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Dorothee Richter widerspricht Pirotte: „Das Modell Documenta wird modifiziert werden müssen“

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Von: Tibor Pezsa

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Die Arbeit „Tokyo Reels Film Festival“ wird weiter gezeigt.
Die Arbeit „Tokyo Reels Film Festival“ wird weiter gezeigt. © Imago

Nicht der Vorwurf des Antisemitismus, sondern der Antisemitismus diskreditiert die Kunstschau in Kassel: Die Kunsthistorikerin Dorothee Richter widerspricht ihrem Kollegen Philippe Pirotte.

Frau Richter, was halten Sie von Philippe Pirottes Einschätzung, die Antisemitismusvorwürfe gegen Arbeiten auf der documenta fifteen seien eine Instrumentalisierung, „um das Projekt zu diskreditieren“?

Seine Behauptung ist eine krasse Verdrehung. Ich habe den Antisemitismus als einen Schlag ins Gesicht empfunden, und ich denke, das ist vielen, die aus dem antifaschistischen Lager kommen, genauso gegangen. Wir haben immer gegen Rassismus und Antisemitismus gekämpft und gegen toxische und soldatische Männlichkeit Stellung bezogen.

Wo sehen Sie Antisemitismus auf der Documenta?

Der Antisemitismus hat auf drei Ebenen stattgefunden: die verschiedenen scheußlichen Karikaturen und verunglimpfenden Bilder, von denen nach und nach mehr entdeckt wurden. Das vierstündige „Archivmaterial“ alter pro-palästinensischer Propaganda-Filme, gesammelt von einem Ex-Terroristen, dessen Terrorzelle einige Tote auf dem Gewissen hat, und der, so sagt neuere Forschung, by the way auch noch später Stasi-Mitarbeiter war. Und die dritte Ebene ist die Nichtberücksichtigung israelisch-jüdischer Künstlerinnen und Künstler.

Das Expertengremium, das von den Documenta-Gesellschaftern eingesetzt wurde, fordert jetzt, dass die Filme nicht mehr gezeigt werden. Wie sehr belastet all dies die Documenta?

Die interessanten Ideen der Documenta, wie die kollektiven Kunstpraktiken und die schon lange anstehende Öffnung auf ein breites Publikum, werden dadurch schlimm diskreditiert. Gerade bei einem Ansatz, der populär und für viele sein will, ist die Verantwortung ja umso größer.

Wird der Antisemitismus-Vorwurf an der documenta fifteen kleben bleiben?

Ich fürchte, der bleibt. Kritische, zeitgenössische Kunst ist zu Recht darauf bedacht, inklusiv zu sein und nicht-verletzende Darstellungen selbst in komplexen Zusammenhängen auszustellen, das sind selbst gewählte Ziele. Muss man jetzt Verträge abschließen, die die Herabwürdigung bestimmter Gruppen ausschließen? Niemand will dies, aber es rückt in den Bereich des Denkbaren.

Steht nicht besonders auch die Findungskommission der Documenta, darunter auch Philippe Pirotte, in der Verantwortung?

Ja. Es wäre hilfreich gewesen, wenn gerade diejenigen aus der Findungskommission wie Charles Esche, Ute Meta Bauer (beide ursprünglich aus Deutschland), sowie Philippe Pirotte, der lange in Deutschland gelebt hat, den Prozess wirklich begleitet hätten. Antisemitismus ist überall zu verurteilen, auch im globalen Süden. Aber in Deutschland, das eine große, rassistisch motivierte Tötungsmaschinerie aufgezogen hatte, ist historisch begründet der Schmerz größer und die politische Reaktion stärker.

War das nicht vor der Documenta abzusehen?

Es gab einen Verdacht, aber in dem Ausmaß war das wohl nicht abzusehen. Ich habe versucht, beratend einzugreifen und zu vermitteln, dass die Gesprächsreihe doch recht tendenziös angelegt war. Warum war die Amadeo Antonio Stiftung nicht eingeladen? Warum blieb die solide deutsche Antisemitismus-Forschung ausgespart, warum wurde jemand wie Meron Mendel nicht eingeladen?

Gab es vor der Documenta Druck auf die sogenannten Art Educators (Kunstvermittler), dass sie auf einer israelkritischen Linie bleiben sollten?

Aus meiner Perspektive gab es extreme Spannungen in der „Sobat-Sobat“-Gruppe, manche Künstlerinnen und Künstler wollten nur Führungen von israelkritischen Kunstvermittlerinnen akzeptieren. Die jungen Leute waren mit der Situation extrem überfordert.

Stimmt es, dass ganz im Sinn der antiisraelischen Boykottbewegung BDS, kein einziger jüdischer Israeli zur documenta fifteen eingeladen wurde?

Zur Person

Dorothee Richter, Kuratorin, Autorin und Filmemacherin, lehrt und forscht an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und am Department of Art der University of Reading. Die Spezialistin für Fluxus, feministische Theorie und politische Aspekte des Kuratierens leitete unter anderem das Künstlerhaus in Bremen und ist Herausgeberin des Webjournals on-curating.org.

Bei der documenta fifteen hat Richter im Bildungsprogramm CAMP notes on education eine Summer School unter dem Titel „Commoning Curatorial and Artistic Education“ angeboten.

BDS heißt, dass palästinensische Künstlerinnen und Künstler sich weigern, gemeinsam mit israelisch-jüdischen Künstlerinnen und Künstlern aufzutreten oder ausgestellt zu werden. Im Grunde wollen sie damit demonstrieren, dass sie den Staat Israel für illegitim halten. Daran halten sich nicht alle palästinensischen Künstlerinnen und Künstler, aber doch sehr viele. Das heißt, meines Wissens sind unter den etwa 1500 Künstlerinnen und Künstlern keine jüdischen Israelis zu finden. Israelis sind dabei, also arabische Israelis, das heißt Palästinenserinnen und Palästinenser mit israelischem Pass.

