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USA

Donald Trump und seine Partei: „Die Republikaner sind eine nationale Peinlichkeit“

  • vonMichael Hesse
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US-Historikerin Jill Lepore über die Ausschreitungen in Washington, die Republikanische Partei und was Donald Trump aus ihr gemacht hat.

  • Lepore sagt über die Partei von Donald Trump: „Die Republikanische Partei ist eine nationale Peinlichkeit.“
  • Ohne Richard Nixon wäre Donald Trump nie Präsident der USA geworden, sagt die Historikerin. Joe Biden müsse es schaffen, eine funktionierende Regierung mit den Republikanern zu bilden.
  • Trump-News: Alle Infos zum scheidenden Präsidenten der Vereinigten Staaten auf unserer Themenseite.

Professor Lepore, wie haben Sie die Randale im Kapitol erlebt?

Ich saß vor dem Fernseher, weil ich die Anhörung im Kongress verfolgen wollte. Während ich die Reden verfolgte, brachen die Menschen in das Gebäude ein. Ich glaubte erst nicht, was ich da sah. Es war unwirklich. Ein wilder Mob durchbrach die Polizeiabsperrungen, die Türen und zog durch das Kapitol. Für Amerikaner unfassbar.

Ein traumatisches Ereignis für die Demokratie?

Solche Bilder sieht man eigentlich nur in amerikanischen Schulbüchern. Aber selbst dann nur als Ereignisberichte aus anderen Ländern, meistens gescheiterten Staaten, in denen ein entfesselter Mob staatliche Gebäude einnimmt. Die Ereignisse vom Kapitol wirkten wie ein schäbiger, zielloser Akt von Massenvandalismus. Es hinterlässt ein Gefühl von Schock und Scham.

Ist das nun ein starkes Signal für populistische Strömungen nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Teilen der Welt, öffentliche Gebäude zu stürmen?

Ich glaube eigentlich nicht, dass diese Menschen bereits mit der Vorstellung am Kapitol ankamen, nun das Gebäude stürmen zu wollen. Höchstwahrscheinlich gab es keine Strategie oder Planungen in diese Richtung. Es ging ja zu wie im Hühnerstall. Die wenigsten dürften damit gerechnet haben, tatsächlich in das Gebäude zu kommen. Sie waren sicher genauso überrascht wie alle anderen Amerikaner, dass ihnen das dann auch gelang. Ich meine, die Menschen gingen rein und machten Selfies, das lässt doch keine Rückschlüsse auf eine politische Zielsetzung zu. Menschen kamen zu Tode oder wurden verletzt. Es war eine chaotische, konfuse, massive Intervention. Das taugt nicht als Modell. Bei mir erzeugt das nur eine tiefe Leere neben dem Schrecken.

„Am 6. Januar mussten sie sich verstecken vor den Leuten, die sie selbst aufgehetzt hatten.“ Zur Impeachment-Debatte am 13. Januar war die Nationalgarde im Kapitol.

Impeachment gegen Donald Trump: Der Präsident war verlogen und käuflich

Ist das zweite Impeachment aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Ich wüsste nicht, aus welchen Gründen Donald Trump nach den Ereignissen noch im Amt verbleiben sollte. Angesichts der Geschehnisse ist es unverzeihlich, dass der Senat im ersten Amtsenthebungsverfahren dafür gesorgt hat, dass Trump im Amt bleiben konnte. Er war als Präsident verlogen und käuflich.

Sie haben ein Manifest für eine bessere Nation geschrieben. Überfallen Sie angesichts der Bilder vom Kapitol Zweifel, dass die USA zu der Einheit fähig sind, die eine Nation benötigt?

Die Frage, ob jetzt jede Wahl solche Folgen haben könnte, ist durchaus ernst zu nehmen. Viele Mitglieder des Kongresses haben ja trotz dieser Ereignisse weiter die Spaltung befeuert. Das zeigt, dass wir in einer sehr gefährlichen Zeit leben.

Die USA sind mittlerweile ein tief gespaltenes Land?

Die Vereinigten Staaten waren immer wieder in ihrer Geschichte ein gespaltenes Land. Das gilt schon für den Anfang. Und selbst die Frage, wann eigentlich die Geschichte der Vereinigten Staaten beginnt, wird kontrovers diskutiert: War es 1776 mit den Gründungsvätern oder 1619, als die ersten Afrikaner nach Virginia kamen? Aber der 6. Januar ist ein schrecklicher Moment der Teilung.

