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Documenta und die postkolonialen Studien – Warum sollten wir nicht den Horizont erweitern?

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Von: Aram Ziai

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In dem Werk „All Mining is Dangerous“ wurde links eine für eine Kippa gehaltene Kopiah überklebt.
In dem Werk „All Mining is Dangerous“ wurde links eine für eine Kippa gehaltene Kopiah überklebt. © Uwe Zucchi/dpa

Die AfD fordert ein Ende der öffentlichen Förderung postkolonialer Studien als Konsequenz aus dem Antisemitismus-Skandals auf der Documenta. Dabei demonstriert eine postkoloniale Perspektive Blindstellen der Debatte.

Für die AfD ist alles klar: „Die Wurzel der antisemitischen Entgleisungen auf der Documenta liegt in der postkolonialistischen Ideologie“, behauptet sie in ihrem Antrag der Bundestagsfraktion vom Juli 2022. Interessanterweise sieht die auf der anderen Seite des politischen Spektrums verortete taz im „Antisemitismus auf der Documenta“ das „Waterloo der Postkolonialen“. Wie kommt es zu dieser scheinbaren Übereinstimmung? Sind postkoloniale Studien tatsächlich strukturell antisemitisch? Und welchen Nutzen haben sie überhaupt?

Tatsächlich ist die unangenehme Querfront gegen die postkolonialen Studien unterschiedlich motiviert: Während den Rechten jeder Vorwand recht ist, um die Kritik von Kolonialismus und Neokolonialismus zu diskreditieren (sie beharren auf den „positiven Seiten“ des Herrenmenschentums im Kaiserreich), ist die Sorge der Linken um Antisemitismus glaubhaft – nur im Fall Documenta in ihrer Sensibilität zu weitgehend und in ihrer Verknüpfung mit postkolonialen Studien verfehlt.

Zu weitgehend, weil die meisten Antisemitismusvorwürfe nicht stichhaltig waren: Die Gruppe „The Question of Funding“ hat sich in einem Kulturzentrum in Ramallah getroffen, das nach dem palästinensischen Dichter Khalil Sakkanini benannt ist, der seinerseits mit umstrittenen Antisemitismusvorwürfen konfrontiert ist – der Gruppe selbst konnte jenseits dieser dubiosen Kontaktschuld nirgends Antisemitismus nachgewiesen werden. Personen, die sich im Konrad-Adenauer-Haus versammeln – benannt nach jemandem, der als Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft für eine Rückgewinnung deutscher Kolonien warb – wären nach dieser Logik zweifelsfrei rassistisch.

Überhebliches Moralisieren

Im Banner „People’s Justice“ des indonesischen Kollektivs Taring Padi ist ein Mossad-Agent als Schwein dargestellt – ja, aber daneben sind Agenten der australischen, britischen und US-amerikanischen Geheimdienste auf ganz ähnliche Weise dargestellt. Der Antisemitismusvorwurf bei der jüdisch dargestellten Person mit SS-Rune im selben Kunstwerk ist dagegen eindeutig zutreffend.

Der Generalverdacht gegenüber der Documenta und der postkolonialen Perspektive beruht jedoch auf einem Antisemitismusbegriff, der nicht hinreichend zwischen einer Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und dem Hass auf jüdische Menschen unterscheidet.

Gerade die viel gescholtenen postkolonialen Studien erweisen sich in dieser aufgeheizten Debatte jedoch als höchst produktiv. Denn wenn Stuart Hall und Edward Said die These vertreten, dass der Westen die nichtwestlichen Anderen als rückständige Barbaren konstruiert, um die eigene Identität als kulturell und moralisch überlegen zu festigen, dann ist der pauschal gegenüber dem globalen Süden erhobene Antisemitismus-Zeigefinger im Kontext der Documenta eine zeitgenössische Bestätigung dieser These.

