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Dot Watching: Hat dieses „Hobby mit Suchtpotenzial“ Zukunft?

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Von: Kathrin Passig

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Das Dot Watching ist beim Transcontinental Race nicht nur eine Ersatzbeschäftigung für Leute, die keine Gelegenheit haben, am Straßenrand zu stehen oder im Fernsehen zuzuschauen wie bei der Tour de France.
Das Dot Watching ist beim Transcontinental Race nicht nur eine Ersatzbeschäftigung für Leute, die keine Gelegenheit haben, am Straßenrand zu stehen oder im Fernsehen zuzuschauen wie bei der Tour de France. © Leung Cho Pan/Imago

Beim Radrennen kann auch mitfiebern, wer die GPS-Punkte der Fahrenden verfolgt. Hat dieses Hobby Zukunft?

Im Techniktagebuch-Blog habe ich eine Autofahrt im Dezember 2007 dokumentiert. Es muss für mich die erste Fahrt in einem Mietwagen mit Navi gewesen sein. Damals schrieb ich: „Aus unklarem Grund verursacht es mir Schauer des Wohlgefallens, mich selbst als Punkt zu sehen, der sich auf der Karte bewegt, ich habe nur nie Gelegenheit dazu.“ Leider auch bei dieser Fahrt nicht, denn der Fahrer verbot mir das Einschalten des Navis, es störe ihn. Ich weiß nicht, ob er damit das Gerät selbst meinte oder mein „Da! Wir! Als Punkt auf der Karte!“-Quieken. Nach der Anschaffung meines ersten Smartphones, ein Jahr später, konnte ich mich dann endlich oft genug von oben bewundern.

Auch andere Leute sehe ich gern als Punkte auf der Karte. Der Grund für das Live-Teilen des Standorts ist meistens nur ein praktischer, zum Beispiel, weil man vor meiner Tür nicht parken kann und ich deshalb den richtigen Moment abpassen muss, um mit dem abzuholenden Gegenstand am Straßenrand zu stehen. Oder wenn meine Mutter den herannahenden Besuch sehen möchte, um zu wissen, wie viel Zeit noch bis zum Mittagessen bleibt. Aber meine Freude am Beobachten der Fortbewegung ist unabhängig von den praktischen Vorteilen. Besonders schön ist es, wenn ich die Strecke kenne und weiß, an welcher Ampel die andere Person gerade wartet. Währenddessen kann ich nicht arbeiten, ich muss den Punkt verfolgen.

Dot Watching als „Hobby mit Suchtpotenzial“

Erst kürzlich habe ich herausgefunden, dass die Freude am Punktegucken nicht nur mein obskures Privathobby ist. Die ehemalige Fahrradkurierin Emily Chappell berichtet in ihrem bisher nicht ins Deutsche übersetzten Buch „Where There’s a Will“ über das Fahrradrennen „Transcontinental Race“. Das Rennen gibt es seit 2013, seine wechselnde Strecke führt einmal quer durch Europa und ist drei- bis viertausend Kilometer lang. Die Teilnehmenden tragen einen GPS-Tracker am Fahrrad, der auch aus internetlosen Gegenden alle paar Minuten ihren Standort zu einem Satelliten sendet. Unter trackleaders.com lässt sich damit der Stand des Rennens verfolgen. „Ich wusste natürlich“, schreibt Chappell, „dass die Leute im Internet sehen konnten, wie ich vorankam. Ich hatte sogar mitbekommen, dass Dot Watching, wie es inzwischen heißt, sich als Hobby mit Suchtpotenzial erwiesen hatte. Transcontinental-Fans auf der ganzen Welt ächzten theatralisch über den zweiwöchigen Einbruch ihrer Produktivität, während sie in einem Browserfenster das Rennen verfolgten und in einem zweiten ihre Arbeit vernachlässigten.“

Das Dot Watching ist beim Transcontinental Race nicht nur eine Ersatzbeschäftigung für Leute, die keine Gelegenheit haben, am Straßenrand zu stehen oder im Fernsehen zuzuschauen wie bei der Tour de France. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, dafür ist das Rennen viel zu lang, und die Fahrenden, die sich ihre Strecke zwischen den Kontrollpunkten selbst suchen, sind zu weit verstreut. „Im dritten Jahr des Rennens“ – also 2015 – „hatten alle verstanden, wie wichtig das Internet nicht nur für seine Existenz war, sondern auch dafür, wie es von den Fans erlebt, von der Renncrew entschieden, von den Fahrenden erlebt und nach außen dargestellt wurde.“

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © downloads.normanposselt.com/copyright.pdf

Wenn Chappell nicht auf dem Rad sitzt, guckt sie selbst den Punkten zu: „Mehrmals in dieser Nacht gab ich es auf, mich schlafend zu stellen, beugte mich über mein Handy und sah zu, wie die beiden Punkte einander immer näher kamen. Ich war ganz zappelig vor Aufregung, als sie sich gemeinsam weiterbewegten. Weit weg von mir fuhren Mike und Kristof Seite an Seite.“

Gründer des Rennens stirbt: Zuschauende beobachten, wie sein Punkt stehen bleibt

Mike ist Mike Hall, der Gründer des Rennens. Wenige Stunden später wird er von einem Auto gerammt und stirbt. Das fällt allen Zuschauenden dadurch auf, dass sich sein Punkt nicht mehr bewegt. Einige Stunden lang wird bei Twitter spekuliert. Emily Chappell, die das Geschehen weiterhin aus dem Bett verfolgt, schreibt: „Irgendwann meldete jemand, dass sich Mikes Punkt jetzt mit 100 Stundenkilometern auf der Autobahn Richtung Canberra bewegte. Danach konnte ich nicht mehr hinsehen.“ Im März 2021 hieß es in einem Gedenktweet: „Heute ist es vier Jahre her, dass Mikes Punkt stehen geblieben ist.“

Ich weiß nicht, ob das Punktegucken eine Zukunft hat. Wahrscheinlich sieht sie so aus: In ein paar Jahren gibt es auch auf dem Fahrrad und in entlegenen Regionen ausreichend Strom und mobiles Internet für einen Livestream. Das Publikum braucht sich die Strecke nicht mehr vorzustellen. Dass Menschen es ein paar Jahre lang bewegend gefunden haben, einen Punkt über eine Karte wandern zu sehen, wird dann selbst denen, die dabei waren, seltsam und unwahrscheinlich vorkommen. Aber so war es, in der kurzen Zeit zwischen der Einführung von GPS-Trackern und dem flächendeckenden Ausbau des mobilen Internets. (Kathrin Passig)

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