Wie kommt es, dass die Vertreibung fast aller jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus arabischen Staaten in der Kunstszene offenbar keiner Rede wert sind, antiisraelische Propagandafilme dafür aber umso mehr?

Letztlich ist das ein Rätsel. Ich denke schon, dass ein Impuls da ist, sich für die vermeintlich Schwächeren einzusetzen. Den Palästinenserinnen und Palästinensern in den Lagern im Libanon und in Jordanien, sowie in den von Fatah oder Hamas verwalteten, sogenannten besetzten Gebieten in Israel, geht es nicht gut. Aber warum dies jetzt ausschließlich von Israel verursacht sein soll? Weder die Fatah, noch die Hamas sind demokratisch legitimiert. Mahmud Abbas, der Chef der gemäßigteren Fatah, hat sich als krasser Holocaust-Relativierer geoutet. Das viele Geld der EU erreicht die palästinensische Bevölkerung dort jedenfalls nicht.

In Israel sind arabische Israelis im Parlament vertreten, sie sind Richter, dienen in der Armee ...

Israel besteht aus einer unglaublich vielfältigen Gesellschaft, jüdische Israelis sind im gleichen Maße vielfältig, sehr viele stammen aus arabischen Staaten, die sie verlassen mussten.

Warum wird ausgerechnet so ein Staat, so eine Gesellschaft ausgegrenzt?

Das muss man sich mit Blick auf die documenta fifteen tatsächlich fragen. In Israel leben arabische und jüdische Israelis meistens ganz gut zusammen. Insbesondere Menschen mit einem nicht-heteronormativem Lebensstil schätzen die Freizügigkeit der israelischen Gesellschaft. Im Gazastreifen gibt es dagegen sehr viele Femizide, Frauenmorde, und Ermordungen Homosexueller. Der Theoretiker Oliver Marchart weist in seinem neuesten Buch (oncurating.org) nach, wie ein rein imaginiertes Juden-Bild auf ganz Israel übertragen wird. Das funktioniert nur, wenn kein historisches oder aktuelles Wissen vorhanden ist und weil Ideologie so schön faktenunabhängig und sehr eingängig ist.

Dorothee Richter.
Dorothee Richter. © Jan-Gottfried Esser

Sollte BDS-Nähe zu einem Ausschluss von öffentlicher Förderung führen?

Ich bin nicht für Zwang, ich bin für Aufklärung. BDS wurde zuerst von der palästinensischen Zivilgesellschaft gegründet und sogar von einigen linken jüdischen Israelis unterstützt, die ihre demokratisch gewählte Regierung zu einer palästinenserfreundlichen Politik zwingen wollten. Inzwischen sind in dem nationalen Komitee des BDS aber radikal jihadistische Kräfte vorhanden, und es wurde auch den zuerst unterstützenden linken Israelis klar, dass die Bewegung ausschließlich rassistisch agiert. BDS schließt all jene aus, gerade Israelis, die mit palästinensischen Künstlerinnen und Künstlern und Intellektuellen zusammenarbeiten wollen – das ist doch absurd! Die BDS-Bewegung erkennt implizit natürlich auch nicht das Recht auf einen israelischen Staat an, es wäre eine wichtige Aufgabe, hier mehr aktuelles und historisches Wissen zu vermitteln an die Kulturinstitutionen, auch mit Fortbildungen.

Warum sollten BDS-Propagandisten Geld vom Staat bekommen?

In Deutschland haben wir eine Gewaltenteilung, es ist nicht vorgesehen, dass ein Ministerium unmittelbar in die Geschäfte einer Kunstinstitution eingreift. Der Bund war ja auch nicht mehr im Documenta-Aufsichtsrat. Ich bin der Künstlerin Hito Steyerl dankbar, dass sie mit ihrem Rückzug aus der Ausstellung ein deutliches Zeichen gesetzt hat – und die Dinge in Bewegung brachte. In einem Text forderte sie, dass in postkolonialer Theorie und Praxis der Kontext immer berücksichtigt werden muss. Bei der Documenta ist dies Deutschland mit seiner Geschichte – dies haben Ruangrupa eben nicht gemacht. Wegen der Vorkommnisse muss letztlich ein modifiziertes Modell gefunden werden, sodass die Documenta für Deutschland die wichtigste Ausstellung ist und bleibt.

Was für Schlüsse dürfte die internationale Kuratoren-Szene aus der documenta fifteen ziehen?

Leider glaube ich, dass ein großer Teil der internationalen Kuratorinnen- und Kuratoren-Szene sich weiter und umso mehr in der pseudo-revolutionären Attitüde gefällt, und sich in schöner Boy-Group-Formation gegenseitig auf die Schulter klopft. Philippe Pirotte legt ja nahe, dass das eigentliche Ziel der Kritik am Antisemitismus sei, die kollektiven Strukturen und die nicht gewinnorientierte Haltung zu diskreditieren. Aber gerade der traditionelle Kunstmarkt hat immer kräftig am Antisemitismus verdient. Machtfrei ist kein System – auch das kollektiv betriebene „Ekosistem“ Ruangrupas nicht. Das wäre der notwendige Weg der Selbstreflexion. Ich wünsche mir, dass kritische Ansätze der Kollektivität und der Inklusion nicht-europäischer Stimmen und neuer Publikumsschichten an vielen Orten weiterentwickelt werden, ohne ihrerseits krasse Ausschlüsse zu produzieren. (Interview: Tibor Pézsa)

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