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Digitales Schreiben: Das Neue Neu greift zu kurz

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Von: Kathrin Passig

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Auch Fachleute finden es manchmal erbsenzählerisch und verkehrt, schon Keilschrifttafeln als digital zu bezeichnen.
Auch Fachleute finden es manchmal erbsenzählerisch und verkehrt, schon Keilschrifttafeln als digital zu bezeichnen. © Getty Images/EyeEm

Ob wir es nun Digitales Schreiben nennen oder Elektronisches Schreiben, eines bleibt es immer: Schreiben.

Im Wintersemester war ich an einer Ringvorlesung der Technischen Universität Dresden, beteiligt, die vom „Digitalen Schreiben“ handelte. Eigentlich ist jedes Schreiben digital, denn das analoge Gewaber der gesprochenen Sprache wird dabei durch diskrete Signale, die Buchstaben, dargestellt. „Diskret“ heißt nicht, dass man die Buchstaben in einem unauffälligen Umschlag verschickt. Es bedeutet, dass das Gewaber in nur ungefähr 30 verschiedenen Zeichen verstaut ist, die sich – außer in ganz lausigen Handschriften – einigermaßen klar voneinander trennen lassen. Im Prinzip ist es der gleiche Vorgang wie bei der Digitalisierung von Musik, wenn die Rille auf der Schallplatte oder die Schallwellen der Luft in Zahlenwerte übersetzt werden.

Aber die Meinungen darüber gehen auseinander. Auch Fachleute finden es manchmal erbsenzählerisch und verkehrt, schon Keilschrifttafeln als digital zu bezeichnen. Und um Keilschrifttafeln ging es auch in der Ringvorlesung nicht mal am Rande. Sie handelte von relativ neuen Schreibpraktiken.

Alles Schreiben ist digital - oder nicht?

Dabei ist digitales Schreiben eigentlich möglich, seit es digitale Computer gibt, also seit den 1940er Jahren. („Digitale Computer“, das klingt wie „nasses Wasser“, ist aber nicht nur eine schlampige Formulierung. Es gab wirklich vorher analoge Computer.) Der Begriff Digitales Schreiben ist aber viel jünger.

In Dieter E. Zimmers 1991 erschienenem Buch „Die Elektrifizierung der Sprache“ ist noch von elektrifizierten Autoren und Lesern die Rede, vom vollelektronischen Autoren-Arbeitsplatz, gelegentlich auch vom Elektronischen Schreiben und von computergeschriebenen Texten. In weiten Teilen kommt das Buch ganz ohne allgemeinen Begriff für sein Thema aus. In „Elektronisches Publizieren: Eine kritische Bestandsaufnahme“, einer etwa zur gleichen Zeit erschienenen Studie im Auftrag des Bundesforschungsministeriums, geht es neben dem Elektronischen Publizieren viel um das Computerschreiben.

Digitales Schreiben: „Schreibweisen, die einigermaßen neu sind“

Das sind alles keine Optionen mehr. Elektrisches Schreiben kann man nur ironisch sagen, wenn man eine Veranstaltung dekorativ mit Staub überziehen möchte. Computerschreiben klingt nach den 1980er Jahren und Elektronisches Schreiben nicht viel neuer. Schreiben im Netz war in den 1990er und 2000er Jahren ein Notbehelf. Jetzt sind wir beim Digitalen Schreiben angekommen, der aktuellen Formulierung für „Schreibweisen, die einigermaßen neu sind“.

Zur Person

Kathrin Passig schreibt jede Woche in der FR über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de.

„Je Türenknall, desto wiederkomm“: Alle 2020 in FR7 veröffentlichten Kolumnen gibt es nun als Buch, Infos unter www.kathrin.passig.de/buecher.

Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update

Befriedigend ist das nicht, schon weil immer wieder irgendwelche Kolumnistinnen kleinlich darauf hinweisen, wie schlecht sich der Begriff für seine Aufgabe eignet. Es ist wie mit Digitalisierung , einem Wort, das ebenfalls den Lückenbüßerjob hat, immer den Schritt zu bezeichnen, der in der jeweiligen Branche gerade der aktuellste ist, anstatt irgendeinen konkreten Prozess, der eines Tages abgeschlossen sein wird.

Außerhalb der Branche werden aus Digitalem Schreiben die „Neuen Medien“

Außerhalb der Schreibbranche hat man ein ähnliches Problem mit dem Begriff „Neue Medien“ gelöst. Das ist ehrlicher und lädt weniger zu Missverständnissen ein. In den 1970er Jahren, als der Begriff „Neue Medien“ neu war, bezeichnete er vor allem das Fernsehen, später Computer und CDs und jetzt gerade Geräte mit Internet, vor allem in ihren herumtragbaren Varianten. Er klingt nicht gerade futuristisch, ist aber auch nicht lächerlich geworden – ein bisschen wie ein Möbelstück, das seit Jahrzehnten nach jedem Umzug wieder aufgestellt wird. Schöner macht es die Wohnung zwar nicht, aber man braucht sich bei Gästen nicht für seine Hässlichkeit zu entschuldigen. Ganz nützlich ist es außerdem.

Kathrin Passig.
Kathrin Passig. © downloads.normanposselt.com/copyright.pdf

Vielleicht wäre es gut gewesen, rechtzeitig von der Haltbarkeit des Neue-Medien-Begriffs zu lernen und statt vom elektronischen oder digitalen Schreiben von Neuen Schreibformen oder Neuen Schreibtechniken zu sprechen. Oder noch besser von Schreibtechniken der Gegenwart . Wenn man neue Schreibtechniken sagt und ein Beispiel nennt, denkt sonst die Hälfte der Anwesenden: „Was soll denn daran neu sein, das gab es doch vor zehn Jahren auch schon.“ Gegenwart muss nicht ganz so neu sein. Eine großzügig angelegte Gegenwart kann schon mal 100 Jahre dauern.

Wenn in ein paar Wochen auch das Digitale Schreiben so verbraucht klingt wie seine Vorläufer, könnten wir also mit 50 Jahren Verspätung auf die „Neues Was-auch-immer“- oder die „Irgendwas der Gegenwart“-Karte setzen. Die hält dann hoffentlich so lange durch, bis der Vorgang wieder einfach Schreiben heißen darf. (Kathrin Passig)

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