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Kommentar

Sturm auf das Kapitol in Washington: „Donald Trump macht auf Opfer“

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Nach der verlorenen US-Wahl versucht Donald Trump, sich als Opfer darzustellen. Diese Rolle ist neu für ihn. Ein Kommentar.

  • Um die Zertifizierung Joe Bidens als US-Präsident zu verhindern, stürmen Trump-Anhänger das Kapitol.
  • Zuvor hatte Donald Trump seine Anhänger angeheizt. Er sieht sich als Opfer eines Wahlbetruges.
  • Die Opferrolle nach der verlorenen Wahl ist neu für Donald Trump, stellt unser Kommentator fest.

Washington – Die Bilder des reaktionären Mobs, der am Mittwoch das Kapitol stürmte, haben die Welt erschreckt. Überraschend kamen sie nicht. Wer ein wenig in seinem Kurzzeitgedächtnis kramt, der wird sich daran erinnern, wie bereits während des US-Wahlkampfes Horrorszenarien darüber entstanden, was passieren würde, wenn Donald Trump nicht wiedergewählt werden würde. Je knapper er geschlagen werde, desto unwahrscheinlicher sei, dass er sich geschlagen gebe, hieß es damals. Man werde ihn hinaustragen müssen. Freiwillig werde er das Weiße Haus nicht verlassen. Und er werde seine Anhänger mobilisieren, zu denen auch rechtsradikale, bewaffnete Milizen gehörten.

Sturm aufs Kapitol: Donald Trump heizte die Stimmung in Washington an

Dazu ist es nicht gekommen. Der Angriff auf das Kapitol sei ein Angriff auf das Herz der Demokratie, sagen viele. Das stimmt. Aber es stimmt auch nicht. Dieser Angriff aufs Kapitol galt nicht dem Herzen der Demokratie. Er richtete sich gegen die Publizierung eines von den Angreifern abgelehnten Wahlergebnisses. Das ist ein kleiner, aber doch festzuhaltender Unterschied. Der Vorwurf des Wahlbetruges führte nicht zum Sturm auf das Parlament als Grundlage des verhassten demokratischen Systems. Die Trump-Anhänger stürmten nach einer Rede des Präsidenten zum Kapitol, um gegen die Zertifizierung der Präsidentschafts-Wahlergebnisse zu protestieren.

Donald Trump hat das Wahlergebnis bis heute nicht akzeptiert. Er sieht das so: Die Demokraten haben ihn und das amerikanische Volk um seinen Sieg betrogen. Sie haben ihn also ausgetrickst und über den Tisch gezogen. Donald Trump schlägt den Rechtsweg ein, appelliert an Gerichte. Er macht auf Opfer.

Sturm aufs Kapitol in Washington: Opferrolle ist neu für Donald Trump

In dieser Rolle ist er freilich neu. Sie ist ihm nicht auf den Leib geschrieben. Für sie wurde er nicht gewählt. Er wurde gewählt als Sieger, als ein Sieger, der sich souverän alles nimmt, einer also, mit dem sich die identifizieren, die sich auch alles nehmen wollen – entweder weil sie daran gewöhnt sind, alles zu haben oder weil sie genau wissen, wem sie alles nehmen wollen: den Immigranten, den Schwarzen, den Frauen.

Ausschreitungen in Washington: Sturm auf Kapitol erinnert an Corona-Demos

Die deutschen Politiker haben alle – zu Recht – an den August des vergangenen Jahres erinnert, als am Rande einer „Querdenker“-Demonstration in Berlin Angriffe auf den Bundestag stattfanden. Man darf aber einen entscheidenden Unterschied zwischen Deutschland und den USA nicht übersehen: das Waffenrecht. Unter dem Mob, der das Kapitol zu stürmen versuchte, waren Männer und Frauen, die sich auf den Umgang auch mit Schnellfeuerwaffen verstehen und es ist nahezu auszuschließen, dass alle Teilnehmer der Demonstration unbewaffnet waren. Das macht die Lage in Washington, in jeder Stadt der USA, so unvergleichlich viel brisanter als die deutsche Situation. In den USA ist der Bürgerkrieg – oder doch wenigstens die bewaffnete Auseinandersetzung – immer gleich um die Ecke.

Darum wird die Zerklüftung der Gesellschaft auch als so große Gefahr gesehen. Die beiden großen Parteien, für europäische Augen jahrzehntelang kaum zu unterscheiden, stehen sich nicht erst seit Trump unversöhnlich gegenüber. Das ist eine neue Entwicklung.

Sie ist Ausdruck einer Politisierung der Köpfe und Gemüter. Die wiederum ist die natürliche Folge des Prozesses, in dessen Verlauf Politik auch in den USA eine immer größere Rolle spielt. Das Verhältnis von Gesellschaft und Staat ändert sich.

Kongress-Angestellte versuchen sich zu verschanzen, nachdem Trump-Anhänger eingedrungen sind, darunter bewaffnete.

Ausschreitungen am Kapitol in Washington beschleunigen den Rücktritt Donald Trumps

Der Staat als Beute wird immer interessanter. Für den Milliardär wie für den Showstar Donald Trump ist Präsident eine verlockende Rolle. Für die richtig großen Großen scheint Präsident noch immer kein Traumjob. Wie viel der Showstar Trump dem Präsidentenamt abgewann, haben wir vor Augen. Wie viel der Milliardär mitgehen ließ, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Ein Volkstribun war Donald Trump nicht. Den Schritt zur Tat hat er nie getan. Er hat keinen Krieg angezettelt – etwas, das man den klugen, liberalen, demokratischen Präsidenten der einen wie der anderen Couleur nicht nachsagen kann – und er steigt auch jetzt beim letzten Gefecht nur in die Bütt. Trumps Anhänger haben mit ihrem Einsatz am Kapitol den Rücktritt ihres Helden beschleunigt.

Sturm auf das Kapitol: Donald Trump lebt Zerstörung der Demokratie vor

Aber – und damit hat er uns das Fürchten gelehrt – Donald Trump hat aller Welt deutlich gemacht, dass mitten in der Demokratie und ihren Institutionen deren Zerstörung betrieben wird. Dass auch die Demokratie ihre Kinder verrät, wissen wir, und dass sie die Diktatur der Konzerne betreibt, erfahren wir jeden Tag aufs Neue, aber die unverblümte Offenheit, die Brutalität, mit der Donald Trump diese Wahrheit vorlebt, ist eine neue Entwicklungsstufe. Das Amalgam von Fremdenhass, Kapitalanbetung und Frauenverachtung ist uns selten so plastisch vor Augen gestellt worden. Na, vergessen wir Berlusconi nicht!

Aber Donald Trump war nie mehr als ein Großmaul. Das war und das ist unser Glück. Am Ende wird er einfach nicht mehr von seinem Golfplatz ins Weiße Haus zurückkehren. Andere werden seine Sachen auf- und ausräumen müssen.

Sturm auf Kapitol in Washington: Anhänger Trumps realisieren, dass er sie allein lässt

Die erschreckenden Bilder vom Kapitol sind Aufnahmen von wütenden Anhängern, die zu registrieren beginnen, dass ihr Präsident sie allein lässt, dass er in Wahrheit niemals ihr Präsident war. Diese Wut ist da. Sie wird nicht einfach weichen. Die Gesellschaft der USA wird damit umgehen müssen. Dazu gehört auch, dass man ihr nicht nachgeben darf.

Rubriklistenbild: © Olivier Douliery/afp

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