Spaltung der USA: Ist Donald Trump allein Schuld?

Ist Trump allein für die aktuelle Polarisierung verantwortlich?

Es ist definitiv nicht Donald Trump allein gewesen. Er zog seine Vorteile daraus. Aber diese Polarisierung hat sich in den Vereinigten Staaten seit dem Vietnamkrieg entwickelt. Die Politikwissenschaftler haben das immer wieder in Umfragen erfragt. Wenn Sie sich die Kurve auf einem Diagramm ansehen, erkennen Sie eine sehr geringe Polarisierung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1968, dann plötzlich gibt es einen massiven Anstieg. Die Spaltung entwickelte sich parallel zur wachsenden Einkommensungleichheit. Der damalige Präsident Richard Nixon wandte sich vom Modell des Wohlfahrtstaates ab. Die Globalisierung setzte ein. Ohne diese Polarisierung hätte Trump niemals Präsident werden können. Er zog seine Vorteile daraus und verschlimmerte sie. Aber die Gründe der Spaltung lagen nicht in seiner Präsidentschaft. Allerdings müssen wir nun diese verrückten vier Jahre aufarbeiten, die zu diesem 6. Januar geführt haben.

Was den Auftritt von autoritären Politikern angeht, zieht man oft den Vergleich zu den 1920er und 1930er Jahren. Ist das sinnvoll?

Die Vereinigten Staaten waren im Vergleich zu den europäischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg in einer anderen Ausgangslage. Die Wirtschaft war ja stabil, die Städte wuchsen. In Europa konnte man hingegen die Zerstörung des Krieges nicht so leicht kompensieren. Und anders als in Europa gab es in den USA einen politischen Führer, der alles andere als ein autoritärer Politiker war. Die Vereinigten Staaten hatten zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine viel stärkere Demokratie als zuvor. Man sollte sich zwar gleichwohl genau ansehen, warum die USA letztlich trotz der schweren Wirtschaftskrise nicht auf einen faschistischen Weg gelangt sind. Daraus könnte man gewisse Lehren ziehen. Dennoch halte ich Analogien zu der Zeit für falsch.

Zur Person

Jill Lepore, 1966 in Massachusetts geboren, lehrt Geschichte in Harvard und ist als Essayistin unter anderem für den „New Yorker“ tätig. Ihr Buch „These Truths“ über die widersprüchliche Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten erschien 2018 und wurde in den USA zum Bestseller. Die deutsche Ausgabe erschien im Herbst 2019 bei C. H. Beck: „Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“, 1120 Seiten, 39,95 Euro (mittlerweile in der 6. Auflage).

Die USA nach dem Zweiten Weltkrieg: Patriotismus oder Nationalismus

Ein Amerika, das die Welt verändern will, muss erst lernen, die Nation ernst zu nehmen – das ist ein Credo Ihres Buches. Wurde zu wenig auf die Bedürfnisse der Nation geachtet?

Nach dem Horror des Nationalismus im Zweiten Weltkrieg hat der Nachkriegsliberalismus nicht mehr von der Liebe zum Heimatland, dem Zweck von Patriotismus oder guten Zielen der Nation gesprochen. Es galt das Motto: Wer von Patriotismus spricht, gerät schnell ins gefährliche Fahrwasser des Nationalismus. Deshalb redeten Liberale nicht mehr von Nation oder Nationalismus, dem Zweck der Einheit der Nation, sondern über andere Dinge. In dieser Weise funktionierte der größte Teil der US-Politik. Über die Nation zu sprechen bedeutete, sich rhetorisch in Richtung der Rechten zu bewegen. Jeder, der erfolgreich liberale Reformen in den USA durchsetzen will, muss aber über die Nation reden. Man muss den Menschen zu verstehen geben, dass es Ausdruck der Liebe zu seinem Land ist, über seine Probleme zu sprechen, um es besser zu machen. Sicher geht es nicht darum, die Rhetorik wieder zu etablieren: Lasst uns Amerika groß machen.

Jill Lapore.

Der große Fehler, den die Liberalen in den USA gemacht haben, war, die Frage der Gleichheit der Bürger durch die Identitätsfrage zu ersetzen.

