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Antisemitismus und Postkolonialismus: Über die Verweigerung von Selbstkritik

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Weltoffenheit und Israelkritik liegen bei der documenta fifteen nah beieinander,wie hier im WH22, wo auch die umstrittenen Bilder „Guernica Gaza“ zu sehen sind.
Weltoffenheit und Israelkritik liegen bei der documenta fifteen nah beieinander,wie hier im WH22, wo auch die umstrittenen Bilder „Guernica Gaza“ zu sehen sind. © Hartenfelser/Imago

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn analysiert anlässlich der Documenta das Verhältnis von Antisemitismus und Postkolonialismus.

Wer im vergangenen Jahr die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin über die Frühgeschichte der Kasseler Documenta gesehen hat, konnte sich dem Irrglauben hingeben, dass diese eines der wichtigsten Kunstevents zu einer großen Selbstkritik hätte inspirieren müssen: einer Kritik an NS-Tradierungen der Kunstschau, einer Kritik am Antisemitismus und einer Kritik an der Ausgrenzung jüdischer Perspektiven.

Es kam anders im Land der Täter und dabei ist es gleich, ob bewusst und damit vorsätzlich oder unbewusst und damit in Tradierung der deutschen Erinnerungsabwehrgemeinschaft gehandelt wurde. Die aktuelle Documenta wurde zu einem Manifest des Antisemitismus. Wohlgemerkt, nicht in Einzelfällen, sondern in zahlreichen Kunstwerken. Und wohlgemerkt, nicht in einer Form von chiffriertem Antisemitismus, sondern offen, brachial und für jeden zu erkennen, der sich noch nie professionell mit dem Thema befasst hat.

Documenta 15: Antisemitismus unter dem Label der Kunst

Daran, dass Antisemitismus eben solcher ist, ändert sich nichts, wenn er als Kunst verkauft wird – und hier geht es nun eben darum, Antisemitismus als Kunst vorzutragen, in der Hoffnung, man könne sich unter dem Label der Kunst tarnen. Dieses Label funktioniert aber über einen Umweg, wenn versucht wird, Antisemitismus hinter einem vermeintlich Globalen Süden zu verstecken, also andere das Ressentiment vortragen und man selbst dabei auf der moralisch richtigen Seite stehen will.

Die Rede vom „Globalen Süden“ ist dabei doppelt problematisch: Wenn es stimmen würde, dass der „Globale Süden“ wirklich nur antisemitisch zu haben wäre, dann muss diese Perspektive mit aller Entschiedenheit bekämpft werden. Antisemitismus ist Antisemitismus, völlig egal, wer ihn artikuliert. Die Kehrseite ist aber, dass der deutsche Kunstbetrieb selbst so sehr in Provinzialismus und Kulturalismus verfangen scheint, dass man nur als „Globalen Süden“ gelten lässt, was antisemitisch ist. Damit ist der Blick der Documenta, am Rande bemerkt, selbst kolonialistisch: Der deutsche Kunstblick auf den „Globalen Süden“ ist essentialistisch, kollektivistisch und homogenisierend, wer nicht antisemitisch ist, scheint nicht dazu zu gehören.

Zum Autor

Samuel Salzborn ist Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus und außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen. Kürzlich erschien die dritte, aktualisierte Auflage seines Buches „Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne“ bei Beltz Juventa.

Der Kern des Problems ist dabei eine regressive Tradition postkolonialer Perspektiven, die – wie ich in „Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorien im Kontext“ (2015) ausführlich gezeigt habe – deutlich von anderen internationalen Lesarten abweicht. Den Hintergrund des postkolonialen Antisemitismus der Gegenwart bildet die Nichtaufarbeitung des internationalen linken Antisemitismus der 1970er und 1980er Jahre, der ein zentrales Strukturmerkmal der antiimperialistischen Gruppen war und die heutige Globalisierung des Antisemitismus wesentlich vorbereitet hat.

Diejenigen aus einem sich selbst als links verstehenden Milieu, die heute Antisemitismus und Israelhass verbreiten, verfolgen nach wie vor das völkische Weltbild des Antiimperialismus (das nun aber eher unter dem Label ‚ethnisch‘ oder ‚kulturell-divers‘ daherkommt), das von ethnisch-kollektiven Homogenitätsvorstellungen geprägt ist. Der Antiimperialismus, der sich primär gegen Amerika und Israel richtet, stellt die Rahmenideologie dar, deren integraler Bestandteil der Antisemitismus, vor allem in Form des Antizionismus, ist. Der antiisraelische Antisemitismus fungiert insofern als zentrales ideologisches Bindeglied in einem modernefeindlichen Weltbild.

Documenta 15: Antiisraelischer Antisemitismus als Rahmenideologie

Das antiimperialistische Weltbild wendet sich dabei nicht nur gegen Israel und Amerika, sondern gegen alles, was mit diesen assoziativ verbunden wird: gegen die Aufklärung und den Liberalismus, gegen die Moderne und die Individualität, gegen die Freiheit und die Demokratie – kurzum gegen jede Weltanschauung, die dem Menschen individuelle Freiheit und subjektives Glück verspricht. Dagegen stellen Antiimperialist:innen eine Vorstellung von homogenen Gemeinschaften, in der der/die Einzelne nichts, das Kollektiv aber alles zählt. Für alles, was in diesem Weltbild nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt, werden Amerika und Israel verantwortlich gemacht.

Im fundamentalen Widerspruch zur Marxschen Klassentheorie und der daraus resultierenden Annahme einer horizontalen Spaltung jeder Gesellschaft unterstellte man im Antiimperialismus die kollektive Unterdrückung ganzer „Völker“ und begann die Suche nach homogenen, unterdrückten Kollektiven, die zu Solidaritätsobjekten deklariert wurden. Klassengegensätze wurden zu Gegensätzen zwischen Völkern umdefiniert, von nun an galten Völker als kollektiv unterdrückt und damit als homogenes Kollektiv. Ausgehend von dieser sozialen Konstruktion richteten die antiimperialistischen Bewegungen ihre Aggression – neben Amerika – vor allem gegen die einzige Demokratie im Nahen Osten, nämlich gegen Israel, dessen Abwehr des palästinensischen Terrorismus im antiimperialistischen Weltbild umgedeutet wurde als Kampf gegen ein um Befreiung ringendes Volk.

Antiimperialismus: Klassengegensätze wurden zu Gegensätzen zwischen Völkern umdefiniert

Die spezifische Modifikation des antiimperialistischen Antisemitismus in jüngerer Vergangenheit basiert auf einer Verbindung von postmodernen Weltbildern mit einem antiimperialistischen Anspruch. Grundlage für diese Transformation des antiimperialistischen Antisemitismus ist zunächst eine schleichende Bedeutungszunahme von postmodernen Weltbildern als „antirationalistische Revolte“ (Klaus von Beyme), in denen Aufklärung und Modernisierung nicht als verkürzt, halbiert oder ambivalent wahrgenommen, sondern in Gänze verworfen werden. Die Vordenker*innen der Postmodernismus-Idee formulierten ihre Kritik an der Moderne noch als eine Kritik, die auch darauf zielte, dass das Paradigma der Moderne als Leitidee einen gewichtigen Teil der Menschheit von ihren eigenen Versprechen ausschloss und insofern diese vielfältigen Realitätswahrnehmungen notwendig zum Sprechen gebracht werden müssten.

Mit dieser zunächst richtigen Kritik warf die postmoderne Ideologie aber zugleich auch den universalistischen Anspruch von Aufklärung und Moderne über Bord – fast so, als hätten die postmodernen Denker*innen die Ambivalenz des die Aufklärung grundierenden Liberalismus nicht verstehen wollen, nicht gesehen, dass er als politischer Liberalismus Garant für Freiheit und Emanzipation sein kann, als ökonomischer Liberalismus aber stets Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse generiert und reproduziert.

Vergemeinschaftung kann keine Alternative zur Aufklärung sein

Man kann sowohl die brutalen Praktiken des Kolonialismus kritisieren und trotzdem gleichzeitig betonen, dass eine regressive Vergemeinschaftung, die offene Gesellschaftsvorstellungen in Frage stellt, keine Alternative zur Aufklärung sein kann. Der Postmodernismus stellte nun aber die Bezugnahme auf kulturalistische und kollektivistische Identitätskonzeptionen in den Mittelpunkt und meinte, die „Dialektik der Aufklärung“ (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno) auflösen zu können, indem er sie gänzlich verwarf. Das große theoretische Dilemma des Postkolonialismus besteht insofern darin, die Ambivalenzen der Aufklärung und ihres universalistischen Anspruchs zunehmend zu ignorieren. Und genau darin liegt auch das eigentliche Drama des Postkolonialismus: Dass Kritik am (politischen) Universalismus formuliert wird, während eigentlich die (ökonomischen) Ausbeutungspraxen gemeint sind, die mit dem universalistischen Anspruch verbunden waren.

So lange, wie diese Unterkomplexität des Postkolonialismus nicht selbstkritisch begriffen wird, wird er sich immer wieder reflexhaft auch antisemitisch gegen Israel wenden. Die deutsche Postkolonialismus-Debatte muss sich diesen dunklen Seiten ihrer eigenen Tradition stellen – und dabei von einem provinzialistischen, ethnisierenden und homogenisierenden Blick auf den „Globalen Süden“ verabschieden. Denn dieser Blick fußt letztlich auf einer projektiven Erinnerungsabwehr, in der der Antisemitismus „der anderen“ dazu dient, auch die eigenen Erbschaften des Antisemitismus zu vertuschen. (Samuel Salzborn)

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