Karneval in Venedig, heutzutage, aber nicht unbedingt für die Ewigkeit.
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Karneval in Venedig, heutzutage, aber nicht unbedingt für die Ewigkeit.

Daten-Speicherung

Snapchat, Instagram, Big Data: Wie Digitalisierung unsere Kultur verändert

  • Thomas Kaspar
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Die unbegrenzten Möglichkeiten zur Speicherung von Daten lobte unser Autor Harry Nutt in der Wochenendausgabe. Thomas Kaspar antwortet ihm.

Wenn in den nun beginnenden zwanziger Jahren ein allgegenwärtiges Verschwinden herbeigeredet oder beklagt wird, sollte das gesellschaftliche Bedürfnis, Reservoire anzulegen weder vernachlässigt noch unterschätzt werden.“ Harry Nutt legt in seiner Analyse für uns „Die Logik des Konsums“ den Finger in die Wunde des Digitalen. 

Ein Festplatte-Crash zerstört so viel wie früher ein Hausbrand

Im vergangenen Jahrzehnt gehört es zu den entscheidenden Erkenntnissen, dass ein Absturz einer Festplatte zerstören kann, wofür es zuvor einen Hausbrand gebraucht hätte: Die Familienfotos, Plattensammlung, Lieblingsfilme und viele Träger von Gefühlen sind digitalisiert und nicht mehr dauerhaft. Konnte man früher Opas Dias jederzeit zeigen, findet sich heute kaum noch ein Schlitz, in den die alten Datenträger auch nur hineinpassen.

Die neuen Möglichkeiten des digital Verfügbaren verweisen auf einen Kulturwandel, von dem niemand weiß, wohin er führen wird. Alles wird gescannt, der Suchschlitz auf dem Monitor macht ein unschätzbares Archiv der Menschheitsgeschichte zugänglich. Vorangetrieben hat diese Ausweitung die größte aller Suchmaschinen namens Google, die systematisch alles in den Datenschlund aufsaugt und es der Welt zugänglich macht. Schon 2011 etwa 250 000 Schriften der British Library, eine feministische Streitschrift über Königin Marie Antoinette aus dem Jahr 1791 ebenso wie einen Bericht über ein ausgestopftes Flusspferd des Prinzen von Oranien aus dem Jahr 1775.

Alles was suchbar ist, wird von Google aufgesaugt

Getarnt als altruistisches Wissensprojekt, entsteht so auch der größtmögliche Zugang zu Kunden an einem Computer oder inzwischen an einem Smartphone. Es ist dieser Logik egal, was digitalisiert und dargestellt wird, solange es ein Suchbedürfnis gibt. Wenn es den Markt der Suchenden vergrößert, wird sich diese Mechanik immer mehr verstärken: Inzwischen werden Bilder und Texte längst so aufbereitet, dass sie auffindbar sind, um erfolgreich zu sein.

Verändert hat sich damit auch unser Grundbedürfnis, was wir als Kultur dauerhaft erwerben wollen, was wir als Wissen ansehen. Der grundlegende Wandel unserer Lesensform spiegelt sich in den Lehrplänen der Schulen wider. Der Beginn der Moderne zeichnet sich dadurch aus, dass es Wissen kanonisiert: Enzyklopädien, Wörterbücher, Atlanten sammeln, was Einzelne erfahren haben, tragen es in Schulen möglichst in die Breite. Dieser Wissenskanon hat eine soziale Dimension: Wer die wichtigsten Autoren kennt, alle Hauptstädte auswendig weiß, gilt irgendwann als gebildet. Allein dadurch, dass eine Gesellschaft definiert, was als Bildung gilt, hat jeder zumindest die Chance, sich diesen anzueignen, auch wenn er schlechtere Startbedingungen hat. Die Schule hat definiert, was der dauerhafte Bestand der Kultur ist.