Das war lange dominant in ihrer politischen Rhetorik. Es ging gewiss einher mit dem politischen Machtverlust der Liberalen. Es ist schon lange so, dass Konservative und Liberale in den Begriffen der Identitätspolitik denken. Sie tun es, weil man die Bindung an die Parteien verstärkt, indem man sie durch bestimmte Kategorien wie Hautfarbe oder Geschlecht an sich bindet. Das amerikanische Projekt wollte ursprünglich das genaue Gegenteil. Man wollte eine auf Identität aufbauende Hierarchie durch Gleichheit ersetzen.

Diese ursprüngliche Idee Amerikas wurde verengt?

Amerikas größte Idee ist der Glaube an die Gleichheit der Menschen und ihre natürlichen Rechte gewesen. Die Offenheit machte den Idealismus Amerikas aus. Das hat die Größe der Vereinigten Staaten ausgemacht. Nun wird die Idee der Nation eingegrenzt durch politische Ideen wie die Abgrenzung gegenüber Minderheiten oder Einwanderern oder die Fragen der Sicherung der Landesgrenzen. All das sind Gründe für die Schwäche des Landes.

Amtswechsel in den USA: Joe Biden vor enormer Herausforderung

Welche kritischen Fragen müssen Liberale an sich selbst richten, wenn sie das Land nicht den Populisten überlassen wollen?

Sie sollten sich fragen, was die wirklichen Probleme der Leute sind, die für den Populismus anfällig sind. Diese Menschen haben das Gefühl, zurückgelassen zu werden. Sie wurden oftmals durch die Globalisierung betrogen. Sie haben ihre Häuser und Jobs verloren durch die Finanzkrise.

Am 20. Januar wird es zum Amtswechsel kommen. Der Unruhestifter wird gehen, aber seine Anhänger bleiben – immerhin haben 74 Millionen für ihn gestimmt. Was erwarten Sie von Biden?

Er sollte seinen Job machen, täglich arbeiten, er steht vor einer enormen Herausforderung. Ich denke schon, dass er ein guter Mann ist, jemand, der als hart arbeitender Politiker bekannt ist. Joe Biden ist jemand, der auch den republikanischen Führer Mitch McConnell, mit dem er eng zusammenarbeiten muss, gut einschätzen kann. Das könnte wichtig werden. Denn was wir wirklich brauchen, ist eine funktionierende Regierung.

Und wenn Biden scheitert?

Auch sein Scheitern ist möglich. Historiker können keine Aussagen über die Zukunft machen. Es ist eine offene Frage, was Donald Trump machen wird. Er ist ein Verrückter. Man kann nicht sagen, was der nächste Schachzug eines Wahnsinnigen ist.

Die Republikanischen Partei unter Präsident Donald Trump: Sie war bereit, die USA zu zerstören

Ein Verrückter, der bis zuletzt von der Republikanischen Partei unterstützt wurde.

Die Republikanische Partei ist eine nationale Peinlichkeit. Ihre Perfidie im Repräsentantenhaus, ihre Fäulnis und ihre Bereitschaft, das Land zu zerstören, nur um an der Macht zu bleiben, haben das Land tief gespalten. Am 6. Januar mussten sie sich vor den Leuten verstecken, die sie so lange aufgehetzt hatten. Kurz bevor der Mob in das Kapitol eindrang, hatten viele der Republikaner die Legislative noch aufgefordert, die Wahl zu annullieren.

Hat Amerikas Demokratie den Stresstest der letzten vier Jahre nun bestanden oder nicht?

Wir stehen noch. Ziemlich durchgeschüttelt zwar und gewiss auf wackeligen Beinen. Wir wissen eigentlich noch nicht, ob wir ihn bestanden haben, ob der 6. Januar als das endgültige Scheitern von Trump oder als das Ende der USA in die Geschichtsbücher eingehen wird. Wenn es in den nächsten sechs Monaten nicht zu massiven Gewaltausschreitungen kommt, es einen erfolgreichen Einsatz der Impfstoffe gibt, das Land sich wieder öffnet, dann werden wir es überstanden haben. Bis dahin ist es eine sehr gefährliche Zeit für Amerika. Interview: Michael Hesse

Rubriklistenbild: © AFP

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