Herkules im Kampf mit dem Löwen.
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Herkules im Kampf mit dem Löwen.

USA

Dirty Days

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Auf Joe Biden, so hört man, komme eine Herkulesaufgabe zu. Das ist wohl so, aber was heißt das? Nicht auszudenken, sobald die Sache ernsthaft zu Ende gedacht wird.

Augiasstall first. Unwiderstehlicher Gedanke während der letzten Tage, denn dass die Verhältnisse zum Himmel stinken, lässt sich nicht leugnen. Machtmissbrauch, ungezügelte Selbstherrlichkeit, durch und durch verlogenes Vorgehen – vormals ein Problem im Zeitalter der Ära der griechischen Götter, abermals zuletzt. Damals musste Herkules ran, um den Augiasstall auszumisten. Eine schier übermenschliche Anstrengung, eine Tat, die gelang. Sie machte Herkules, anerkannt wie er war, noch größer.

Mythos hin oder her: erneut Betrug, Korruption, krasse Missverhältnisse. Was der Legende zufolge eine Unterkunft für Rinder war, ist der Wirklichkeit nach ein Weißes Haus, in dem das Wappentier der Republikaner, der Elefant, nie als nur neutrales Maskottchen gedacht war. Auftrumpfend, nicht erst seit den Tagen Trumps. Aber allein Trump ist ein Anlass, um Amerikas Augiasstall auszumisten.

Nicht auszuschließen, dass mehr als 70 Millionen Wählerinnen und Wähler einem Joe Biden Vertrauen geschenkt haben. Wie schon Herkules, als er am Scheideweg stand, so hat sich auch Biden an solchen Weggabelungen nicht nur einmal entschieden, anstatt des leichten Weges den schweren zu nehmen. Jetzt, mit 78 Jahren, steht Biden vor einer heroischen Herausforderung erst recht. Deshalb lässt sich an den Optimismus der Herkules-Metapher halten, zumal zum Mythos auch der Triumph des Herkules über den grauenvollen Nemeischen Löwen gehört – nicht zu vergessen aber vor allem der Kampf gegen die hundertköpfige Hydra, das Schreckenswesen schlechthin, dem jeder abgeschlagene Kopf doppelt nachwächst. Was aber bedeutet ein Mythos, der nicht etwa eine Lügengeschichte erzählt, sondern eine höhere Wahrheit enthält, eine für die Wirklichkeit in den USA, in der sich die Lügen Trumps, die von Verschwörung und Wahlbetrug, in Millionen Köpfen vervielfältigt haben? Der Kampf um den Stall scheint eine einfachere Aufgabe als der um die Köpfe.

Denn beim Kampf um die Köpfe hat sich gezeigt, dass Trump seinen Showdown um das Weiße Haus als einen ums Ganze geführt hat. Als eine letzte Schlacht, angefangen mit dem Dirty Day, seinem Putsch gegen das demokratische Wählervotum, als er sich noch in der Wahlnacht, ohne die Auszählung abzuwarten, zum Sieger erklärte.

Wie sehr dieses Gefecht ohne Rücksicht auf Verluste geführt wurde, ist angespannt auch in Europa verfolgt worden, nicht zuletzt bei uns, in Deutschland, von uns. Die deutsche Öffentlichkeit, die sich offenbar in großen Teilen einig zeigte in ihrer Ablehnung eines rücksichtslosen Zockers und politischen Falschspielers, fieberte mit, um der Demokratie willen. Ohne allerdings wirklich wahrzunehmen zu wollen, dass dieser Lügenfeldzug Trumps ein Kampf um Selbstbehauptung ist, um politische, soziale, nicht zuletzt kulturelle Hegemonie. Was das angeht, hatte Trump in den vier Jahren dann doch ein Ohr für seine Berater, nicht von ungefähr für einen Neo-Bolschewisten wie Steve Bannon.

Trump, das zeigten die repräsentativen Umfragen während der Trumpjahre ebenso wie die Statements hochgradig aufgeputschter Trumpanhänger während der Wahlnacht, vor laufenden Kameras, verkörpert das, was der Politikwissenschaftler Torben Lütjen in seiner Analyse „Amerika im kalten Bürgerkrieg“ (wbg Theiss) die „letzte Rückzugslinie“ nennt. Da dieser kalte Bürgerkrieg nicht mit der Wahlnacht beendet war, wird man noch lange mit dem Buch argumentieren können. Trumps Republikanismus verkörpert die letzte Rückzugslinie eines reaktionären, eines rassistischen, eines religiös aufgeladenen, eines marktradikalen Amerika. Dass dabei mit nicht nur unfairen, sondern mit offen verlogenen und unverhohlen aggressiven Mitteln vorgegangen wurde, hat Trump als Wahlkämpfer bestätigt.

Dass Donald Trump jr., als die Wahl verloren war, gar zum „totalen Krieg“ aufrief, ist so ungeheuerlich – wie allerdings auch folgerichtig innerhalb der irrsinnigen Logik des Trumpismus. Wem es um alles oder nichts geht, muss nicht im Berliner Sportpalast stehen, um sich seiner Sache sicher zu sein, der Demagogie. Demagogie kennt keine Skrupel; wer Demagoge ist, setzt sich über Skrupel ebenso hinweg wie über Selbstzweifel. Skrupellosigkeit war immer schon die Ultima ratio Trumps – warum jetzt nicht auch deren Durchsetzung durch Gewalt, die Rettung der eigenen Haut eines Autokraten auf Kosten der Haut der Bürger.

