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Palästinensische Frauen an einem Checkpoint auf der West-Bank in der Nähe der Stadt Ramallah.
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Palästinensische Frauen an einem Checkpoint auf der West-Bank in der Nähe der Stadt Ramallah.

Antisemitismus

Antisemitismus: Diskussion über die Jerusalem Declaration

  • vonMicha Brumlik
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Die Missgeschicke des Bewusstseins sind vielfältig. Umso wichtiger ist ein entschiedenes Engagement gegen Antisemitismus und Kolonialismus.

Über den Gräbern der Opfer des Holocaust und des Kolonialismus wird zurzeit heftig über ein angemessenes Gedenken an die großen Menschheitsverbrechen gestritten; manchmal mit Anschuldigungen, die den Gegner mundtot machen sollen. So wird zum Beispiel den Autoren und Autorinnen der neuen „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ und allen, die sie unterzeichnet haben, unterstellt, sie verstünden entweder nichts von der Materie oder wollten Kritikern der Politik Israels einen Freibrief für antisemitische Aussagen ausstellen.

Nichts in deren Biografien rechtfertigt solche Verdächtigungen. Die „Jerusalem Declaration“ soll die verbreitete ältere Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016 ergänzen, die nicht sorgfältig zwischen Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus unterscheidet und die Diskussion immer wieder vergiftet.

„Jerusalem Declaration“ : Unterscheidung zwischen antisemitischen Aussagen und Kritik

Die „Jerusalem Declaration“ unterscheidet deshalb fünf Typen von antisemitischen Aussagen über Israel von fünf anderen Typen, die kritisch zu Israel oder zum Zionismus stehen können, aber nicht automatisch als antisemitisch eingestuft werden. Das gilt zum Beispiel für die gewaltfreie palästinensische Boykottbewegung (BDS) gegen die Besatzung.

Weniger polemisch, aber in Ton und Inhalt überzogen ist Thomas Schmids Reaktion in der „Zeit“ auf den Erinnerungsforscher Michael Rothberg und den Afrikanisten Jürgen Zimmerer, die eine Erweiterung des Gedenkens auch in Deutschland auf die Verdrängung/Ermordung indigener Völker, auf Sklaverei und Kolonialismus anstreben. Schließlich gebe es neben dem Holocaust weitere Verbrechen mit Opfern, die in die Millionen gingen und deren Nachkommen ebenfalls Respekt für ihre Geschichte einforderten.

Dagegen wendet Schmid ein, der Holocaust sei kein Kolonialverbrechen, das Projekt einer „multidirektionalen Erinnerung“ somit wissenschaftlich nicht seriös. Nun sprechen die beiden Autoren an keiner Stelle von einer Kausalbeziehung zwischen Kolonialismus und Holocaust und betonen immer wieder, es gehe ihnen darum, das Spezifische einer Gewaltgeschichte zu erinnern, ohne eine andere zum Schweigen zu bringen. Sie möchten gleichwohl Parallelen oder auch Zusammenhänge zwischen diesen Verbrechen eruieren, so vor dem Hintergrund der europäischen Ideengeschichte. So ist die Ab- und Entwertung von Juden, aber auch von anderen Gruppen von Menschen, häufig außerhalb von Europa, schon seit Reformation und Aufklärung ein verbreiteter Aspekt in der politischen Theorie und der Philosophie.

Das Wiederaufleben antisemitischer oder rassistischer Tendenzen zur Sprache bringen

Muss man Thomas Schmid daran erinnern, dass die Nazis in den Dreißigerjahren Funktionäre in die USA schickten, um die dortigen Rassegesetze zu studieren und teilweise wörtlich zu übernehmen? Oder an Hannah Arendt, die im europäischen Imperialismus in Afrika Ansatzpunkte für den Vernichtungsrassismus der Nazis sah? Was spätere kaiserliche Militärs wie Carl Peters, der rassistische und gewalttätige Begründer der deutschen Kolonie Ostafrika, in Afrika lernen konnten, sei die Möglichkeit gewesen, Völker in Rassestämme zurückzuverwandeln. Da sei es dann besonders leicht, wenn man nur rechtzeitig das eigene Volk in die Position einer Herrenrasse hineinmanövriere. Wir fügen hinzu: Der spätere deutsche Vernichtungskrieg im Osten, ein rassistisch-ideologischer Systemkrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“, war auch als Kolonialkrieg zur Gewinnung von „Lebensraum“ und zur Verdrängung und Versklavung der Slawen gedacht. Ohne diesen Krieg hätte es nach heutigem Wissen den systematischen industriellen Massenmord so nicht gegeben.

Ein weiteres Anliegen „multidirektionaler Erinnerung“ betrifft die Konkurrenz zwischen kollektiven Traumen; im Nahostkonflikt zum Beispiel zwischen den Gewalterfahrungen der zionistischen Einwanderer, diskriminierter oder verfolgter Juden und Überlebender des Holocaust, in das Mandatsgebiet Palästina beziehungsweise nach Israel auf der einen Seite und den ortsansässigen arabischen Palästinensern und Palästinenserinnen auf der anderen, die dem zionistischen Siedlungskolonialismus, der sich ohne den frühen Rückhalt der Kolonialmächte nicht hätte durchsetzen können, weichen mussten und zum Teil noch müssen.

