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Kurz vor dem Moment, in dem in Spanien „alles kippte, in dem sich die im Jetzt inkorporierte Dystopie zeigte“, wurde – am 11. März – das Fallas-Festival in Valencia abgesagt.

Spanien

Drei Tage Fiktion

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Über das Reisen und Nicht-Reisen in den Zeiten der Corona.

Der große Stoiker und Ästhet des Skeptizismus, der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, notierte einmal: „Was ist reisen, und wozu dient es? Jeder Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang, um ihn zu sehen, muss man nicht nach Konstantinopel. Und das Gefühl der Befreiung, das vom Reisen ausgeht? Das kann ich ebenso haben, wenn ich von Lissabon nach Benfica, in die Vorstadt, fahre.“ Denn, so Pessoa, „ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“.

Das mochte jeden trösten, der vom gerade verordneten Stillstand der Welt betroffen war. Auch den Reisenden, vielmehr den Nichtreisenden, der in dem Augenblick, in dem er darüber nachdachte, in Luftlinie 1800 Kilometer von sich entfernt sein wollte. An einem Ort weit im Südwesten, nicht gerade in Lissabon, aber am Saum des Mittelmeers, hatte sich der Reisende auf Wanderung begeben wollen, Schritt für Schritt, in langen Etappen, vom spanischen Mar Menor nach Dénia, der Heimat des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes. Da der Reisende die Absage dieses privaten Abenteuers durchaus als Verlust empfinden sollte, konnte ihm Pessoa leicht in die Parade fahren: „Ginge ich auf Reisen, fände ich nur das blasse Abbild dessen, was ich schon ohne Reisen sah.“

Doch ist Pessoa, etwa in Gestalt seines Protagonisten, des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares („Das Buch der Unruhe“), wirklich ein Gewährsmann, ein vertrauenswürdiger Chronist? „Andere sind in den Ländern, die sie besuchen, Namenlose und Fremde“, mochte er einwenden. Aber vielleicht war es gerade das, worauf es dem Reisenden ankam? Namenlos und fremd zu sein in einem – normalen – Land, um sich ganz dessen anderem, exotisch gedachten Jetzt auszusetzen. Als Erweiterung des eigenen, des normalen Jetzt. Als Öffnung für die Existenzform des Südens, die der Norden schon einmal, aus Anlass der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise 2008, hatte vergessen wollen.

Was aber bedeuteten Namenlosigkeit und Fremdheit in einem Land wie Spanien, das von heute auf morgen ein anderes wurde? Sich womöglich selbst fremd wurde? Das idealisierte Konstrukt jedenfalls, das Konstrukt des Reisenden, konnte ihn jetzt konfrontieren, in der Fremde festsetzen. Wie wenn die dem Jetzt zugeschriebene Realität, wenn die Welt, „die fast alle von uns für selbstverständlich halten, eine ungefähre und sehr fragile Konstruktion“ wäre? Der spanische Schriftsteller Antonio Muños Molina („Im Gleichgewicht ist Europa nur als Ganzes“) stellte sich diese Frage, als er im schon unter Corona-Restriktionen stehenden Madrid zu einer Literaturlesung mit Blinden ging: „Die Unruhe dieser Tage lässt mich auf die Straße gehen und stundenlang laufen“ („El País“ vom 12. März 2020).

Dass der Reisende erfährt, dass alles anders sein könnte, gehört zur Essenz des Reisens. Sie konfrontiert ihn mit der eigenen „Normalität“, erweitert sie, korrigiert sie, ergänzt sie zum Gegenentwurf, zum Spiegel des Alter ego. Und normal wäre, dass er das in der Fremde aushalten kann, ohne je in Panik zu verfallen.

An jenem berüchtigten Freitag (dem 13.) sollte der Aufbruch erfolgen, in Alicante. Mit geschultertem Rucksack am Hafen entlang, vor der Kulisse der Palmen, zur Estación de Autobuses. In der Frühe sollte ein Bus der Bilman-Linie mit dem Ziel Los Alcázares am Mar Menor abgehen. Aus dem País Vasco kommend, dem Baskenland, einem der Corona-Hotspots in Spanien. Im Morgengrauen in Valencia eingetroffen, sollte der Bus Alicante erreichen, die Fahrt zum Mar Menor fortsetzen. So jedenfalls sah es das Drehbuch der Reise vor. Doch es wurde zur Pfadbeschreibung einer fiktiven Begehung.

