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Documenta: „Die Gesellschafter schließen sich dem Votum an“

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Von: Judith von Sternburg

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Das Museum „Fridericianum“, Ausstellungsort der documenta fifteen.
Das Museum „Fridericianum“, Ausstellungsort der documenta fifteen. © Andreas Arnold/dpa

Ruangrupa hingegen schließt sich nicht an – ein Schlussdebakel bei der Documenta.

Bei der Documenta kommt es auf den letzten Metern noch einmal zu einem entlarvenden Showdown. Es entzündet sich konkret an der Arbeit „Tokyo Reels Film Festival“, einer bereits mehrfach kritisierten Dauerfilmvorführung von pro-palästinensischem Propagandamaterial. Ein von den Gesellschaftern zur Untersuchung der Antisemitismusvorwürfe gegen die Kunstschau eingesetztes Expertengremium hatte am Wochenende als „dringlichste Aufgabe“ den „sofortigen Stopp“ der Vorführung genannt (FR v. 12.9.).

Daraufhin erklärte die Kuratorengruppe Ruangrupa ganz direkt, sie werde die Arbeit weiterhin zeigen. Daraufhin – inzwischen war es Dienstag – äußerten die Gesellschafter, das Land Hessen und die Stadt Kassel, zumindest halbwegs direkt, sie votierten für einen zumindest vorläufigen Stopp der Filmvorführung. Bis zum Nachmittag war nichts weiter geschehen.

In einer ausführlicheren Ruangrupa-Erklärung, unterzeichnet auch von weiteren auf der Schau vertretenen Kollektiven, Künstlerinnen und Künstlern, war zuvor von einem „bösartigen Zensurversuch“ die Rede gewesen. „Wir sind verärgert, wir sind traurig, wir sind müde, wir stehen zusammen“, heißt es in dem Papier. „Chaos, Feindlichkeit, Rassismus und Zensur“ seien Ruangrupa und den anderen Unterzeichnenden begegnet, und man habe sein Bestes getan, um damit zurechtzukommen. Die im Papier des Expertengremiums zutage tretende Haltung einer „eurozentrischen“ und speziell „deutschzentrischen“ („germancentric“) Überlegenheit weise man entschieden zurück. Man sei als Gleichgestellte gekommen, um voneinander zu lernen, nicht um sich „disziplinieren“ zu lassen. Der wehleidige Unterton irritiert umso mehr, als sich Ruangrupa und die anderen Unterzeichnenden offenbar in einer Opferrolle sehen, die ihren beträchtlichen Befugnissen auf der Documenta kaum angemessen erscheint.

In der kurzen Erklärung der Gesellschafter vom Dienstag wiederum heißt es denn auch eher hilflos: „Die Gesellschafter schließen sich dem Votum der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, wonach die Tokyo Reels des Kollektivs Subversive Films nicht mehr gezeigt werden sollen, mindestens bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen wurde. Die aktuelle Kommentierung der Filme ist dazu nicht geeignet, da sie die teils antisemitischen und terroristische Gewalt verherrlichenden Propagandafilme gerade nicht historisch einordnet.“ Dass die Documenta GmbH zuvor immer betont hatte, dass die Entscheidungen für den künstlerischen Teil der Ausstellung allein bei Ruangrupa liege, wirkt zunehmend bizarr.

Ein „Feigenblatt“?

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte laut dpa: „Ich erwarte von den Verantwortlichen, dass sie Sorge dafür tragen, dass der hier zur Schau gestellte, staatlich alimentierte Antisemitismus unverzüglich, noch vor dem 25. September beendet wird.“ Wenn die Documenta-Leitung „jetzt nicht handelt, zeigt sich, dass die Einrichtung des Expertengremiums nur ein Feigenblatt war, das nicht einmal diesen Namen verdient“.

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