeichneten: Unterstützung bei der Planung und Durchführung von Hitlers Vernichtungskrieg; Versklavung und Tötung von mindestens 25 000 Gefangenen in der werkseigenen Fabrik I.G. Auschwitz; Menschenversuche zur Erforschung von Nervengasen; Produktion des „Zyklon-B“ zur „Endlösung der Judenfrage“.

Ein Ort, gelegen auf einem sanften Hügel über der Stadt, von dem aus das Grauen planmäßig betrieben wurde. Auch war dieses größte Bauwerk der Weimarer Republik von Beginn an ein Monument des Monopol-Kapitalismus. Gewiss ebenso ein Inbegriff der traditionellen Architekturmoderne im Deutschland der frühen 30er Jahre. Nicht zuletzt eine travertinverkleidete Verkörperung der Stahlskelett-Bauweise – nämlich ein Triumph ihrer konstruktiven Möglichkeiten: Konnte doch Hans Poelzig, der Architekt dieser gewaltigen Anlage, diese zwischen 1928 und 1930 in nur 28 Monaten fertigstellen. Nach dem Krieg, denn bis in die 50er Jahre blieb das Gebäude eines der modernsten Bürohäuser Europas, wurde es genutzt als eines der Hauptquartiere der amerikanischen Streitkräfte. Bald werden diese das Verwaltungsgebäude räumen. Und dann?

Bundesfinanzminister Waigel – das Gebäude gehört dem Bund – möchte den gewaltigen Komplex, dazu das attraktive Areal an einen Immobilienkonzern losschlagen. Und dann?

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Der Besucher am Fenster: Das ist beinahe ein romantisches Bild – aber vor allem ein trügerisches. Denn in Wahrheit geht der Blick hinweg nicht mehr über eine Stadt des Bürgertums, sondern ein nurmehr verriegeltes, durch Immobilienspekulation versiegeltes Zentrum.

Der Originaltext in der FR vom 18. Januar 1995.

Man schaut – und womöglich ist die DG-Bank (Architektur: Kohn, Pedersen, Fox)), mit ihrer auskragenden Krone, das aufregendste Hochhaus der Stadt. Gern hält man Ausschau nach dem Zürichhaus (Udo Schauroth) – und mit Sicherheit ist es so, dass die Doppeltürme der Deutschen Bank (Architektur: Hanig, Scheid, Schmidt) einen scheußlichen Schneewittchensarg bilden. Was diese Monolithen verbindet? Ästhetisch nichts. Dass sie darüber hinaus keinen sozialen Kontext begründen, ist jedoch viel fataler. Diese Türme sind die erschreckenden Beispiele einer „hochmodernen Architektur der Apartheid“, welche nicht „primär auf rassistischen Vorurteilen, aber auf Sicherheitsbedürfnissen“ (Ulrich Beck) beruht.

Befrieden wird dieses Areal kein weiterer Turm, sich erhebend über die sozialen Verhältnisse, keine gleißende Passage, kein Castor und Pollux – erst recht keine Meile der Skulpturen. Man muss dieses Terrain im Zentrum, wenn man ernsthaft von urbanen Qualitäten spricht, wohl verloren geben. Denn in den gläsernen Tempeln muss zwangsläufig eine Bunkermentalität keimen. Das hier anzutreffende gesellschaftliche Vakuum ist ganz zwangsläufig ein Treibhaus antiurbaner Affekte. Interessant sind an diesem Ort gewiss Studien des Design – und der noch zu errichtende Turm Norman Fosters für die Commerzbank wird unter diesem Aspekt ganz ohne jeden Zweifel dazugehören. Doch dieses Augenmerk fürs Design: mit einem lebendigen urbanen Sein hat das nichts zu tun. Architektonisch aufregend der eine oder andere Solitär, neckisch manche Skulptur, die ihn verschönt. Doch ein solcher Boulevard der Kunstwerke bildet zugleich eine Schneise der sozialen Verödung.

Aber der Römerberg! Und dann erst das Museumsufer! Vergebliche Hoffnung, denn der Römerberg, mit Teilen seiner Bebauung, ist eine Wärmestube des Trivialen. Am Museumsufer strandet nach Dienstschluss der Kulturinstitute das öffentliche Interesse. In der City der traditionsreichen Stadt waren die Versuche, die Spuren des architektonischen Erbes zu tilgen, immer wieder und vielerorts von Erfolg gekrönt. Dieses Erbe Frankfurts, nur mal das des 20. Jahrhunderts, Errungenschaften wie Mays Römerstadt, Martin Elsässers Großmarkthalle, auch das Juniorhaus von Berentzen oder Eberts Fernmeldehochhaus, fristen im Bewusstsein der Stadt die Existenz einsamer Solitäre, nicht selten unansehnlich gewordener Superlative.