Und wenn Gayatri Spivak auf die hegemonialen Muster des Hörens aufmerksam macht, die subalternen Stimmen zum Verstummen bringen, dann wird das durch den Fall „People’s Justice“ eindrücklich belegt: das zentrale Thema des Bildes, nämlich die Anklage der Suharto-Diktatur, die 1965/66 mit Wissen und Unterstützung des Westens nach Schätzungen vom Amnesty International eine Million Kommunisten und Kommunistinnen ermordete, wurde trotz einiger Debattenbeiträge (vgl. etwa FR vom 15. Juli) dazu nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt. Ebenso wenig, dass Bundeskanzler Kohl den Diktator noch 1998 seinen „lieben Freund“ nannte, als die Massen bereits auf den Straßen gegen seine Herrschaft rebellierten. Ebenso wenig, dass sich das Kollektiv Taring Padi in anderen Bildern eindeutig zu einem friedlichen Zusammenleben der Religionen bekennt – einschließlich des Judentums.

Das jüngste Missverständnis – Taring Padi wurde erneut Antisemitismus unterstellt, obwohl es sich bei der Kopfbedeckung des im Werk „All Mining is Dangerous“ dargestellten Ausbeuters um eine indonesische Kopiah und eben nicht um eine jüdische Kippa handelte, die in Antizipation des Vorwurfs überklebt wurde – unterstreicht die selektiven Wahrnehmungsmuster.

Wenn Dipesh Chakrabarty behauptet, dass Europa auf der Grundlage eigener, partikularer Erfahrungen Kategorien aufstelle, die dann als universell gültig angesehen werden, die es aber zu „provinzialisieren“, d.h. als Produkt nur einer Provinz dieser Erde zu relativieren gilt, dann ist dies eine treffende Beschreibung der aktuellen Konstellation: Das von Nationalsozialismus und Holocaust geprägte Deutschland wendet den im eigenen Kontext durch die Abwehr von Verharmlosungen und Relativierungen des Holocaust von rechts gekennzeichneten, weitreichenden und hochsensiblen Antisemitismusbegriff auch auf linke Künstlerinnen und Künstler aus indonesischen oder palästinensischen Kontexten an – in der festen Überzeugung, über den einzig richtigen, ja sogar den einzigen Antisemitismusbegriff zu verfügen.

Dazu gehört übrigens auch die Auffassung, dass gruppenbezogene Feindlichkeit gegenüber jüdischen Menschen etwas völlig anderes sei – nämlich ein auf Vernichtung ausgerichteter Antisemitismus – als gegenüber anderen Menschen (das ist dann „nur“ auf Diskriminierung ausgerichteter Rassismus, erklärte mir neulich ein Student).

Analyse ohne Abwertung

Und auch hier kann eine postkoloniale Perspektive den Horizont erweitern: Von den Massakern des Suharto-Regimes war nämlich auch die chinesische Minderheit in Indonesien betroffen, die – ähnlich wie jüdische Menschen in Europa oder indischstämmige in Ostafrika – aufgrund ihrer ökonomischen Situation als Händler und Unternehmer oft als gierige Parasiten und mächtige Ausbeuter diffamiert wurden. Ganz zu schweigen von der Vernichtung indigener Menschen in den USA, in Australien und Neuseeland, in Tasmanien oder in Deutsch-Südwestafrika, die ebenso rassistisch, aber eben als „minderwertige Barbaren“ konstruiert wurden.

Der jüdische postkoloniale Literaturwissenschaftler Michael Rothberg plädiert dafür, den Vergleich zwischen nationalsozialistischen und kolonialen Verbrechen zu enttabuisieren, aber nicht im Sinne einer Opferkonkurrenz, bei der das Gedenken der einen Opfer gegen das der anderen ausgespielt wird, sondern in Form einer „multidirektionalen Erinnerung“ (so auch der Titel seines Buchs, vgl. FR v. 10.3.2021), in der die Erinnerungen an die verschiedenen Verbrechen einander ergänzen und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede ohne Auf- oder Abwertung analysiert werden können. Dafür ist ihm in der linken Wochenzeitung „Jungle World“ Holocaustrelativierung vorgeworfen worden. Die AfD wird es freuen.

Aram Ziai leitet das Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel, das als Heisenberg-Professur der Deutschen Forschungsgemeinschaft entstanden ist.

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