Trump hat die Politik als Geschäftsmann gekapert, es war die feindliche Übernahme durch einen Businessman, der auf einem besonders brisanten Erwerbszweig reüssiert hat, dem Immobiliengeschäft. Auch ein Augiasstall. Allein der Trump-Tower wurde zu einem weit über New Yorks 5th Avenue hinausweisenden Symbol betrügerischer Praktiken. Nicht nur bei dieser Immobilie bildeten Trump und undurchsichtige Mächte, angefangen mit der New Yorker Mafia, eine verschworene Gemeinschaft. Konspiration, Verschwörung auch das.

Der Wille zum Betrug ebenso wie der Glaube an die Kraft der Verschwörung ist offensichtlich mehrerlei, ein erfolgreiches Geschäftsmodell, ein erfolgreiches politisches ebenso wie ein mentales Muster, das in den USA, obwohl ein Land radikaler Modernisierung, Tradition hat, und das nicht etwa seit den Tagen des Kalten Krieges und der McCarthy-Ära. Das ist durchaus erstaunlich, galten doch die USA, Torben Lütjen erinnert daran, als das Land des Pragmatismus, selbst in den Zeiten des Totalitarismus, des Nationalsozialismus und Stalinismus während der 30er und 40er Jahre, hielt die US-Bevölkerung ideologisch weitgehend Distanz – es sei denn, man zählt auch ein nicht „widerspruchsfreies Amalgam von Werten wie Gleichheit, Freiheit, Individualismus und protestantischer Wirtschaftsethik“ (Lütjen) zu einer Ideologie. Radikale sehen das so.

Wie auch immer, so etwas wie ein Ende der Ideologien hat es nie gegeben, die Ideologie der Ideologielosigkeit ist eine besonders clevere Ideologie – und „Amerika war selbst eine Ideologie“, wie Lütjen festhält. Amerika, diese Ideologie, hat keiner als Ideologie wieder so unmissverständlich wie unübersehbar groß machen wollen wie Trump. Der Trumpismus wäre bei seinen Anhängern nicht so erfolgreich, wenn er nicht den „ideologischen Überschuss“ (Lütjen) bei jeder Gelegenheit gegen den Pragmatismus aufgeboten hätte, unverhohlene Parteilichkeit.

Daran ist erstaunlich, dass Parteilichkeit in den USA eigentlich „negativ konnotiert ist“, wie der amerikanische Journalist Ezra Klein in seinem Buch „Der tiefe Graben“ (Hoffmann & Campe) schreibt: „Parteilichkeit ist schlecht.Parteilich zu sein, ist undurchdacht, ärgerlich.“ Und doch ist das Ärgernis eine populistische Strategie, weil Ärger Popularität verspricht. Ein Beispiel schamloser Parteilichkeit gab ein gewisser William Jennings Bryan aus dem Lager der Demokraten ab, der 1896 für seine Partei zu den Wahlen antrat. Um seines Erfolgs willen ging er auf das eigene politische Establishment los und erklärte es zu seinem Gegner. Er mied die damaligen „Mainstreammedien“, setzte auf „eigene Flugblätter“, die „häufig mit den Fakten Schindluder trieben“ – woran der britische Politologe David Runciman in seinem Buch „So endet die Demokratie“ (Campus Verlag) erinnert.

Weitere Parallelen zu Trump: Der Kandidat der Demokraten sprach „Wirtschaftsexperten die Kompetenz ab“, bezichtigte sie einer Verschwörung auf Kosten der kleinen Leute, er denunzierte ausländisches Kapital, indem er antijüdische Ressentiments bediente und versprach, für den Fall seines Wahlsieges, den Interessen amerikanischer Farmer den Vorrang einzuräumen. Protektionismus, Rassismus, der Putsch gegen die Eliten und die Expertise.

Der Wahlkämpfer Bryan, so Runciman, setzte dabei auf die Verwirrung, darunter Verschwörungstheorien, die, neben den bereits genannten, auf den „Vertrauensverlust in demokratische Institutionen“ zielten. Die Institutionen – ein Übel. Etwa ein Augiasstall? Neben der Politisierung der Rassenfrage, neben der Politisierung der Religion, nennt Lütjen eine dritte Ursache für die Krise der US-amerikanischen Demokratie, die „Bewegung gegen den Staat“, eine von Trump ununterbrochen angeschärfte Ideologie.

Offene Institutionenfeindlichkeit, unverhohlene Feindschaft gegen den Staat: Mit Blick auf den von Trump bedienten Anti-Etatismus zeigt sich die Kehrseite der Metapher vom Augiasstall. So etwas wie der Selbstbetrug einer Metapher, wenn sie Ressentiments bedient. Kein Vorurteil, das nicht anfällig wäre für Verschwörungsideologie, keine, die nicht von Helden schwärmte.

Also besser doch kein Herkules, aufräumend im Augiasstall? Kenner der Ursachen der amerikanische Krise machen stets auf die „fundamentale Ignoranz“ in den USA aufmerksam. Die Anfälligkeit für schier „unglaubliche Verschwörungstheorien“ (Runciman) erklärt sich ausdrücklich durch die horrende US-Bildungskrise.

Womit sich die Frage neu stellt: Herkules Biden? Was das angeht, wäre schon etwas gewonnen, wenn man in Herkules nicht nur einen Hollywoodhaudrauf, einen Ryan Gosling oder Arnold Schwarzenegger sähe, sondern einen großen starken durchsetzungsfähigen Mann. Doch welcher Nachfolger in Herkulesgestalt war seiner Aufgabe schon gewachsen – es sei denn, er ging diese verbissen an, muskelbepackt, kompromisslos, schauerlich engstirnig.

Und Augiasstall? Don’t mention the myth, ja, vielleicht gar nicht erst ernsthaft dran rühren.

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