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Oder eben Hans Poelzigs Verwaltungsgebäude für die I.G. Farben. Was für ein gewaltiger Komplex, wie raffiniert im Detail. Denn dadurch, dass Poelzig die 250-Meter-Phalanx krümmte, dazu die Geschosshöhen unmerklich verringerte, ließ er den Bau mit seinen sieben horizontal gelagerten Fensterreihen sowohl perspektivisch höher wie auch weniger mächtig erscheinen. Man muss sich die Alternative vorstellen: Ausgerichtet wie an der Schnur gezogen, wäre der Eindruck gewalttätiger Feierlichkeit unvermeidlich gewesen. Doch mit der Krümmung brachte Poelzig Bewegung in die gewaltigen Massen. Die mächtigen, 50 Meter langen Querflügel ordnete er so an, dass auf ihnen die Licht- und Schattenspiele der Sonne ein freies Feld finden.

Ein Zeitungsartikel und seine Wirkung

Mit dem hier abgedruckten Artikel, der heute vor 25 Jahren im FR-Feuilleton erschien, wurde erstmals in einer Zeitung der Vorschlag gemacht, das von den amerikanischen Streitkräften geräumte IG-Farbenhaus der Frankfurter Goethe-Universität zu übergeben. Der Gedanke wurde ausdrücklich mit einer Kritik an der urban tristen Situation in Frankfurt begründet (die sich seitdem, vor allem wegen der Öffnung der beiden Mainufer, zum Besseren entwickelt hat).

Der Artikel stieß die FR-Initiative „Uni ins I.G. Farben Haus“ an und wurde im April 1995 durch ein FR-Forum aufgegriffen. Auf der Veranstaltung waren es Martin Wentz als SPD-Planungsdezernent der Stadt, die Architekten Christoph Mäckler, Hubertus von Allwörden und DiWi Dreysse, die die FR-Empfehlung auch zu ihrer Sache machten und die auch im Interesse der Universität war. Nicht zuletzt ließen sich die Stadt Frankfurt und das Land Hessen in den folgenden Monaten durch weitere FR-Artikel, darunter viele der Kollegin Claudia Michels, von der einmaligen Chance überzeugen, einen „weißen Flecken auf der Stadtkarte zu einem offenen Haus“ zu machen.

Der SPD-geführte Magistrat der Stadt Frankfurt, der Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) und das von der SPD regierte Land Hessen hatten Anfang 1995 andere Absichten – um nicht zu sagen: entschieden ökonomisch motivierte Pläne für das Haus. So wurde insbesondere auf einen Sitz der Europäischen Zentralbank spekuliert.

Allein die architektonische Würdigung des von den IG Farben während der Nazizeit erheblich kontaminierten Gebäudes stieß auf Bedenken und offene Ablehnung. Gehörte sich überhaupt eine eingehende Beschäftigung? Und dann sollten womöglich auch die Paternoster wieder zum Laufen gebracht werden? Aber natürlich, lautete die mündliche Antwort des Autors. Und sie bewegten sich dann auch, als im April 2001 die Goethe-Universität das außergewöhnlich umsichtig sanierte Gebäude bezog. (FR)

Gewiss, Poelzigs Werk bleibt ein monumentaler Baukörper, der Bruno Tauts feierliche Vision der „Stadtkrone“ ebenso nach Frankfurt zitierte wie auch ein deutliches Abbild des „staufischen Castel del Monte“ (Dieter Bartetzko). Was also wurde da in das Frankfurt der 20er Jahre importiert? Gewiss ein so großartiges wie auch unnahbares, pathetisch-abweisendes Bauwerk. Curt Glaser, Zeitzeuge des Einsatzes eines Stahlskelettrahmens, seiner Ausfachung mit fünf Millionen Steinen und seiner Verkleidung mit schönem Travertin zum Zwecke von 230 000 Kubikmetern, sprach von einem „Palast (für das) Fürstentum des Geldes“.

