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An der Aktion „#actout“ beteiligt: Ulrike Folkerts.
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An der Aktion „#actout“ beteiligt: Ulrike Folkerts.

Aktion „#actout“

Diversität: Die Gesellschaft hat sich verändert, der Film muss hinterher

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Qualität und Diversität schließen sich nicht aus, sondern ein.

Ein sehr umfangreiches Gespräch erschien kürzlich im Magazin der SZ, das Carolin Emcke und Lara Fritzsche mit sechs Schauspielern und Schauspielerinnen führten: Mehmet Atesçi, Jonathan Berlin, Godehard Giese, Karin Hanczewski, Eva Meckbach und Tucké Royale. Begleitet wurde es von Fotos von Paula Winkler.

Im Vorspann heißt es: „Sie zeigen sich in diesem Heft als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär, trans* – und fordern von ihrer Branche und der deutschen Gesellschaft, Diversität stärker sichtbar zu machen.“ – „#actout“ nennt sich die Aktion.

Jahre vor #actout schon ermutigende Outings

Mein Interesse war nicht sehr groß. Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ ist 50 Jahre alt und von Praunheims 1991 sehr umstrittene Forderung, prominente Schwule und Lesben sollten sich outen, um sich als Schutzschilder – das sind meine Worte – vor die „gewöhnlichen Homosexuellen“ zu stellen, wird am 10. Dezember dreißig Jahre alt werden. In der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ outete Rosa von Praunheim damals Alfred Biolek und Hape Kerkeling.

Darf er das?, debattierte die Nation. Wie auch immer man diese Frage beantworten mag: der beiden Beliebtheit schadete das Outing nicht. Ganz sicher half es vielen Heterosexuellen nicht nur, mit anderen Augen auf Schwule und Lesben, sondern auch auf sich selbst zu blicken.

#actout erschien gar nicht neu

Der Neuigkeitswert von „#actout“ konnte insofern nur unter dem der alten Debatten liegen. Dachte ich, bis mir klar wurde, dass Menschen von heute, die ihre Situation heute erklären, nicht im Wettbewerb um die mich am meisten erregende Sensation stehen. Dass die Welt sich inzwischen 50-mal um die Sonne und 18 300-mal um sich selbst gedreht hat, schließt jede Menge Veränderungen, Rückschläge mit ein. Ich las also das Gespräch.

Es wird begleitet von kurzen Statements von Erwin Aljukic, Emma Bading, Oska Melina Borcherding, Ulrike Folkerts und Lamin Leroy Gibba. Dazu noch ein Manifest mit 185 Unterschriften. In dem heißt es: „Bisher konnten wir in unserem Beruf mit unserem Privatleben nicht offen umgehen, ohne dabei berufliche Konsequenzen zu fürchten. Noch zu oft haben viele von uns die Erfahrung gemacht, dass ihnen geraten wurde – sei es von Agent*innen, Caster*innen, Kolleg*innen, Produzent*innen, Redakteur*innen, Regisseur*innen usw. –, die eigene sexuelle Orientierung, Identität sowie Gender geheim zu halten, um unsere Karrieren nicht zu gefährden. Das ist jetzt vorbei. Wir gehen nun gemeinsam den Schritt an die Öffentlichkeit, um Sichtbarkeit zu schaffen.“

Das ist das alte Outing-Problem. Es wäre falsch zu sagen, es habe sich nichts geändert. Aber offensichtlich hat sich zu wenig geändert. Erst recht nicht, blickt man auf die darzustellenden Rollen. Das wird in den Gesprächen deutlich. Immer wieder blühen im deutschen Fernsehalltag die Klischees. Die Männer sind kompetent, die Frauen arbeiten ihnen zu. Das Happyend ist eine Hochzeit.