Schule: Kompetenzen statt Kanon sind sozial ungerecht

Der Schwenk weg vom Kanon hin zur Kompetenzen-Vermittlung ist in diesem Sinn zutiefst sozial ungerecht. Die Studie der „30-Millionen-Wörter-Lücke“ hat gezeigt, mit wie viel weniger kanonisiertem Wissen Kinder aus Familien mit wenig Einkommen in der Schule ankommen. Sie sollen nun lernen, wie man sucht, aber nicht mehr was und warum und schon gar nicht, auf welcher Basis Wissen überhaupt besteht. Sie suchen nach Martin Luther oder nach dem Dreißigjährigen Krieg, werden aber die zeitliche Reihenfolge oder den inneren Zusammenhang immer weniger verstehen.

Vorhanden und dauerhaft verfügbar ist das Wissen seit der Digitalisierung also, es vernetzt sich jedoch künftig komplett neu. Algorithmen der „Big Data“-Speicher werden eine entscheidende Rolle spielen, und wir Menschen haben noch nicht gelernt, was das für uns bedeutet. Wir können mit den Techniken des Gutenberg-Zeitalters daran herangehen, doch das wird nicht reichen, um das exponentielle Anwachsen der Daten zu begleiten und menschlich zu machen.

Peinliche Bilder im Internet - die Jugend hat einen Ausweg

Es zeigen sich erste Reaktionen auf das Ständig-Dasein von Daten. Wie seltsam, wenn einem Inhalte einer Freundin von der Maschine gezeigt werden, wenn diese bereits gestorben ist. Große Netzwerke wie Facebook haben längst reagiert und den digitalen Nachlass geregelt, damit Nachkommen benachrichtigt werden und das digitale Abbild des Seins in den Gedenkzustand versetzt wird. Unsere Gesetze regeln so langsam das Recht auf Vergessen, damit ein Straftäter auch aus den digitalen Archiven verschwinden darf, wenn er seine Strafe abgesessen hat.

Früh haben die US-Geheimdienste erkannt, dass es nicht nur peinlich ist, wenn einer Politikerin die Maus auf die Tastatur fällt, sondern dass sich aus den Spuren der Menschen vor den Tasten viele Informationen herausziehen lassen. Das Wissen um die Spuren im Web ist Kulturgut geworden. Und es hat nur so lange gedauert, wie eine Tochter in den Kindergarten geht, bis die Jugendkultur die Logik des peinlichen Fotos im Internet gelöst hat. 

Andy Warhol würde Snapchat nutzen

Was Andy Warhol das Polaroid war, ist der Jugend Snapchat. Von vornherein auf Verschwinden angelegt, hat das Netzwerk mit dem Geist-Symbol das Verfallsdatum als Prinzip. Jedes Foto wird nur einmal gezeigt, der Nutzer bestimmt, wie viele Sekunden lang. Wird es wiederholt oder gar gespeichert, wird der Urheber benachrichtigt. Wie mein Selbst sein könnte, inszenieren die Menschen bleibend auf Instagram. Auf Snapchat tauschen sie sich über das verhuschende Banale aus.

Menschen wollen Familienfotos sichern, sie haben aber auch ein gutes Gespür dafür entwickelt, dass nicht alles länger als einen Tag Bestand haben soll. In den Stories von Facebook, Instagram oder eben auch Snapchat füllen sie ephemere Inhalte, Eintagsfliegen, die dann auch wieder verschwinden. Spannend wird sein, wie die Archäologie des Digitalen einst diese Kulturepoche des Verblassens rekonstruieren wird.

Wer sucht, vernetzt noch lange nicht sein Wissen

Die nun beginnenden zwanziger Jahre haben noch keine Richtung zwischen dem Verschwinden und den Datenspeichern für die Ewigkeit. Eine der wichtigsten Aufgaben wird sein, die Vernetzung von Daten zu Informationen, von Informationen zu Wissen, von Wissen zu Weisheit neu mit Leben zu füllen.

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Auch auf die Qualität des Journalismus wirkt sich die Digitalisierung der Medien aus.

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