Nicht nur hatte der spanische Gesundheitsminister, Salvador Illa, vier Tage zuvor empfohlen („recomendó“), „von nicht notwendigen Reisen in Spanien abzusehen“. Auch hätte der Reisende kaum noch sicher sein können, dass der Bus bei den geltenden Restriktionen im Baskenland überhaupt hätte starten können. Die Website der Linie versicherte weiterhin stoisch: „Nuestro servicio de transporte está funcionando con normalidad“, für unseren Busservice gilt weiterhin „Normalität“, alles funktioniert.

Aber – weitergehende Maßnahmen eines „Plan de choque“ der Regierung in Madrid waren bereits signalisiert worden –, wäre er denn gefahren, was wäre beim Eintreffen in der autonomen Region Murcia passiert, in der Los Alcázares liegt?

Nach Anordnung der murcianischen Regionalregierung vom Tage zuvor, hätte sich der Reisende einer medizinischen Untersuchung, womöglich einer freiwilligen Quarantäne unterziehen sollen, statt am Saum des Mittelmeers zu wandern. Erste Corona-Fälle waren in Murcia als ungewollte „Importe“ aus „Herkunftsregionen“ deklariert worden, Begriffe, denen eine Schuldzuschreibung eignete.

Die Regionalregierung in Murcia, seit 2019 von PP (Partido Popular) und Cs (Ciudadanos) gestellt, wird von der ultrarechten nationalistischen Vox-Partei toleriert. Bei den Nationalwahlen, den Elecciones Generales vom 10. November 2019, schaffte die Vox in der Region mit 28 Prozent der Stimmen vor PP und PSOE den Sprung auf Rang eins. Das autonome Murcia war seitdem die erste der Regionen Spaniens, die von den Ultrarechten dominiert wurde („In Murcia beginnt die Reconquista“, die Rückeroberung, so wird Lourdes Méndez dem Blatt „El País“ zufolge zitiert, die Spitzenkandidatin der regionalen Vox-Liste).

Dass „jeder, der aus Gebieten mit Fällen von Ansteckung in die Region Murcia reist, insbesondere aus der Comunidad de Madrid und dem Baskenland, eine 14-tägige Quarantäne durchlaufen muss“, würde für alle Busreisenden eine Bedeutung haben, selbst wenn der Reisende in persona nicht im Baskenland zugestiegen wäre. Dieses „Was wäre wenn?“ markierte einen Punkt, wie ihn Muños Molina beschreibt, „das Gefühl, dass jederzeit etwas Unbekanntes passieren kann, dass das komplizierte und alltägliche Gefüge der Realität so zerbrechlich ist wie eine imaginative Konstruktion“.

Der Moment, in dem alles, was vertraute Realität hätte sein sollen, in Schräglage kippte, folgte nur Stunden später. Inzwischen hatte der Reisende – diese unsägliche, irrationale Hoffnung, dass alles nicht „so (ernst)“ sein möge – kleine Escape-Lösungen entwickelt, die mit der Möglichkeit von Abbruch und früherer Rückkehr spielten. Zu diesem Zeitpunkt gab in Spanien keine 1500 Fälle von Ansteckung. In der Stadt Murcia, bei rund 450 000 Einwohnern, gerade fünf. Darunter ein Baby und dessen Mutter, die aus Madrid angereist waren.

Und das Gefühl der Befreiung, das vom Reisen ausgehen sollte? Es wich einer Fiktion. Die von der Freiheit ausging, sich in einem anderen Land Europas unreglementiert und frei bewegen zu können. Die öffentlichen Verkehrsmittel eigenständig nutzen zu dürfen. Eine bis dahin überaus gesicherte Annahme.

Der Moment, in dem alles kippte, in dem sich die im Jetzt inkorporierte Dystopie zeigte – inzwischen war die Reise storniert –, kam mit der Meldung vom 13. März 2020, in der die Regionalregierung von Murcia ein „confinamiento en toda la zona costera“ aussprach, eine Art Internierung für alle Küstenorte, was einer Sperre der Gemeinden von Águilas im Süden bis San Pedro del Pinatar an der Grenze zur Region Valencia gleichkam – und 376 000 Menschen in der Region betraf: „An diesen Standorten wird die Bewegungsfreiheit eingeschränkt.“

Der harte Einschnitt wurde von der Regionalregierung mit der „Verantwortungslosigkeit“ einer großen Anzahl von Menschen aus der Comunidad de Madrid begründet, welche die dortige Quarantäne zum Anlass für „Urlaub“ in den Zweitwohnsitzen an der Küste genommen hätten. Und wenn sie nur einer realen Bedrohung zu entgehen versucht hätten?

Nur vierzehn Tage später war Spanien mit bald 50 000 Fällen von Ansteckung schwer getroffen. Und die Idee der Reise, angesichts der Lage zynisch verkehrt, hatte sich zum Mitgefühl für das getroffene Land gewandelt.

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