Es gibt, das wissen alle, viele Filme, in denen es inzwischen ganz anders zugeht. Aber es gibt noch viel zu viele dieser Art. Im Manifest heißt es: „Diversität ist in Deutschland längst gesellschaftlich gelebte Realität. Dieser Fakt spiegelt sich aber noch zu wenig in unseren kulturellen Narrativen wider.“

Diversität im Film: Die Quote wäre die einzig sinnvolle Konsequenz

Der Schluss, zu dem die Beteiligten im Gespräch kommen, ist: Jeder gute Schauspieler, jede gute Schauspielerin kann alles spielen. Weiße können Schwarze spielen und umgekehrt, ein Schwuler einen Heterosexuellen und umgekehrt. Dafür aber – und dieses Aber wird ganz groß geschrieben – muss bei Engagements und Besetzungen auf Diversität geachtet werden. Das böse Wort kommt nicht vor, aber die einzig sinnvolle Konsequenz ist die Quote.

Auch ein Theater, in dem es keine Schwarzen, keine Muslime, keine Schwulen, keine Russen, keine Juden, keine Türken gibt, sollte sich umschauen. Natürlich hat kein Mensch etwas dagegen, dass es Filme gibt, in denen die Welt binär kodiert ist, also alles sich darum dreht, dass die richtige Frau den richtigen Mann bekommt.

Aber wenn ganze Zweige der Unterhaltungsindustrie nichts anderes zu kennen scheinen, dann muss dem entgegengesteuert werden. Weil Millionen Menschen sonst fortwährend erklärt wird: Verschwinde, du hast hier nichts verloren.

Als Naomi Campbell auf „Vogue“-Cover kam

Edo Reents formulierte in der FAZ am Dienstag folgenden Einwand: Die #actout-Aktion laufe auf eine „Umerziehung des Massengeschmacks“ hinaus. Ich kenne dieses Argument aus meiner Zeit als stellvertretender Chefredakteur der deutschen „Vogue“.

Wir hatten damals – es ist weit mehr als zwanzig Jahre her – Naomi Campbell auf dem Cover des Heftes. Der US-amerikanische Herausgeber tobte. Wir seien verrückt, Claudia Schiffer gehöre aufs Cover. Es gebe so gut wie keine Schwarzen in Deutschland. Keine „Vogue“-Leserin werde sich mit ihr identifizieren. Das Heft werde wie Blei in den Regalen liegen. Er täuschte sich. Das Heft verkaufte sich ausgezeichnet.

Diversität: Aus uns herausreisen

Die Menschen lieben sich. Sie lieben aber sehr oft auch die, die nicht so sind wie sie. Wenn wir im Theater sitzen, wenn wir Thomas Mann lesen, Neil Young hören, lieber Herr Reents, probieren wir uns aus. Wir erwarten nicht von der Kunst, dass sie uns dort belässt, wo wir sind, sie soll uns mitnehmen auf eine Reise aus uns heraus. Es ist Kunst. Geht also vorüber. Danach sind wir wieder die, die wir vorher waren.

Meist freilich findet gar kein Transport statt. Ich hatte schon schnarchende Nachbarn in „Tristan und Isolde“ und langweilte mich in Polanskis Meisterwerk „Der Mieter“.

„Das Gutgemeinte frisst die Ästhetik“ schreibt Reents. Wer auf Diversität achte, verliere das Kriterium der Qualität aus den Augen, glaubt Reents also. Er selbst aber scheint vergessen zu haben, dass die Qualität selbst sich verändert, sich diversifiziert. Es gibt heute keine Sprecher mehr wie Will Quadflieg oder Gert Westphal es waren. Das wird sich wieder ändern. Aber zur Zeit interessiert sich niemand für das „schöne Sprechen“. Kein Schauspieler muss noch fechten können. Die „jugendliche Naive“ ist keine gültige Rollenbeschreibung mehr.

Auch vor den Augen des 55-jährigen Reents haben sich gravierende Qualitätswechsel abgespielt. Qualität ist kein die Zeiten überdauerndes Kriterium. Qualität ist die eines Moments, einer Epoche vielleicht. Wer nach neuen Qualitäten sucht – und aus nichts anderem besteht künstlerische Arbeit -, der muss neue Wege gehen, neue Protagonisten finden und schaffen.

Das gilt übrigens auch in anderen Lebensbereichen. Auch im Journalismus.

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