Und schließlich gilt es, die Fortdauer oder das Wiederaufleben antisemitischer oder rassistischer Tendenzen zur Sprache zu bringen, die sich aus der mangelnden Verarbeitung oder sogar der völligen Verdrängung von Menschheitsverbrechen ergeben. Bei den NSU-Morden haben unsere Landeskriminalämter bekanntlich die Familien der ermordeten Landsleute auf schäbigste Weise selbst der Taten verdächtigt und beschuldigt. Obwohl es keine Beweise für kriminelle Aktivitäten der Opfer gab, haben sie nur in eine Richtung ermittelt und reichlich vorhandene Hinweise auf das rechtsradikale deutsche Umfeld missachtet. Die von allen Verantwortlichen geteilte Begründung lautete, aus der Tatsache, dass die Tötung von Menschen „in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt“ sei, könne man ableiten, dass der Täter „weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems“ stehen müsse. Auch spreche der die türkische Gruppe prägende Ehrenkodex eher für eine Gruppierung „im ost- bzw. südosteuropäischen Raum (nicht europäisch westlicher Hintergrund)“.

Die Autoren

Micha Brumlik ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt sowie seit 2013 Senior Advisor am Selma-Stern-Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Er ist Mitautor der „Jerusalem Declaration“.

Gert Krell ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften ebenfalls an der Frankfurter Goethe-Universität.

Die Auseinandersetzungen um das Werk des afrikanischen Intellektuellen Achille Mbembe sind weit weniger dramatisch und damit nicht zu vergleichen, aber sie zeigen, wie heikel die Diskussion um Holocaust versus Kolonialismus auch zwischen „Nord“ und „Süd“ sein kann. Thomas Schmid ist nicht der Erste, der Mbembe antisemitische Äußerungen und mangelnde wissenschaftliche Qualifikation vorwirft. Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, hatte besonderen Anstoß an Mbembes angeblicher Gleichsetzung der Ermordung der europäischen Juden mit dem Apartheidregime in Südafrika genommen.

Es stimmt, dass Mbembe hier Parallelen sieht; so ist für ihn die entscheidende Triebkraft für die Verbrechen des Kolonialismus wie für den Holocaust der „Trennungswahn“ der jeweils herr-schenden Gruppe. Aber, und diese nicht unwichtige Qualifizierung hat Klein übersehen, Mbembe spricht im Verhältnis der Schoah zur südafrikanischen Apartheid von einem „anderen Kontext“ und „einer ganz anderen Größenordnung“.

Achille Mbembe hat berührende und brillante Analysen verfasst

Wir haben auf 800 Seiten Mbembe-Lektüre keine antisemitischen Stereotype finden können – wenngleich ihm gelegentlich antijudaistische Floskeln unterlaufen. Freilich überzieht Mbembe seine Kritik an der Politik Israels wie auch an den liberalen Demokratien allgemein, und zwar gelegentlich bis an die Grenze zur Dämonisierung. Das muss man kritisieren; aber es könnte auch damit zu tun haben, dass im Westen die siedlungskolonialistische Dimension des Zionismus häufig kleingeredet wird. Gerade in Deutschland, so die Journalistin Charlotte Wiedemann in „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, gelte die Vertreibung der Palästinenser häufig als historischer Kollateralschaden außerhalb unserer Zuständigkeit und unseres Mitgefühls. Warum falle es uns so schwer zu akzeptieren, dass Menschen, die nicht unsere Tätergeschichte teilen, anders auf Israel blicken?

Genau besehen waren also Mbembes Aussagen über Israel kein hinreichender Grund, ihm öffentlich geförderte Räume in Deutschland zu verweigern. Achille Mbembe hat berührende und brillante Analysen verfasst, über Kolonialismus, über die postkolonialen Gesellschaften in Afrika oder über die Fortdauer kolonialistischer Einstellungen zum Beispiel in Frankreich. Es gehört sich einfach, ihn als Wissenschaftler zu respektieren, auch wenn man nicht alles gut findet, was er geschrieben hat.

Gegen Ende seines Beitrags holt Thomas Schmid dann noch gegen den globalen Süden als Ganzen aus. Immerhin deutet er an, dass dessen Entwicklungsrückstand vielleicht etwas mit der Ausbeutung durch die Kolonialherren und die von ihnen begangenen Verbrechen zu tun hat.

Antisemitismus bekämpfen, aber Kritik äußern

Aber bei diesem Thema geht es auch um das Hier und Jetzt, um unsere heutige „imperiale Lebensweise“. So um die fatalen Folgen der westlichen Nachfrage nach schneller Billigmode für Menschen und Umwelt, die in Asien produziert wird oder in heruntergekommenen europäischen Fabriken, in denen illegal eingereiste Migrantinnen und Migranten ausgebeutet werden. Dass an diesen gefragten Kleidungsstücken Blut klebt, kann heute jeder wissen. Natürlich ist auch Thomas Schmid bekannt, dass die CO2-Emissionen pro Kopf in den Industriestaaten immer noch um ein Vielfaches höher liegen als im globalen Süden, und zwar nachdem wir im Norden über einen langen Zeitraum allein schon die Hälfte der vielleicht noch verkraftbaren Treibhausgase in der Atmosphäre deponiert hatten.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Formulierung, die Thomas Schmid aus aktuellen Diskussionen referiert, der Holocaust sei ein „white on white crime only“, stufen auch wir als rassistisch ein. Wenn weiße oder schwarze Linke meinen, es gebe keinen schwarzen Rassismus (auch unter Schwarzen), dann regen wir an, einmal bei Frantz Fanon das Kapitel „Missgeschicke des nationalen Bewusstseins“ nachzulesen. Und natürlich gibt es historische und aktuelle Menschheitsverbrechen nicht nur vom „Westen“ oder von Weißen.

Wir sind dafür, Antisemitismus entschieden zu bekämpfen, aber auch, die israelische Besatzung und die weitere Landnahme von Gebieten, die völkerrechtlich den Palästinensern zugesprochen worden sind, zu kritisieren. Und wir plädieren dafür, postkoloniale Kritik ernst zu nehmen und fair zu rezipieren sowie mit ihr selbst kritisch und selbstkritisch umzugehen.

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