Gern möchte mancher Politiker, mancher Banker diesen Gedanken produktiv machen; so war das Gebäude bereits als Sitz der Europäischen Zentralbank im Gespraech – doch angesichts der Frankfurter Verhältnisse, der Verriegelung des öffentlichen Raums, möchte man dafür plädieren, dass dieses Haus endlich, nach Jahrzehnten, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

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Gern möchte man Poelzigs Bau eine Verantwortung für das urbane Leben aufbürden. Denn an diesem Areal hat man nicht zuletzt einen klar lesbaren Grundriss. Frankfurts Stadtrat Martin Wentz müsste auf diesem Terrain nicht vermissen, was er – mit Blick auf andere Stadträume – einmal so formulierte: „funktionslose Freifläche ohne Verweilqualität, räumliche Führung und Abgrenzung.“

Verweilqualität, räumliche Führung, Abgrenzung. All das böte dieses Gelände, das im Leben der Großstadt Frankfurt bisher ja auch eine terra incognita darstellte.

Universität oder Fachhochschulen, zum Beispiel: Wie sehr könnten sie diese schön angelegte Anlage beleben. Darin dieses Bauwerk, das die heikle Balance hält zwischen Kunst und Zweck, Tradition und Modernität. Auch: Pathos und Nüchternheit.

Heikle Balance? Schon die Eingangshalle, marmorverkleidet die Wände, geschwungen die Treppenaufgänge, silbrig glänzend die Decke, wie seinerzeit schon, wirft Fragen auf. Julius Posener, der Architekturhistoriker, hat sie in seiner schönen Poelzig-Biographie formuliert. Hat das für ihn großartige Gebäude beschrieben – und ergänzt: „Das Detail spricht von Herrschaft. /.../ Es sei trotzdem nicht verschwiegen, dass der Vorwurf protofaschistischer Architektur besonders die Vorhalle betrifft.“

Wie also mit dem Bauwerk, das ja auch ein Kunstwerk ist, umgehen? Etwa mit dem Großen Sitzungssaal – diesem Besprechungszimmer unsäglicher Verbrechen. Diese Stätte in einem Seitentrakt heute aufsuchend, sieht man einen mehrfach von den US-Streitkräften unterteilten Raum. Sie haben Squash-Courts aus ihm gemacht.

Was also ist zu tun in diesem Trakt?

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„Alles Räumliche hat Breite, Klarheit und ist ausgezeichnet detailliert, auch die Korridore; schon die Tatsache, dass die Korridore beleuchtet sind, zeigt, wie generös hier geplant wurde.“ Julius Posener beschreibt in seiner Biografie (Vieweg-Verlag, 1994) über seinen Lehrer Poelzig mit dem I.G. Farben-Hochhaus eine Ikone des sachlichen Monumentalismus. Ein Zweckbündnis aus Pathos und Funktionalismus wurde mit dem Bauwerk eingegangen – ganz so wie auch in Poelzigs Berliner Rundfunkhaus, worin Posener ebenfalls ein „einsames Ereignis der Architektur“ sieht.

Hans Poelzigs Einfluss war Anfang der 30er Jahre kaum noch zu steigern. Sein Werkverzeichnis ab 1932 zeigt nur noch Projekte. Poelzig wurde kein Nazi-Architekt. Er erwog die Emigration. Der Absprung aus Deutschland misslang dem über 65-Jährigen. Julius Posener zitiert Theodor Heuss, den ersten Biografen Poelzigs: „Er nahm den Abschied sehr ernst und starb.“

Zu seinen letzten Entwürfen hatten – wie immer – mächtig-monumentale Anlagen gehört. Verstörend schwarze Kohlezeichnungen waren das. Es waren unheimliche, gigantische Schneckenhäuser, in die sich ein moderner Mystiker zurückzog wie in eine innere Emigration.

Wie lichtdurchflutet dagegen sein Frankfurter Verwaltungsgebäude! Was für ein Panorama, das sich da auftut, wenn man im siebenten Stock herantritt an die Fenster-Brüstung. Mit einem Male: eine gegliederte Aussicht.

Mit ihr gelingt an diesem Ort etwas Außergewöhnliches. Nämlich ein Einswerden, nicht mit dieser traurigen Stadt – sondern mit einem Bild von ihr. Dem Flecken Frankfurt nah werden durch den stoischen Blick auf eine Vedute. Auf ein Skyline-Stilleben, das man sich auf Distanz hält wie durch eine Art von Fernrohr. Darin: die erstarrte Welt der Sachzwänge. Nature morte des Kapitalismus.

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