Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
+
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Debatte

A. Dirk Moses: Angriff auf die Einzigartigkeit des Holocaust

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
    schließen

Mit steilen Thesen hat der australische Genozidforscher A. Dirk Moses einen neuen Historikerstreit entfacht. Ein erster Versuch, die Debatte zu verstehen.

Als Katechismus bezeichnet man seit Beginn der Neuzeit ein Handbuch der Unterweisung in die Grundfragen des christlichen Glaubens. Das Wort Katechismus ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen, das wiederum auf das spätgriechische „katechein“ zurückgeht, was wörtlich so viel bedeutet wie „von oben herab tönen“.

Wenn der australische Historiker A. Dirk Moses die Annahme von der Singularität des Holocaust als „Katechismus der Deutschen“ bezeichnet, darf man also kaum davon ausgehen, dass er damit die diskursive Offenheit der geschichtspolitischen Debatten der letzten Jahre zu preisen beabsichtigt. Vielmehr meinte Moses in polemischer Diktion zuletzt einen ins Religiöse tendierenden Kult diagnostizieren zu können, in dem auf geradezu panische Art und Weise an der Singularität des Holocaust festgehalten werde. Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch sei für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik, heißt es einleitend zu Moses’ Ausführungen in dem deutsch-schweizer Portal „Geschichte der Gegenwart“, das Moses’ Essay veröffentlichte. Den Holocaust mit anderen Genoziden zu vergleichen, gelte den Deutschen als Häresie, als Abfall vom rechten Glauben. Und in apodiktischer Manier schließt Moses: „Es ist an der Zeit, diesen Katechismus aufzugeben.“

Katechismus, Häresie, rechter Glaube – das auffällige Bedürfnis, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust und dessen Bedeutung für die Gegenwart mit religiösen Termini zu belegen und sogleich zu diskreditieren, irritiert von der ersten Zeile an, mit der der 1967 geborene A. Dirk Moses in die Debatte um Vergleiche zwischen dem Holocaust und diesem vorausgegangenen kolonialen Genoziden eingreift. Und seine Überlegungen münden in einem massiven Manipulationsverdacht von oben. Die Erinnerungskultur sei zur „Staatsideologie geworden, die Sprechcodes verordnet.“

Bereit, in die Vollen zu gehen

Der Bogen ist weit gespannt, und der Verdacht auf Sprechverbote gibt eine Tonlage vor, mit der Moses bereit scheint, in die Vollen zu gehen. Ohne Umschweife knüpft er an den Historikerstreit der 80er-Jahre an, in der allen voran der Historiker Ernst Nolte darum bemüht war, die Vernichtung der Juden als eine vom Bolschewismus provozierte „asiatische Tat“ zu beschreiben. Der Historikerstreit der 80er-Jahre stand vor allem im Zeichen, eine Relativierung des Holocaust abzuwehren.

Moses rehabilitiert Nolte nicht, meint aber feststellen zu können, dass viele linke und liberale Deutsche damals begriffen hätten, dass sie nach dem Holocaust nur dann als „gute Menschen“ gelten können, wenn sie die Deutung des Holocaust in das eigene Selbstverständnis eingliederten und dies auch gegenüber einer internationalen Öffentlichkeit dokumentierten. Im rechten Milieu hat sich diese Überlegung unter dem polemisch vergifteten Stichwort vom Schuldkult gehalten, ein Protagonist der Neuen Rechten hat in diesem Zusammenhang das Berliner Holocaustmahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und von der Notwendigkeit einer erinnerungspolitischen Wende von 180 Grad gesprochen.

Mit solchen Gedanken macht A. Dirk Moses sich nicht gemein, aber er unterstellt insbesondere der deutschen Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus eine Art mentale Hemmung. Das Festhalten an der Singularität des Holocaust habe letztlich sogar dazu geführt, dass die vorangegangenen Verbrechen der Kolonialgeschichte in Vergessenheit geraten seien. Moses sieht aber nicht nur eine Überlagerung oder gar Verdrängung von Forschungsinteressen. Er konstatiert vielmehr, dass die brutale nationalsozialistische Expansionspolitik unmittelbar aus den kolonialen Verbrechen hervorgegangen sei. Zugespitzt formuliert wäre der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika demnach eine Art Blaupause für die Vernichtung der Juden gewesen.

Dem hat kürzlich der Berliner Historiker Götz Aly in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur ausdrücklich widersprochen. „Es gab eigene Verbrechen, die in der Zeit des Kolonialismus stattgefunden haben. Die Deutschen haben auch von anderen Kolonialmächten gelernt. Aber es hat keine flächendeckende Ermordung von ganzen Bevölkerungen gegeben, die anlasslos war. Juden aber sollten als Juden, weil sie Juden waren, ausgerottet werden.“ In den afrikanischen Kolonien, so Aly, sei es bei verschiedenen Strafexpeditionen primär darum gegangen, Gegenwehr niederzuschlagen. Es sei aber nicht das Ziel gewesen, ganze Bevölkerungen einfach nur deswegen auszulöschen, weil sie einer bestimmten Gruppe oder einer bestimmten Religion oder Ethnie angehörten.

Aufmerksamkeit erregen

Götz Aly sieht in der nun aufflammenden Debatte nicht zuletzt den Versuch von Leuten, die zum Thema Kolonialismus arbeiten oder der Decolonize-Bewegung angehören, an Wichtigkeit zu gewinnen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Zumindest das scheint A. Dirk Moses gelungen. Nachdem er seine Thesen vom „Katechismus der Deutschen“ zuletzt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erneuert hatte, widersprach ihm der Holocaustforscher Saul Friedländer mit großer Vehemenz. Der Holocaust unterscheide sich, so Friedländer, fundamental von anderen historischen Verbrechen. Zudem, so Friedländers Befürchtung, laufen die Vertreter postkolonialer Perspektiven Gefahr, den wieder aufflammenden Antisemitismus zu ignorieren.

A. Dirk Moses zeigte sich davon nicht unbeeindruckt. In einer Antwort auf Friedländer plädierte er beschwichtigend dafür, die Erinnerung an andere Massenverbrechen in die deutsche und europäische Aufarbeitung der Vergangenheit einzubeziehen. Denn es gebe viele fundamentale Verbrechen bei der Entstehung der westlichen Zivilisation.

Die Debatte, so scheint es, wird fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare