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Documenta fifteen: Schotten dicht

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Von: Judith von Sternburg

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Claudia Roth hatte sich für einen vorläufigen Stopp der „Tokyo Reels“-Vorführungen ausgesprochen
Claudia Roth hatte sich für einen vorläufigen Stopp der „Tokyo Reels“-Vorführungen ausgesprochen © Bernd von Jutrczenka/dpa

Auch die Documenta-Findungskommission geht zur blanken Verteidigung über.

Die Documenta-Debatte um die Antisemitismus-Problematik einzelner Werke auf der Kasseler Kunstschau hat sich heillos festgefahren. Beziehungsweise: Sie hat sich endgültig zu einer großen Konfrontation (nicht Diskussion) um den Umgang mit Antisemitismus entwickelt.

Dies dokumentierte am Donnerstag auch eine Stellungnahme der Findungskommission. Das Gremium, dem unter anderem der belgische Kurator Philippe Pirotte angehört, hatte die indonesische Gruppe Ruangrupa als künstlerische Leitung der documenta fifteen ausgewählt und erklärte nun, deren „harte Arbeit“ und „außerordentliches Engagement verteidigen“ zu wollen. Denn der „von Medien und Politiker*innen“ ausgeübte „Druck“ sei „unerträglich“ geworden.

Weiter heißt es in der Mitteilung: „Wir lehnen Antisemitismus ebenso ab wie dessen derzeitige Instrumentalisierung, die der Abwehr von Kritik am Staat Israel und seiner derzeitigen Besetzungspolitik palästinensischer Gebiete dient. Gleichzeitig begrüßen wir den Pluralismus der documenta fifteen und die Möglichkeit, erstmals eine solche Vielfalt künstlerischer Stimmen aus der gesamten Welt zu hören.“ Verteidigen wolle die Kommission darum das Recht der Künstlerinnen und Künstler, „politische Formeln und festgefahrene Denkmuster zu untersuchen, bloßzulegen und zu kritisieren“. Ihnen zolle die Kommission Anerkennung dafür, „dass sie trotz Angriffen auf ihre Integrität den lumbung-Prinzipien treu geblieben“ seien.

Den Aufsichtsrat der Documenta fordern die Kommissionsmitglieder dazu auf, „sicherzustellen, dass die documenta fifteen bis zum geplanten Ende der Ausstellung vollumfänglich geöffnet bleiben kann. Dies nicht zu tun und sich damit politischer Einflussnahme zu beugen, wäre ein historisches Versäumnis“.

Auf die Argumente der von der Documenta GmbH eingesetzten Expertengruppe unter Leitung der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff geht das Schreiben damit nur indirekt ein: Die Gruppe hatten empfohlen, die Vorführung des Projektes „Tokyo Reels Film Festival“ – propalästinensischem Propagandamaterial – in der jetzigen Form „sofort“ zu stoppen. Diesem Votum hatte sich auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) angeschlossen und die Documenta dazu aufgerufen, „sich mit der Bewertung des Expertenrates intensiv und konstruktiv auseinanderzusetzen“.

Das Schreiben der Findungskommission hingegen entspricht eher der jüngsten Stellungnahme von Ruangrupa und anderen Beteiligten (vgl. FR v. 14.9.). Der Vorwurf des Antisemitismus (vom Deitelhoff-Gremium detailliert begründet) wird als politischer Kampfbegriff der Gegenseite abgetan. Mit Blick auf Ruangrupa hat es eine erschütternde Seite, dass die, die monatelang davon gesprochen haben, man wolle lernen, die Schotten dicht machen, wie unsere Lehrerin gesagt hätte. Es scheint nur noch darum zu gehen, sich bis zuletzt – Ende nächster Woche – durchzusetzen.

Eine erstaunlich populistische Randbemerkung der Findungskommission: „Wir respektieren und schätzen“, heißt es da, „die hunderttausende an Besucher*innen, die die Ausstellung gesehen haben. Auch ihre Stimmen sollten gehört werden.“ Weil sie mit ihrem Besuch Ja zu „Tokyo Reels“ gesagt hätten? Haben sie das? Und werden ihre Stimmen nicht gehört? Inwiefern nicht?

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