Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, hier 2019 in der Ausstellung „Emphatische Systeme“ (Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo).
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Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, hier 2019 in der Ausstellung „Emphatische Systeme“ (Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo).

Frankfurter Kunstverein

Diskussion im Frankfurter Kunstverein: Eine Regierung für die Region

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Eine Diskussion im Frankfurter Kunstverein über den „Boden, das umkämpfte Gut“.

An den Wänden des Frankfurter Kunstvereins haben die Besucher ihre Botschaften auf kleinen Plakaten hinterlassen. „No Bugs = No birds“ (Keine Insekten = keine Vögel) steht da zu lesen und auch „We own land together“(„Uns gehört das Land gemeinsam“). Aber so ist es leider nicht. Tatsächlich ist der Boden längst „ein umkämpftes Gut“, wie die Einladung zur Podiumsdiskussion es formuliert. Knapp sechs Quadratmeter pro Sekunde freies Land werden in Deutschland durch Bebauung versiegelt, resümiert Franziska Nori, die Direktorin des Kunstvereins – während Naturschützer verzweifelt darum kämpfen, diese Freiräume zu erhalten.

Dieser Grundkonflikt prägt den Abend. Gerade zeigt der Kunstverein in seiner Ausstellung „Trees of life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“, wie Künstler die Situation sehen. Franziska Nori spitzt in den von ihr organisierten Diskussionen die Analyse jedoch gerne noch zu. Und eröffnet neue Blickwinkel.

So wirbt E. R. Xylander, der Direktor des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz, dafür, den Boden endlich als das zu sehen, was er auch ist: lebendiger Körper. Heimat nämlich für eine „unglaubliche Menge an Organismen“, vom Regenwurm bis zur Mikrobe. Xylander bekennt unverblümt, dass er die „Creepy Crawlers“ liebe, stellt aber vor allem die Bedeutung des freien Bodens für den Menschen heraus: Wasserhaltung, Mineraliendepot, Abwehr von Schadstoffen.

Der Mensch aber gehe mit diesen Ressourcen um, „als wären sie unendlich“, überbaue die wertvollsten Böden. Xylander fordert einen Kurswechsel, ein Ende des unbegrenzten Wachstums. Noch energischer tut das Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), die auch studierte Bodenkundlerin ist. Sie wird ihrer täglichen Praxis mit der Einsicht konfrontiert: „Der Stadtwald stirbt und der Boden stirbt mit.“ Die Politikerin verlangt energisch, „vom Grün her zu denken und nicht mehr so weiter zu bauen“.

Aber da ist natürlich neben immer neuen Verkehrswegen, Flughafenerweiterungen und Gewerbegebieten auch die soziale Frage: Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Wohnungen. Sebastiano Ferrante vom Institut für Corporate Governance der deutschen Immobilienwirtschaft gesteht ein: „Wir leben davon, Grundstücke zu nutzen.“ Er will den „Widerstreit von Ökologie und Ökonomie“ entschärfen und wirbt für nachhaltige neue Wohngebiete. Damit erntet er Spott der Grünen Heilig: Alle diese neuen Wohnquartiere sähen aus wie das Frankfurter Europaviertel, uniform und ohne Leben. Ferrante wehrt sich: Er habe dort nicht investiert, „weil ich das Viertel nicht für nachhaltig halte“.

Die Stimmung gerät zunehmend gereizter. Die Landwirtschaft vertritt der Oberurseler Jungbauer Niklas Sulzbach. Er kämpfte in Frankfurt erfolgreich dagegen, beste Ackerböden mit einem neuen Stadtteil für 30 000 Menschen zu überbauen. Seine Perspektive ist eine rapide Veränderung des Bauernstandes hin zu nachhaltigem Wirtschaften.

Doch die Zeit laufe ab, es brauche Veränderung, jetzt. Auf dem Podium fordert Heilig eine „regionale Regierung“ für das Rhein-Main-Gebiet, „keine Landkreise mehr“, eine internationale Bauausstellung für Frankfurt und Region, um zu zeigen, wie Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels aussehen könne.

Der Bodenkundler Xylander verlangt auch vom Publikum eine Veränderung seines Lebensstils hin zur Nachhaltigkeit. Das werde „nur ein Stück weit dirigistisch“ möglich sein. Xylanders Sorge ist, dass Rechtspopulisten von der Auseinandersetzung um den Klimawandel profitieren. Er erinnert daran, dass es in seiner Heimatstadt Görlitz gerade noch knapp gelungen sei, einen Oberbürgermeister der AfD zu verhindern.

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